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Frankfurt
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29. August 2012

Passivhaus Brand: Wohnen hinter Styropor

 Von Jutta Ochs
Seit dem Brand Ende Mai in der Adickesallee ist die Sicherheit von Dämmplatten ein Thema  Foto: Rolf Oeser

In Frankfurt wird fast nur noch in Passivhaus-Bauweise gebaut, wobei Styropor-Platten zur Dämmung verwendet werden. Nach einem Brand ist das Material in Verruf geraten, auch wenn der Hersteller von einem Einzelfall spricht.

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Für den Neubau in Frankfurt gibt es eine einfache Formel, sofern die Stadt Verfügungsgewalt hat: alles nur noch in Passivhaus-Bauweise. Durch starke Dämmung verbrauchen diese Häuser nur noch zehn Prozent des herkömmlichen Energiebedarfs. Die städtische ABG Frankfurt Wohnungs Holding, Herrin über 50.000 Wohnungen in der Stadt, errichtet nur noch Wohnungen in dieser Art.

Seit einem Brand Ende Mai an einem sechsgeschossigen Apartmenthaus in der Adickesallee, bei dem das Dämmmaterial Feuer gefangen hatte und schwarze Rauchwolken die Anwohner entsetzten, ist die Dämmung mit Styropor-Platten, auch Polystyrol-Platten genannt, erheblich in Verruf geraten. Das lag auch an den Aussagen des Frankfurter Feuerwehrchefs Reinhard Ries, der öffentlich erklärt hatte, „durch die erschreckende Größenordnung“ des Brandes überrascht gewesen zu sein. Es habe sich gezeigt, dass „dieser Dämmstoff sofort überprüft werden müsste, um nicht zu sagen, eigentlich sofort gestoppt werden müsste“.

Besonnenheit statt Panik

Der hessische Bauminister Florian Rentsch (FDP) hat zudem angekündigt, auf der Bauminister-Konferenz Ende September in Saarbrücken klären zu lassen, wie gefährliche Brände des Dämmmaterials künftig verhindert werden können. Rentsch will „zusätzliche Großbrandversuche in Betracht ziehen“, um das Risiko realistisch beurteilen zu können. Auch die bauaufsichtliche Zulassung des Dämmmaterials gehöre „auf den Prüfstand“.

Das alles schlägt immer weiter Wellen, auch weil mehrere Fernseh- und Nachrichten-Magazine ziemlich dramatisch berichteten. ABG-Chef Frank Junker meldete sich dieser Tage mit einer Erklärung zu Wort, in der er allgemein und dringend vor einer „Verunsicherung der Mieter“ warnt. Er mahnt zur „Besonnenheit“ statt „Panik zu schüren“.

Der deutsche Marktführer für Wärmedämmstoffe, im Fachbegriff Wärmedämm-Verbundsysteme, heißt Sto AG und ist in Stühlingen im Südschwarzwald zu Hause. Sto hat nach dem Fassadenbrand am 29. Mai in Frankfurt ein so genanntes Factbook (Faktenbuch) zusammengestellt. Den „Brandverlauf“ stellt dieses auf der Basis des Berichtes der Feuerwehr so dar: Baumaterialien, die vor dem Haus in der Adickesallee lagerten, seien aus bislang noch nicht geklärter Ursache in Brand geraten. Das Feuer griff auf eine größere Menge von Dämmplatten aus Polystyrol (Expandierter Polystyrol-Hartschaum, kurz EPS) über, die in unmittelbarer Nähe gelagert waren. Das als „schwer entflammbar“ klassifizierte Material schmolz in der Hitze und floss Richtung Gebäudewand. Die Schmelze entzündete sich und brachte den Dämmstoff im erst zum Teil montierten Wärmedämm-Verbundsystem an der Fassade zur Schmelze, die sich ebenfalls entzündete.

