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Occupy Frankfurt: Viel Freund, kaum Feind

Etwa siebzig Hartgesottene der 5000 Occupy-Demonstranten vom Wochenende sind am Willy-Brandt-Platz geblieben. Viele kommen zurück, um den Besetzern Lebensmittel zu spenden oder sie zu ermuntern. Und sogar die Bänker lassen sich blicken.

Hauptsache gemeinsam ein Zeichen setzen: Ferienlager-Stimmung am Willy-Brandt-Platz.
Hauptsache gemeinsam ein Zeichen setzen: Ferienlager-Stimmung am Willy-Brandt-Platz.
Foto: dpa

Tag zwei im Protestcamp vor der EZB beginnt mit klirrender Kälte, Hochnebel und klammen Klamotten. Aber auch mit Friede, Freude, Eierkuchen. „Saucool, einfach nur saucool“, sagt Aaron Kraus. In der Rechten hält er eine Nutella-Schnitte, mit der Linken versucht er, das W-Lan in Gang zu bringen. Hinter ihm biegt sich ein Tisch mit Lebensmitteln. Den ganzen Morgen schon bringen Menschen Essbares vorbei – Omas bringen Kuchen, Jugendliche Brötchen, ein Banker bietet den jungen Leuten sogar sein Pausenbrot an.

Überhaupt, die Banker. Die sind für Kraus die größte Überraschung. Die Passanten, die Obdachlosen, sogar die Polizei: Alle lassen bislang Sympathien für die Demonstranten erkennen. Und jetzt auch noch die Banker.

"Ich finde das gut", sagt ein Bänker

Viele von ihnen strömen wie an jedem Montagmorgen von der U-Bahn-Haltestelle in die Taunusanlage und viele von ihnen gehen auch einfach weiter, aber eben nicht alle. Man darf natürlich ihre Namen nicht in die Zeitung schreiben – es könnte ja sein, dass der Chef einen Bankenkritiker im eigenen Haus nicht so irre komisch findet. Aber mitreden wollen manche doch: „Ich finde das gut“, sagt einer mit Laptop unter dem Arm. Auch wenn er glaube, „dass Demonstrationen und Besetzungen keine Lösung herbeischaffen können“.

Occupy Frankfurt: Gesichter des Protests

Bildergalerie ( 28 Bilder )

Natürlich erntet der junge Mann da Widerspruch, aber immerhin: Auch er sieht das so, dass es eine andere Lösung braucht. Er gehört gewissermaßen zu den 99 Prozent, auch als Banker.
Unter diesem Slogan ist die globale „Occupy“-Bewegung am Wochenende von New York in vielen Demonstrationen um die Welt gegangen, um mehr direkte Demokratie zu fordern und ein Finanzsystem, das für die Menschen da ist und nicht umgekehrt. Es geht darum, dass die schweigende Mehrheit nicht mehr schweigt, „dass wir 99 Prozent sind“, wie Martina Musig sagt. Die 26-Jährige zitiert Umfragewerte der ARD, denen zufolge zwar keine 99, aber doch 91 Prozent der Menschen im Land hinter den Zielen der Bewegung stehen.

Musig steht am Montagvormittag noch immer im Protestcamp. Sie tut das seit zwei Tagen. Am Morgen hat sie ihre Chefin in einem Wohnheim für psychisch Kranke angerufen und mitgeteilt, dass sie nicht kommen kann. „Weil es Wichtigeres gibt und ich hier wirklich dahinterstehe. Ich habe ihr gesagt, dass ich gerade Prioritäten setzen muss.“

Musig hat nicht nur die Umfragewerte parat. Sie hat auch gehört vom Finanzminister und vom EZB-Chef – davon, dass auch Wolfgang Schäuble und Jean-Claude Trichet sich nun mit Bekenntnissen zur „Occupy“-Bewegung gegenseitig übertreffen, die Proteste „ernst nehmen“ (Schäuble) und „Verständnis“ zeigen (Trichet). „Mir ist gleich, was sie sagen. Sie sollen Taten sprechen lassen“, sagt Musig. „Wenn alle auf ihr Herz hören würden, dann gäbe es ganz schnell eine Lösung.“ Deshalb finde sie es so toll, im Protestcamp mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen .

Die Demonstranten ins Herz geschlossen

Hocherfreut über seine neue Nachbarschaft ist auch Jack Bailly. Dabei ist er weder Banker noch Demonstrant. Bailly betreibt den Kiosk in der Anlage. Und den hat er in der vergangenen Nacht gar nicht mehr zugemacht. Nicht des Umsatzes wegen – finanziell seien die Demonstranten nur bedingt ein Gewinn. Aber er habe stundenlang dort gesessen und zugehört, wie diskutiert wurde. „Dafür reicht mein IQ und meine Rhetorik nicht“, glaubt Bailly. „Das sind gebildete Leute. Die wissen, was sie tun.“ Anfangs sei er skeptisch gewesen, jetzt ist er begeistert. Versorgt die Demonstranten mit Wasser (für lau) und Kaffee (einen Euro). Auch seine Kunden hätten die Demonstranten längst in ihr Herz geschlossen. „Jeder müsste sich dazusetzen. Das sagen auch die Banker, mit denen ich gesprochen habe. Ich hoffe, dass sie noch lange bleiben.“

Das könnte durchaus geschehen. Gestern Nachmittag genehmigte das Ordnungsamt, die eigentlich nur bis Mittwoch angemeldete Demo bis zum 29. Oktober zu verlängern. Derweil schreiben die Camper auf ein Plakat, an was es ihnen noch mangelt. Besteck etwa oder Geschirr, einer wünscht sich Haferflocken. Aber auch vernünftige Sachen wie „Sky-DSL“. Am Mittag ist auch das erledigt, es gibt nun Internetanschluss im Camp. Und neue Debatten, neue Besucher. Aber es steckt auch Zynismus drin, wenn die, denen vorgeworfen wird, das Finanzsystem zu melken, am Mittag in ihren Anzügen am Willy-Brandt-Platz stehen und große Hamburger essen in einem Laden, der „Die Kuh, die lacht“ heißt.

Die Gegensätze, von denen Frankfurt voll ist, waren selten auf so engem Raum so greifbar. Gegen Mittag bringt der Orange Beach, das am Griesheimer Mainufer versteckte Büdchen, einen Tornister Suppe vorbei. Die Camper holen sich ihre Ration. Ein Obdachloser gesellt sich dazu und löffelt mit zittrigen Händen. Eine junge Frau im Hosenanzug eilt vorbei.
Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich mühsam ihre Bahn. Ein paar Demonstranten stehen jetzt erst auf. Ein paar gehen jetzt erst schlafen. Ein zottiger junger Mann beginnt, seine Bongos zu malträtieren. Und eine feine Brise menschlicher Wärme weht durch die Taunusanlage, von der man das sonst gar nicht gewohnt ist.

Autor:  Stefan Behr, Felix Helbig und Verena Hölzl
Datum:  18 | 10 | 2011
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