In dem Prozess gegen die mutmaßlichen ehemaligen Mitglieder der Revolutionären Zellen Sonja Suder und Christian Gauger hat am Freitag der Zeuge Hans-Joachim Klein die 80 Jahre alte Suder belastet.
Klein sagte aus, dass er sich im Vorfeld des Überfalls auf die Opec-Konferenz 1975 in Wien zur Planung zweimal mit Suder und der Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann im Frankfurter Stadtwald getroffen habe, um die Geiselnahme zu planen. Und nicht nur die Geiselnahme: Klein sagte auch aus, dass von Anfang an geplant war, zumindest zwei der Konferenzteilnehmer zu erschießen, nämlich den iranischen und den saudischen Ölminister – diese waren allerdings nicht unter den drei Todesopfern, die der Überfall damals kostete.
Es ist der 21. September 2012, vormittags in Frankfurt: Während am einen Ende der Innenstadt schätzungsweise mehr als 1000 Apple-Freunde für ein neues iPhone 5 anstehen, stehen am anderen Ende, im Gerichtsviertel, ungefähr 50 Linke Spalier für Sonja Suder und Christian Gauger. Mit ungefähr 35 Jahren Verspätung wird dem Paar vorm Landgericht der Prozess gemacht. Sie sollen in den 70er Jahren Mitglieder der Revolutionären Zellen und als solche an verschiedenen Anschlägen beteiligt gewesen sein, unter anderem bei der Vorbereitung des Sturms auf das OPEC-Hauptquartier in Wien 1975. Ihre Unterstützer vor dem Gerichtsgebäude und darin feiern die beiden als Helden, Märtyrer - und als erstklassigen Vorwand, dem rigiden System der bundesrepublikanischen Bourgeoisie sich als eine Art Spaßguerilla entgegenzustellen. Irgendwo zwischen Straßenfest und Schwarzjacken-Demo.
Foto: dapdKlein sagte zudem aus, dass Suder höchstpersönlich am Vortag des Überfalls, am 20. Dezember 1975, Waffen von Frankfurt nach Wien gebracht habe – direkt in die konspirative Wohnung in der Wiener Innenstadt, die er zu dieser Zeit gemeinsam mit Kröcher-Tiedemann und dem Anführer der Aktion – Ilich Ramirez Sanchez, besser bekannt als Carlos, der Schakal – bewohnt habe. Diese Waffen seien aber beim Überfall gar nicht zum Einsatz gekommen, weil bessere geliefert worden waren. Von Libyen, sagt Klein, der als Drahtzieher hinter dem Überfall nach wie vor den damaligen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi vermutet, der „die Kontrolle über die Opec“ habe erlangen wollen.
Klein berichtete, wie man am Morgen des Tattages mit der Trambahn zum Ort der Konferenz gefahren sei – die kleinen Schusswaffen in der Kleidung, die großen in Sporttaschen verborgen. Der Polizist am Eingang habe ihnen freundlich „Guten Morgen“ gewünscht und sie ungehindert passieren lassen. Als „Carlos“ im Gebäude dann mit einer Maschinenpistole in die Decke geschossen habe, hätten die Leute gewusst, „dass es jetzt ein Problem gibt“.
Es war keine gute Zeit. Wer lange Haare hatte, war in der Bundesrepublik ganz klar verdächtig. Der hatte Glück, wenn er auf dem Mofa nur von einer Streife bärbeißig kontrolliert wurde, alle paar Meter. Der hatte Pech, wenn er meinte, für mehr Demokratie, für den Nulltarif im Nahverkehr oder für bezahlbaren Wohnraum für Studenten demonstrieren zu wollen. Es waren die 70er Jahre. Die poppigen Blumen von 1968 waren alle verwelkt. Da konnten Polizisten wie am 10. Mai 1976 in Frankfurt beherzt draufknüppeln. Erst recht, wenn es während eines Protestmarsches zum Tod der Linksterroristin Ulrike Meinhof fünf Tage zuvor war.
Foto: picture-alliance / dpaDie Anklage gegen Suder baut zu großen Teilen auf die Aussage von Klein auf, nach eigenen Worten „der Einzige, der für die Opec-Sache bezahlt hat“. Klein kassierte damals einen lebensgefährlichen Bauchschuss, unter dessen Folgen er heute noch leide.
1998 war Klein, der in Frankreich untergetaucht war, verhaftet worden. 2000 wurde ihm in Frankfurt der Prozess gemacht. Er wurde wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt, aber bereits Ende 2003 begnadigt. Klein hatte als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Mitstreiter ausgesagt – seitdem gilt er bei der militanten Linken als Verräter. Auch am Freitag gab es wieder „Denunzianten raus“-Rufe aus dem Zuschauersaal.
Klein hatte sich nach eigener Aussage vom Terror abgewandt, als sein ehemaliger Freund Wilfried Böse 1976 bei der Entführung eines französischen Flugzeugs jüdische Passagiere zwecks Erschießung „selektierte“.
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