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04. Februar 2016

Parkour in Rhein-Main: Ein Mann will nach oben

 Von 
Rückwärtssalto am Mainkai: Carlos Meyer in seinem Element.  Foto: Andreas Arnold

Ob Wand, ob Baum: Für den Parkour-Meister Carlos Meyer ist kaum ein Hindernis unüberwindbar. Der Eschborner, der sich als Frankfurter sieht, finanziert sein Leben auch mit Shows, -Filmen und -Trainingsstunden.

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Ein Treffen mit Carlos Meyer in der Frankfurter Innenstadt ist mit einem gewissen Aufsehen verbunden. Möglich, dass der Verkehr zusammenbricht.

Alles beginnt damit, dass Carlos Meyer am verabredeten Ort, dem nördlichen Brückenkopf des Holbeinstegs, zunächst nur telefonisch erscheint. Er habe am Südufer einen tollen Baum entdeckt, auf dem er gern von Ast zu Ast springen würde, schlägt er vor. Eine hervorragende Idee. Nach kurzen trilateralen Beratungen mit dem Fotografen steht der Plan: Später gern von Ast zu Ast, aber zuerst mal am Nordufer ein paar Übungen.

Und was für Übungen? „Ich kann zum Beispiel einen Rückwärtssalto machen“, sagt Carlos Meyer. Rennt die Kaimauer hoch, überschlägt sich in der Luft und steht wieder neben dem FR-Team. „So in etwa?“ Spaziergänger sind im Gehen erstarrt, Vögel am Himmel festgefroren, alles stiert mit offenem Mund auf den jungen Mann, der da eben, ohne sich irgendwie vorzubereiten, etwas völlig Unmögliches aufgeführt hat. Nur sein Hund James, der Mops, sitzt unbeteiligt dabei, als wollte er sagen: Na und?

Carlos Meyer, 24. Deutscher Meister im Parcouring, einer rein wettkampforientierten Mischung aus den Disziplinen Parkour und Freerunning. Da geht es darum, mit gewagten Sprüngen die Hindernisse der städtischen Umgebung zu überwinden, Mauern, Schluchten, Geländer, Treppen – möglichst technisch perfekt, aber auch mit kreativen Einfällen. Und mit Freude an der Bewegung. „Jedes Kind hat ein Bewegungstalent“, sagt Meyer. „Wir sollten alles tun, um uns das nicht abzutrainieren.“ Meist seien es gesellschaftliche Normen, die uns davon abhielten, auch noch als Erwachsene verrückte Dinge zu tun. Geländer herunterrutschen. Im Handstand laufen. Um Bäume herumwirbeln.

Person & Parkour

Carlos Meyer, 24, war einer der ersten Stars der Sportarten Parkour und Freerunning in Deutschland. Er lebt in Eschborn, studiert Wirtschaftswissenschaften, dreht professionell Filme und Musikvideos – unter anderem hat er bereits an Produktionen für die Rockband Die Ärzte mitgewirkt. Meyer finanziert sein Leben auch mit Parkour-Shows, -Filmen und -Trainingsstunden.

Von diesem Sport leben können nur wenige und nur für eine begrenzte Zeit. Sponsoring spielt eine große Rolle; viele Parkour-Veranstaltungen tragen die Namen von Firmen.

In Frankfurt gibt es 150 bis 250 Personen, die konsequent Parkour betreiben. Die führende Gruppe in der Stadt heißt Ashigaru und ist organisiert wie eine Künstleragentur, die ihre Stars für Shows, Filme, Werbung und Workshops anbietet. Die Liste bisheriger Kunden liest sich wie ein „Wer ist wer“ bekannter Auto-, Sportartikel- und Wachmachbrausehersteller.

