In der vergangenen Woche wurde der jüngste Sohn der Familie Abel (Name von der Redaktion geändert) in der Nordweststadt eingeschult. Froh und feierlich war keinem zumute. Die Nacht zuvor hatten die Abels – Vater, Mutter und drei Kinder von sechs, 12 und 14 Jahren – allesamt im Auto übernachtet. Vater Tarkan sagt, das sei ihnen lieber gewesen, als im Hotel in der Moselstraße zu schlafen, „direkt an der Fixerstube“. Dorthin habe sie das Sozialrathaus schicken wollen.
Familie Abel hat nämlich keine eigene Wohnung mehr, Familie Abel ist obdachlos. Zwangsgeräumt am 5. Juli von Polizei, Gerichtsvollzieher und mit einigem Aufsehen, weil sie anhaltend die Miete nicht mehr zahlen konnten. Zwischendurch sind sie bei Verwandten und Bekannten untergekommen, zuletzt blieb noch das Auto.
Vermeidung von Obdachlosigkeit: Damit Familien wegen hoher Mietschulden ihre Wohnung nicht verlieren, zahlt die Stadt diese Schulden und andere Verbindlichkeiten, die den Verbleib in der Wohnung gefährden. 2010 waren es 2,8 Millionen Euro. Dieses Jahr wird die Summe voraussichtlich noch deutlich höher ausfallen.
Zwangsräumungen: Eine deutliche Steigerung ist seit 2009 zu beobachten. 2010 waren es 737, bis August 2011 schon 782.
Unterkünfte: Wer obdachlos wird, den bringt das Sozialdezernat unter – in Übergangsunterkünften wie Wohnheimen oder Hotels, in zwischengenutztem Wohnraum, stationären Einrichtungen, Notschlafstellen, Wohnwagen. Das kostet alles in allem zehn Millionen Euro im Jahr, mit steigender Tendenz.
Kosten: In einem Hotel pro Person 33 Euro die Nacht, pro Kind 25 Euro. In festen Unterkünften, die von freien oder kirchlichen Trägern betreut werden, zwischen 17,90 und 28,25 Euro pro Person und Nacht.
Eigentümer: Nach deren Angaben ist die Zwangsräumung immer die „Ultima Ratio“, das letzte Mittel. Zuvor werde gemahnt, dass sich die Mietschulden auf ein unerträgliches Maß gehäuft hätten. In den allermeisten Fällen, das sagen die Eigentümer-Gemeinschaft Haus und Grund Frankfurt, die ABG Frankfurt Holding und weitere Gesellschaften, werde die Zwangsräumung mit Hilfe der Stadt im letzten Moment abgewendet.
Klar, sagt Tarkan Abel, da sei schon etwas aufgelaufen an Mietschulden. Er habe sich selbstständig machen wollen, „das hat nicht so gut funktioniert“. Übrig geblieben sind Schulden und massive Zahlungsschwierigkeiten. Der Vermieter hatte die Nase voll.
Vater Tarkan findet es schlimm, dass „Frankfurter Leute wie wir“, die unter anderem in Vereinen schon viel für die Stadt geleistet hätten, in der Not so schäbig behandelt würden. Er weiß auch: „Wir sind nicht die Einzigen.“ Er habe bereits massenhaft Familien kennengelernt, die ohne eigenes Dach über dem Kopf durch Frankfurt zögen. Wie in den USA, wo die Familien aus den Häusern flögen, weil sie die Kredite nicht mehr zahlen können.
Aktuelle Fallzahl: 782
Karin Kühn, Fachbereichsleiterin im Sozialdezernat und zuständig für das Vermeiden von Obdachlosigkeit, bestätigt das mit Fakten. Die Stadt habe es mit unaufhörlich steigenden Fallzahlen zwangsgeräumter Familien zu tun. 2009, in den Ausläufern der Finanzkrise, hatte es begonnen. Und nun werde es immer massiver. 2010 war die Anzahl der Familien ohne eigene Unterkunft von zuvor nur einigen wenigen bereits auf 737 angestiegen. Jetzt, am Stichtag 12. August, sind es schon 782. Und das Jahr dauert ja noch ein bisschen an.
Die Zahlen sorgen die Sozialpolitiker auch deshalb, weil es in Frankfurt ein aufwendiges System gibt, damit gerade Familien nicht in die Obdachlosigkeit geraten. Jährlich werden Millionen Euro ausgegeben, um beispielsweise Mietschulden oder andere Rückstände zu übernehmen, die den Verbleib in der Wohnung gefährden.
Doch zunehmend sind offenbar Eigentümer nicht mehr bereit, auf Besserung zu hoffen. Beispielsweise bei der fünfköpfigen Familie Tosun vom Mainfeld in Niederrad. Nachbarn hatten sich für die Tosuns starkgemacht, damit sie trotz Zwangsräumungsbescheides in der Wohnung bleiben könnten. Geholfen hat es nichts.
Rechtzeitig Hilfe suchen
Um sämtlichen obdachlosen Menschen in Frankfurt ein Dach über dem Kopf zu beschaffen – unter anderem in leerstehenden Häusern, Wohnheimen, Wohnwagen, Notschlafstellen oder Hotels – mussten 2010 rund zehn Millionen Euro ausgegeben werden. Eine deutliche Steigerung im Jahr 2011 ist jetzt schon gewiss.
Denn Obdachlosigkeit ist teuer. In Hotels, in denen Familien untergebracht werden, weil die festen Unterkünfte nicht ausreichen, zahlt das Dezernat 33 Euro pro Nacht und Erwachsenen, 25 pro Kind. Das läppert sich, da eine neue Wohnung nicht leicht zu finden ist. Zumal der Wohnungsmarkt in Frankfurt „nicht gerade größere Familien-Wohnungen hergibt“, sagt Karin Kühn.
Sie appelliert im Namen der Stadt dringend an alle Familien mit hohen Schulden, sich rechtzeitig um Hilfe ans Sozialrathaus oder Jobcenter zu wenden, „bevor der Schaden nicht mehr zu beheben und die Wohnung verloren ist“. Unter anderem werden die Familien dann an Schuldner- und Insolvenz-Berater vermittelt, und es werden Gespräche mit dem Wohnungsvermieter geführt.
Eine leichte Besserung ist jetzt zumindest für die Situation der Abels zu vermelden: Sie sind in einem Hotel in Bockenheim untergekommen.

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