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Sabrina Setlur: Pass auf, du klaust mir was

Die einstige Rödelheimer Hartreimerin und -rapperin Sabrina Setlur kämpft gegen das illegale Downloaden ihrer Musiktitel

Sabrina Setlur
Sabrina Setlur
Foto: FR/Kraus

Sabrina Setlur spricht an diesem Vormittag in einem Büro an der Frankfurter Rembrandtstraße nicht von Respekt, nicht von der angemessenen Haltung anderen Menschen gegenüber. Nicht über eine Haltung, die aus Anerkennung entsteht, weil man das Gegenüber achtet oder weil jemand etwas Besonderes geleistet hat. Sabrina Setlur, Deutschlands erste bekannte und erfolgreiche Rapperin, die vielfach ausgezeichnete Frankfurter Musikerin aus dem Hause 3P, spricht notgedrungen über den Verlust von Respekt, über das Fehlen jener Anerkennung, die die Grundlage für Respekt legt. Sie redet über Verletzung, über Nicht-Achtung und über Kriminalität. Sabrina Setlur erzählt von Menschen, die Internetseiten wie Kazaa oder Emule besuchen, um illegal Songs herunterzuladen, Tracks von CDs, die manchmal schon vor der Veröffentlichung auf Server gestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ohne dass Musiker oder Labels Einfluss darauf haben.

Ob Musik, Spiele oder Filme: Häufig verletzen Nutzer solcher Angebote das Urheberrecht und bringen Verlage, Künstler und Kreative um Einnahmen, die die Grundlage für ihre Arbeit bilden und mit denen aufwendige Video- und Studioproduktionen finanziert werden. Der Streit darüber, ob solche Downloads zulässig und moralisch vertretbar sind, tobt seit Jahren durch Foren und Zeitungsspalten. „Ganz aufgeben? Könnte ich nie. Wo sollen denn all meine Serien, Filme und Spiele herkommen“, fragt Moep2k7 Ende Juli im Portal board.gulli. „Da könnte ich meinen PC einmotten.“

Wer aufs Urheberrecht pocht, wer Unternehmen wie die Frankfurter Digiprotect beauftragt, damit das Urheberrecht gewahrt wird, erntet in der virtuellen Umsonst-Gesellschaft des Internets häufig scharfe Ablehnung: Als der Bundesgerichtshof im Frühjahr einen Internetnutzer in die Pflicht nimmt, weil Dritte über sein ungeschütztes WLAN illegal Musikdateien heruntergeladen hatten, nennt die Frankfurter Allgemeine Zeitung die unfreiwillige Unterstützung „digitale Nachbarschaftshilfe“ und vergleicht den Vorgang mit der freundlichen Geste, einem Wanderer ein Glas Wasser zu reichen. Und die Süddeutsche Zeitung leistet einem 25-Jährigen Schützenhilfe, der 200 Filme schwarz gebrannt und 28000 Musikstücke kostenlos aus dem Netz – mutmaßlich auch auf illegalem Wege – heruntergeladen hat. Gelegentlich ist gar vom „Urheberwahn“ die Rede, etwa auf der Website Rettet-das-Internet, die Peter Kerl betreibt.

Wer fürs Urheberrecht eintritt, Respekt vor Künstlern und ihrem Eigentum einfordert, der gilt im Netz schnell als spießig, unzeitgemäß und uncool. Setlur schert sich darum nicht. „Ich frage mich immer, wie kann man solchen Menschen vermitteln, pass auf, du klaust mir was, was mir persönlich gehört. Wenn ich rückblickend Tracks in meinem Kopf haben, wo ich genau weiß, wann ich den Track geschrieben habe, dann ist das für mich ein Teil meines Lebens. Es gehört zu mir. Und wenn ich dann sehe, dass jemand das nimmt, der wahrscheinlich noch nicht mal ein Fan von mir ist, sondern einfach nur ein bösartiger Mensch, der sagt, hier, pass auf, ich habe die Möglichkeit, das ins Netz zu stellen und an 100000 Menschen weiterzugeben, was interessiert mich die Alte, dann ist das einfach super traurig. Das macht mich wütend. Und da sage ich, gerade solche Menschen müssen gestoppt werden, weil die ja keinen Respekt mehr haben.“

Die Verteiler wollen sie kriegen

Die Frankfurterin arbeitet heute für Moses Pelhams Label 3P. Anfang der 90er hatte sie zufällig die Chance bekommen, im Musikgeschäft zu reüssieren: Als Beifahrerin von Pelham rappt Setlur zu Dr. Dre’s „Nuthin’ but an G Thang“. Pelham ist beeindruckt und verpflichtet Setlur als Schwester S. für „Wenn es nicht hart ist“ des Rödelheim Hartreim Projektes. Seither hat Setlur sechs CDs veröffentlicht. Mit der Musik Geld zu machen, steht zunächst nicht im Vordergrund. Der überraschende Erfolg, die Entscheidung, von der Musik leben zu wollen, rücken die Frage in den Vordergrund, wo das Geld herkommt, mit dem Musiker und Studio bezahlt werden müssen.

Die Risiken, die das Internet birgt, werden Setlur wie vielen Musikschaffenden erst Anfang des neuen Jahrtausends bewusst. In Deutschland steigt die Zahl der illegalen Downloads nach Angaben des Bundesverbands der Musikindustrie zwischen 2000 und 2002 von 316 auf 622 Millionen. Auch 3P und Setlur spüren, dass zwischen den allenthalben verbreiteten Songs Setlurs und den verkauften Einheiten eine erhebliche Lücke klafft. Anfangs setzt sich Setlur deshalb für die Initiative „Copy kills“ ein, alsbald wird klar, dass das illegale Filesharing im Netz das größere Problem ist. 3P gründet deshalb 2006 Digiprotect. Das Unternehmen mahnt jene ab, die Musik aus dem Netz illegal runterladen und weiterverbreiten.

„Wir mahnen niemand ab, die sich das einmal downloaden, wir wollen die haben, die es verteilen“, sagt Setlur. „Wenn wir das jetzt machen, dann hat man natürlich diesen negativen Beigeschmack, weil man sagt, oh Mann, da wird man abgemahnt. Aber man versteht nicht, warum. Wenn ich in einen Laden gehe und mir ein Kleid klaue, dann hab ich auch die Polizei vor der Tür stehen. Das ist doch völlig normal.“

Von den schwarzen Schafen der Abmahnerszene abgesehen – längst zeigt die Arbeit von Unternehmen wie Digiprotect und das sich wandelnde Bewusstsein Wirkung: Die Zahl der illegalen Downloads lag 2009 bei 258 Millionen, während umgekehrt legale Portale wie Musikload oder iTunes wachsende Umsätze melden. „Die Musikindustrie muss sich mit den Filesharern intensiv befassen und einen Weg finden, damit es diese Einbußen nicht mehr gibt“, sagt Setlur. Es geht um Respekt – für Künstler und ihre Werke.

Autor:  Jürgen Schultheis
Datum:  6 | 9 | 2010
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