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19. Oktober 2015

Ostend Frankfurt: Mehr als 18 Prozent mehr Miete

 Von 
Humangeograph Sebastian Schipper.  Foto: christoph boeckheler*

Stadtforscher Sebastian Schipper sieht das Ostend als einen Schwerpunkt der Gentrifizierung in Frankfurt - mit schnell steigenden Mieten und dem Zuzug zahlungskräftiger Bewohner. Im FR-Interview spricht er über die Verlierer der Aufwertung des Stadtteils.

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Herr Schipper, wie würden Sie beschreiben, was gerade im Ostend passiert?
Es ist einer der Schwerpunkte der Gentrifizierung in Frankfurt. Traditionell war es ein Viertel, in dem Menschen mit niedrigem Einkommen Wohnraum finden konnten. Nun steigen dort die Mieten stadtweit am drittschnellsten an.

Schon jetzt befürchteten viele Bewohner, sich die Mieten im Viertel bald nicht mehr leisten zu können.
Durchaus zu Recht. Zwischen 2008 und 2013 sind die Mieten um mehr als 18 Prozent gestiegen. Das ist enorm.

Wie ist es dazu gekommen?
Das Ostend galt lange als ein Viertel, das im Unterschied zum Westend und Nordend nicht zu gentrifizieren ist – aufgrund der Bausubstanz, der Lage, des Lärms der Gewerbebetriebe und der kleinteiligen Eigentümerstruktur. Es ist nicht unmittelbar der Markt, der bewirkte, dass es nun zu Verdrängungsprozessen kommt, sondern die Stadt, die seit Jahrzehnten versucht hat, das Viertel aufzuwerten.

War es ein Fehler, dass die Stadt einen Teil des Viertels 1986 zum städtebaulichen Sanierungsgebiet erklärte und Geld in das Ostend pumpte? Viele Wohnungen sind entstanden, das Bildungszentrum Ost, Grünflächen wie der Hafenpark.
Für alle, die Grundstücke und Wohnungen besitzen, war das eine super Sache, weil Mieten und Profite steigen. Auch neue Spielplätze und der Skaterpark sind durchaus schön. Problematisch ist es für Menschen, die niedrige Einkommen haben und darauf angewiesen sind, in Frankfurt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Für sie ist die Aufwertung dramatisch. Zumal die Aufwertungsmechanismen heute, anders als bis Ende der 90er Jahre, nicht mehr von Mechanismen begleitet werden, die Verdrängung verhindern.

Zur Person

Sebastian Schipper (32) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Humangeographie der Frankfurter Goethe-Universität.

Nach seiner Promotion zur Genealogie und Gegenwart der unternehmerischen Stadt arbeitete er zunächst am Institut für Europäische Urbanistik der Universität Weimar. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der sogenannten kritischen Geografie und Stadtforschung.

Was meinen Sie?
Mitte der 80er bis Ende der 90er Jahre entstanden die neuen Wohnungen im Ostend noch überwiegend im sozialen Wohnungsbau. Eigentümer, die Fördermittel zur Sanierung ihrer Wohnungen in Anspruch nahmen, verpflichteten sich, die Mieten auf einem gewissen Niveau einzufrieren und die Wohnungen nicht in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Anfang 2000 änderte sich das grundlegend.

Wie groß ist der Effekt des neuen EZB-Gebäudes auf das Viertel?
Da werden verschiedene Mechanismen diskutiert. Ich denke, es ist gar nicht so sehr der direkte Zuzug von EZB-Mitarbeitern, der das Viertel verändert, sondern vor allem die symbolische Aufwertung, die mit der EZB einhergeht. Lange hatte das Ostend ein sehr negatives Image. Dieses Image schützte es vor der Aufwertung. Jetzt gilt das Viertel auch für Leute mit höherem Einkommen als attraktiv.

Wie werden die Neubauten, die östlich der EZB entstehen, das Ostend weiter verändern?
Sie tragen zu einem doppelten Prozess der Verdrängung bei. Unter den 1000 Wohnungen, die am Osthafen gebaut werden, wird keine sein, die für Menschen mit niedrigen Einkommen bezahlbar ist. Es ist zudem zu befürchten, dass die Neubauten den Druck auf die Bestandswohnungen erhöhen. Eigentümer könnten die hohen Preise etwa zum Anlass nehmen, Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln.

Auch im Ostend leiden Mieter unter Eigentümern, die sie aus Renditegründen aus ihren Wohnungen verdrängen wollen. Bringt die Milieuschutzsatzung etwas, die die Stadtverordneten auf dem Weg gebracht haben?
Sie ist ein kleiner Schritt, kommt aber vermutlich in sehr vielen Fällen zu spät. Milieuschutzsatzungen sind nach Erfahrungen in anderen Städten aber auch nicht besonders effektiv. Sie machen gewisse Luxussanierungen genehmigungspflichtig. Vermieter können derzeit aber auch so höhere Mieten durchsetzen. Zudem fehlt der Stadt die Möglichkeit, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zu versagen.

Hilft die Mietpreisbremse?
Es ist gut, dass sie kommt, weil sie den Anstieg bei Neuvermietungen auf zehn Prozent über dem Mietspiegel begrenzt. Sie hilft aber nicht den Haushalten, die günstigen Wohnraum suchen. An deren Bedürfnissen geht auch die Mietpreisbremse vorbei. Es fehlen Sozialwohnungen, die für 5 Euro bis 5,50 Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Die Stadt hätte die Investoren am Osthafen und an der Sonnemannstraße über städtebauliche Verträge zwingen können, 30 Prozent als sozialen Wohnungsbau zu errichten. Doch darauf hat sie bewusst verzichtet.

Ist es der Stadt etwa Recht, wenn Menschen mit wenig Geld wegziehen?
In den vergangenen 20 Jahren war das Ziel in Frankfurt ganz klar, den Anteil von Menschen mit höheren Einkommen auf Kosten ärmerer Schichten zu steigern. Das wurde legitimiert mit dem Begriff der „sozialen Mischung“. Interessanterweise sagt niemand, es fehle im Westend eine soziale Mischung und fordert deshalb, dort Sozialwohnungen zu bauen. Erst in den vergangenen zwei Jahren hat sich der Diskurs vielleicht etwas geändert.

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Was kann die Stadt tun, um Verdrängung entgegenzuwirken?
Sie sollte stadtplanerisch sicherstellen, dass in Neubaugebieten auch sozialer Wohnungsbau entsteht oder über Konzeptvorgaben dafür sorgen, dass genossenschaftliche und gemeinnützige Wohnungsgesellschaften zum Zuge kommen. Zwar gibt es nun die städtische Vorgabe, dass in neuen Gebieten 30 Prozent geförderter Wohnraum entsteht. Bislang ist mir aber kein Projekt bekannt, wo die Stadt das auch durchgesetzt hat.

Wo sehen Sie ähnliche Effekte wie im Ostend?
Die stärkste Parallele sehe ich im Gallus. Auch das ist ein klassisches Arbeiterviertel, das als nicht gentrifizierbar galt. Auch dort hat die Stadt zum Beispiel über luxuriösen Neubau im Europaviertel die Aufwertung vorangetrieben.

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