„Ein Einzelfall“

Fakt sei, dass die Flammen „von außen an das Gebäude herangetragen“ worden sind. Eine Seltenheit, denn in den allermeisten Brandfällen entstehe das Feuer innen. Zudem war das Fassaden-Dämmsystem „erst teilweise verputzt“ und „noch nicht geschlossen“. Ein komplett verputztes Wärmedämm-Verbundsystem behindere eine beschleunigte Ausbreitung der Flammen mindestens 20 Minuten lang. Bei einem geschlossenen Dämmsystem seien in regelmäßigen Abständen nicht brennbare Fensterstürze oder alle zwei Stockwerke so genannte Brandriegel eingebaut.

Die „Baustellen-Situation“ habe also das Brandgeschehen bestimmt, sagt der Hersteller Sto. Mit Blick auf mehr als sechs Millionen Wohngebäude mit EPS-Dämmung sei der Frankfurter Fassadenbrand als besonderer „Einzelfall“ zu bewerten, „generelle Zweifel an der Sicherheit von EPS rechtfertigen sie nicht“, sagt Sto.

Die Dämmstoffe seien zudem „ständig auf dem Prüfstand“. Maßgebliche Institutionen sind die Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen Leipzig (MFPA) und das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt). Mit einer zunehmenden Dicke der Dämmung, die heute im Schnitt bei 122 Millimetern liegt, hatten sich auch auf Drängen dieser Institute die Brandschutzvorschriften verschärft. Unter anderem wurden die nicht brennbaren Fensterstürze und 2006/2007 die Brandriegel eingeführt.

Modellversuch mit Zellulose

Frank Junker versichert, dass die ABG die „höchsten Sicherheitsstandards“ einhalte. In den Fassaden der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim, die derzeit modernisiert wird, würden nicht-brennbare Fensterstürze eingebaut.

Es gibt Alternativen zum Dämmstoff EPS. In erster Linie ist das Mineralwolle. Für Gebäude mit mehr als 22 Metern Höhe sind die alternativen Materialien sogar vorgeschrieben. In der Rotlintstraße im Nordend hat die ABG in einem Modellversuch Zellulose statt Polystyrol eingesetzt. Dabei entstehen laut Junker allerdings 30 Prozent mehr Kosten, die Mineralwolle ist nach Angaben von Sto doppelt so teuer.

        

Dämmarbeiten an einem der Häuser in der Praunheimer Heinrich-Lübke-Siedlung
Dämmarbeiten an einem der Häuser in der Praunheimer Heinrich-Lübke-Siedlung
 Foto: Michael Schick

Der aktuelle Stand ist also: Polystyrol ist weiterhin baurechtlich zugelassen und wird überall in Deutschland und auch in Frankfurt eingesetzt. In einer Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) heißt es bezüglich der „Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyroldämmstoffen“: „Es besteht derzeit keine Veranlassung, die vom DIBt erteilten Zulassungen zurückzuziehen oder andere Sofortmaßnahmen einzuleiten.“ Das DIBt verweist ansonsten auf die Bauminister-Konferenz Ende September.

Feuerwehr will alle Fakten klären

Markus Röck, Sprecher der Feuerwehr Frankfurt, sagt, dass die Feuerwehr derzeit „noch Berichte aus ganz Deutschland zum Brand bei gedämmten Fassaden sammelt“. Ein zentrales Register dazu existiere nicht. Erkenntnisse daraus würden an Bau-Sachverständige bei der Landes-Bauaufsichtsbehörde übermittelt. Mögliche Schlüsse müssten dann dort gezogen werden, ob es sich in Frankfurt um einen „unglücklichen Einzelfall“ oder eben nicht gehandelt habe. Röck war selbst bei dem Brand Ende Mai vor Ort, die „Dynamik und Geschwindigkeit“ des Brandes habe auch auf ihn Eindruck gemacht. Doch auch er möchte vor der Klärung aller Fakten „ keine Angst verbreiten“.

Die Sache mit der Dämmung und der Brandgefahr wird auch das Frankfurter Stadtparlament beschäftigen. In einem Antrag (Nr. 319) mit angehängtem Fragenkatalog verlangt die SPD vom Magistrat, die Brandschutzsicherheit von mit Styropor gedämmten Gebäudefassaden „kritisch zu überprüfen.

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