Hände schütteln, die Menschen begrüßen, sich um neu ankommende Kisten mit Kleidung kümmern, die Obdachlosen ansprechen, damit sie noch rechtzeitig von der Aktion erfahren – Amir Sohrabi und seine zahlreichen Helfer haben am Samstagabend viel zu tun. Und er sagt Danke. Wie oft, das weiß er selbst nicht.
Das alles fing an, als Sohrabi vor einer Woche die Gruppe „Help the Homeless“ auf Facebook gründete und sich das Team um Claudia Göbbel, Caro Kraft, Galia Brener und Tiffany Wade zusammenfand. Innerhalb einiger Tage hat das, was ursprünglich eine kleine Aktion für Obdachlose angesichts der bitteren Kälte sein sollte, eine große Dynamik entwickelt.
An die 2000 Menschen sind inzwischen in der Gruppe. „Eine unglaubliche Gemeinschaft“ habe Sohrabi erlebt, so sagt er. Gastronomen brachten Suppen, Designer schenkten Kleidungsstücke, ein Unternehmer spendete gar 1000 Euro. Aber auch Schüler und Studenten und Kindergartenkinder wollten helfen, indem sie einen Euro ihres Taschengeldes abgaben. Menschen aus Frankfurt und ganz Deutschland.
Die Seele der Aktion
Doch darum geht es Sohrabi nicht allein. Ihm gehe es nicht wirklich um das gespendete Geld, das betont der 30-jährige Iraner, der selbst bei einem Finanzdienstleister arbeitet, immer wieder. Natürlich sei das Geld eine große Hilfe und er sei sehr dankbar dafür. Doch das, was für ihn zähle, das, was er „die Seele der Aktion“ nennt, reicht tiefer.
Jeder solle selbst mitmachen, die Kälte spüren, den Obdachlosen in die Augen schauen, deren Dankbarkeit erfahren und die eigene Fähigkeit, zu helfen. „Denn viele Menschen schämen sich, öffentlich zu geben“, sagt er. „Das müssen wir lernen.“ Ihm selbst sei es auch so gegangen. Er habe sich irgendwann verschlossen, sagt Sohrabi, und gedacht: „Die wollen doch sowieso nur Geld, um sich Drogen zu kaufen.“
Das ändert sich 2008, als er für ein halbes Jahr nach Los Angeles geht. Sohrabi erinnert sich wieder an die Not, die ihn bereits seit seiner Kindheit beschäftigt. „Da ist es wirklich hart.“ Besonders, weil einige durchaus talentierte Menschen dort auf der Straße lebten. „Da unterhält man sich mit einem, der viel mehr drauf hat als du selbst.“ Wieder zurück in Deutschland, läuft er irgendwann durch die Stadt. Vor dem Hugendubel sitzt ein Obdachloser, nickt ihm zu, lächelt ihn an und sagt: „Ich hab’ Hunger.“
Fassungslose Freude und Dankbarkeit
Sohrabi unterhält sich mit dem Mann, erfährt, dass er aus der Slowakei kommt, alles Ersparte ausgegeben hat, um in Deutschland Arbeit zu finden und dabei letztlich gescheitert ist. Das hat Sohrabi nachdenklich gemacht. Er beschließt, Schlafsäcke zu kaufen und verteilt sie einige Tage später abends mit einer Freundin. Er erfährt Dankbarkeit, fassungslose Freude. „Das Lächeln der Menschen hat sich bei mir wie ein Foto im Kopf eingebrannt.“
Aber er hört sich auch ihre Geschichten, ihre Schicksale, an. Mit dem Teufelskreis: Kein Job, keine Wohnung. Keine Wohnung, kein Job. „Vor deiner Haustür gibt es Menschen, denen es schlecht geht.“
Doch was entgegnet er denjenigen, die es für unmöglich halten, dass jemand auf der Straße leben muss, angesichts des sozialen Netzes und der vielen Einrichtungen, die es auch in Frankfurt gibt? „Man sollte nicht über Menschen urteilen, vor allem nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat.“ Es komme auf das soziale Umfeld an, auf die Eltern und Freunde.
Etwas, das viele Menschen, die gesellschaftlich fallen, nicht haben. „Wo würdest Du hingehen?“ Vielleicht zu weiteren Aktionen von „Help the Homeless“ – denn die wird es geben, das kündigt Sohrabi bereits an. (mbu.)

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