Mehr von Carlos Meyer auf dem Videoportal Vimeo (vimeo.com/cmeyerfilms) und bei Instagram (car1itos.way). ill

Faszinierende Idee – warum eigentlich hören wir irgendwann damit auf? Es mag komisch aussehen, wenn der Oberbürgermeister beim nächsten Besuch der Königin von Großbritannien auf allen Vieren die Römertreppe herunterkriecht. Aber dem Körper täte es gut, und der Seele garantiert auch.

Das ist übrigens ein Tipp von Carlos Meyer: Treppe auf allen Vieren hinauf- und wieder hinunterkrabbeln. „Ziemlich effektiv, um alles warmzukriegen“, jeden einzelnen Muskel, denn dieser Sport beansprucht den ganzen Körper.

Frankfurter kennen Carlos Meyer aus dem jüngsten Video der Stabsstelle Sauberes Frankfurt mit dem Titel „Sauberer Start“. Da steht er im Hafenpark und sieht, wie auf der anderen Mainseite ein Kaffeebecher aus einem Fenster ganz oben im Main-Plaza-Hotel fällt. Rennt los, überspringt Geländer, fährt auf einem Müllauto mit, schlägt Salti über Treppen, kugelt über den Paulsplatz, erklimmt den Holbeinsteg, rast über den Gartenhügel des Städels, klatscht mit einem FES-Mitarbeiter ab, überklettert eine Kehrmaschine und kommt gerade rechtzeitig an, um den fallenden Becher zu schnappen und in den Müll zu stopfen. Sauber. Der Film wurde bereits an die 95.000 Mal im Internet (www.sauberes-frankfurt.de) aufgerufen und erhielt annähernd 1000 „Gefällt mir“-Klicks.

Heute ist es kalt, und der Sportler hat sich noch nicht mal richtig aufgewärmt. Schlimm? „Ein Salto geht auch mal kalt“, sagt er. Aber normalerweise macht man sich natürlich immer anständig warm – und während diese Botschaft hiermit hinaus geht in die Welt, an alle Bewegungsfreudigen, legt Carlos Meyer einen Rückwärtssalto nach dem anderen hin. 30 Mal, 40 Mal, immer mit Anlauf einen Schritt an der Kaimauer hoch und dann die Beine über den Kopf, bis der Fotograf die richtige Position für den optimalen Schuss hat. Menschen hängen über der Mauer, stellen ihre Fahrräder ab. Kommen Sie, staunen Sie, das gibt es nicht oft zu sehen. Nur der Mops schaut demonstrativ in die andere Richtung. Armer James. Zittert in der Kälte.

Langeweile. Als 15-Jähriger hing Meyer auf einem Erwachsenengeburtstag fest. Sein Kumpel und er hatten ihre Skateboards nicht dabei. Sie beschlossen, die Tricks einfach ohne die Boards zu machen. „Damals waren auch gerade die Jackass-Videos aktuell“, erinnert er sich. Völlig irrsinnige Stunts im Internet und im Fernsehsender MTV, die oft genug mit Knochenbrüchen noch glimpflich endeten. „Wir fanden unsere Idee so spaßig, dass wir sie ausgebaut haben.“ Nur ohne Knochenbrüche, ohne Lebensgefahr.

Später stellte sich heraus, dass es das Ganze schon als Sportart namens Parkour gibt und dass Leute beispielsweise in Frankreich sogar davon leben. „Da hat es aufgehört, eine Spielerei zu sein.“ In Kassel, seiner Heimatstadt, gründete Carlos Meyer eine Gruppe, die Stadt wurde zu einem Zentrum der Szene. Parallel entwickelte sich in Frankfurt ein regelmäßiger Treff am Wochenende, der die jungen Cracks aus Nordhessen lockte, noch bevor Meyer schließlich wegen des Studiums ins Rhein-Main-Gebiet zog. Er wohnt jetzt in Eschborn und sieht sich als Frankfurter.

Sprünge von Ast zu Ast am Sachsenhäuser Ufer.  Foto: Andreas Arnold

„Das Schöne an Parkour im Gegensatz zum Turnen ist, dass ich keine Vorgaben habe – ich kann die Bewegungen immer weiterentwickeln.“ Der 24-Jährige kommt schnell ins Schwärmen, wenn er erzählt. „Es ist cool, und es ist kreativ. Es geht nicht um Leistung, es geht um Einfallsreichtum.“ Beim Weitsprung in der Leichtathletik würde etwa niemand auf die Idee kommen, einen möglichst kurzen Satz zu machen. Beim Parkour schon. „Mir ist es wichtig, für mich selbst etwas Neues zu finden. Es geht um den eigenen Lernprozess.“

Wer mitlernen möchte: Im Internet gibt der Meister Tipps für einige prägnante Bewegungsabläufe, sogenannte Moves. Sie heißen Lazy Vault, Präzisionssprung, Wall Run, Armsprung oder Helikopter – und alles sieht extrem cool aus, wenn Meyer es mit Musik vorführt. Im Video ist er sportlich gekleidet. Beim FR-Termin trägt er genau die Klamotten, in denen er eine halbe Stunde zuvor seine Vorlesung in Wirtschaftswissenschaften an der Uni verlassen hat.

Das ergibt durchaus Sinn: Ursprünglich ging es darum, möglichst schnell über die Hindernisse der Umwelt flüchten zu können. Der Franzose David Belle, der als Parkour-Begründer gilt, suchte nach Möglichkeiten, den tristen Banlieues zu entkommen. „Das Szenario ist: Du läufst vor jemandem davon – was bringt dich weiter?“ Wenn man sich abrollen kann, hilft das, denn wer flüchtet, springt meist irgendwo herunter. Eine vier Meter hohe Wand erklimmen zu können, hilft auch. Gab es ihn schon mal, diesen Ernstfall? „Parkour hat mir noch nicht das Leben gerettet“, sagt Carlos Meyer. Aber es gab schon die Situation, die viele kennen: Wohnungsschlüssel innen – Meyer außen. Da hilft es unter Umständen, wenn man einfach eine Wand hinauf rennen kann.

Szenenwechsel. Holbeinsteg, Sachsenhäuser Ufer. Carlos Meyer spurtet an einem kahlen Baum empor, klettert noch ein Stück und kauert dann auf einem Ast in etwa vier Metern Höhe. Die meisten Menschen würden jetzt schön langsam absteigen, wenn sie noch könnten, oder ein Seil verlangen. Oder einen Kranwagen. Oder einen Psychologen. Selbst für Katzen wäre die Lage jetzt nicht so ganz einfach. Aber die meisten Menschen und Katzen würden auch gar nicht erst da hoch klettern. Beziehungsweise rennen.

Was macht Carlos Meyer? Springt von dem vier Meter hohen Ast auf den zwei Meter hohen Ast herunter. Und direkt weiter auf den Boden. „Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich Halt habe“, sagt er. Anschließend wiederholt er die Übung noch zehn Mal fürs Foto. Passanten applaudieren. Beim letzten Mal hat er den sicheren Halt und steht den Sprung auf dem Ast.

Parkour. Was macht das mit den Leuten? „Damit sehe ich die Welt durch ganz andere Augen“, sagt Carlos Meyer. Er kann Situationen besser einschätzen, seit er durch Städte rennt und mit verrückten Überschlägen sämtliche Hindernisse überwindet. „Es hat mir Selbstvertrauen gebracht, es beeindruckt natürlich auch die Leute“, sagt er. Vieles geht nach einer Weile wie von selbst – ein „Muskelgedächtnis“ übernimmt die Regie und führt bestimmte Bewegungen automatisiert aus. „Vor allem glaube ich aber, ich bin offener, freier von Vorurteilen.“ Dinge seien eben oft nicht so, wie sie auf den ersten Blick wirken. Aber was dieser junge Mann heute gemacht hat, davon haben wir Beweisfotos. Und Mops James darf jetzt sein Mäntelchen anziehen. Feierabend für heute.

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