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26. Februar 2015

Peter Zingler: Einbrecher-König wird Super-Autor

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Blickt auf sein Leben zurück: der erfolgreiche Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Zingler (rechts), hier zusammen mit FR-Autor Claus-Jürgen Göpfert.  Foto: Alex Kraus

Peter Zingler war einst ein Einbrecher-König, der zwölf Jahre lange im Gefängnis saß. Dann wurde er zu einem erfolgreichen Schriftsteller und Drehbuchautoren. Jetzt stellt er seine Biografie „Im Tunnel“ in der „Brotfabrik“ vor.

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In gleich zwei Zimmern der weitläufigen Jahrhundertwendewohnung im Ostend lärmen Handys. Eines wandert brummend über den Eichentisch in der Küche, an deren Wände unzählige Fotos hängen. Fast alle, schwarz-weiß oder in Farbe, zeigen Peter Zingler und seine Vertrauten: Seine frühere Freundin, die Cartoonistin und Autorin Doris Lerche, oder den 2013 gestorbenen Schriftsteller Peter Kurzeck. Auf einer Fotografie, im sonnendurchglühten Spanien, posiert Zingler unter einem Galgen. Er betritt die Küche, ein kleiner Mann, Hut, Hemd und Hose im eleganten Grau. „Ich hatte lange Zeit Verfolgungsträume“, sagt er mit Blick auf das Galgen-Foto. Immer wieder rannte er im Traum Treppen hoch, erwachte schweißgebadet. „Und wenn ich in Kneipen reinkam, hab ich mich sofort gefragt: Wer von den Typen hier ist ein Bulle?“

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Zingler ist derzeit so begehrt wie nie. Alle wollen ihn haben: Gerade trat er noch im WDR-Fernsehen auf, da erschien schon das Porträt im „Spiegel“ und für heute Nachmittag hat sich ein Team von RTL angekündigt. Am heutigen Freitag und morgigen Samstag läuft in der ARD zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr der Zweiteiler „Die Himmelsleiter“ nach seinem Drehbuch, am Sonntag stellt der Frankfurter in der „Brotfabrik“ seine Autobiographie vor: „Im Tunnel“. Ein fast 600 Seiten starker Brocken von einem Buch, das eröffnet wird von einem Gedicht, in dem es heißt:

„In der Schule lief es normal,

bis ich richtig laufen lernte, weglaufen,

Vor der Polizei,

Vor der Realität,

Vor mir selbst,

Ich lauf heute noch weg.“

Zwölf seiner bisher 71 Lebensjahre saß der Mann mit dem Rubin im rechten Ohr im Knast, nicht einfach nur in Darmstadt-Dieburg, nein, in Spanien und Nordafrika. Er war eine Art Einbrecher-König, immer nur das Beste vom Besten, Pelze, Teppiche, Gemälde, Luxusautos. „Probiert hab ich bestimmt 500 große Brüche, geklappt haben 150“, sagt er nicht ohne Stolz.

Heute hat er zwar noch eine echte Maschinenpistole im Arbeitszimmer an der Wand hängen. Aber das dient nur der Image-Pflege. Der Mann, der in Köln aufwuchs, gibt gerne den Raubautz, wirft knurrige Sprachbrocken hin im besten Kölsch, fertigt Leute schon mal am Telefon im Handumdrehen ab. Hinter dieser schroffen Fassade verbirgt sich ein nachdenklicher, sensibler Mensch mit eiserner Selbstdisziplin.

Heute ist er einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren Deutschlands, 80 Filme sind nach seinem Skript entstanden, darunter etliche „Tatorte“. Er hat viele Kriminalromane geschrieben, auch andere Belletristik, die nicht so erfolgreich war. Sogar den renommierten Grimme-Preis hat er erhalten.

Nicht schlecht für einen, der eigentlich zur verlorenen Generation der Nachkriegszeit gehörte. Der Fernsehfilm „Die Himmelsleiter“ erzählt diese Geschichte: Ein Junge in der Trümmerwüste Kölns nach 1945, der ohne Vater aufwächst. Seine Großmutter zieht ihn als vermeintliche Mutter auf, die wiederum gibt sich als ältere Schwester aus. Mit elf Jahren erfährt der Sohn durch Zufall von diesem Schwindel, verliert endgültig den Halt. Klauen auf dem Schwarzmarkt ist ihm bald vertraut, es folgen Automatenaufbrüche und dann die ersten Luxusautos im Nachkriegsdeutschland, große Amischlitten.

Ist der Ex-Einbrecher heute dankbar, dass die Gesellschaft ihn aufgenommen hat? Von wegen aufgenommen, brummt er: „Ich hab mich einfach reingedrängt.“ Doch der Titel „Der Tunnel“ seines neuen Buchs signalisiert: „Ein Ausbruch aus deiner Vergangenheit ist nicht möglich.“ Seit er 1985 endgültig aus dem Knast rauskam, hat er „dieses Gefühl des Getriebenseins.“ Er arbeitet ohne Unterlass.

In der Küche kommt starker Kaffee auf den Tisch, sehr heiß. Zingler fingert an seiner Rolex rum. „Ich hab die Angst, wenn ich nicht mehr getrieben bin, fall ich um und bin tot.“ Schon sein Leben als Krimineller habe er mit Volldampf gelebt: „Es gibt keine kriminelle Energie, es gibt nur Energie!“ In ganz Deutschland baldowerte er ständig lohnende Objekte aus, fuhr in kleinere Städte, schaute sich um. „Zahntechnikerläden waren gut, da gab es Gold.“ Er besuchte Kunstausstellungen und überprüfte mit Kennerblick die Sicherheitsvorkehrungen für die Gemälde: „Wenn es möglich war, hab ich's gemacht.“ Es war „ein stressiges Leben als Einbrecher“, aber zugleich auch der Kick: „Wenn es dann klappt, ist das absolut erotisch!“

Bordell-Besitzer hilft weiter

Immer wieder versuchte er zwischen seinen Knastaufenthalten, ins bürgerliche Leben zurückzukehren. In Dreieich-Sprendlingen leitete er mal kurz die Filiale der bekannten Metzgerei Wille. „Aber wenn ich mit dem Fahrrad durch den Ort bin, ist mir ganz unauffällig ein Streifenwagen gefolgt.“ Der Chef erfuhr, dass sein Filialleiter ein Ex-Knacki war: Sofortiger Rauswurf.

Am Ende war es der Besitzer des ältesten Frankfurter Bordells „Sudfass“, der Kölner Dieter Engel, der Zingler ein Entree in die Stadt-Gesellschaft verschaffte. In einem Haus Engels, Uhlandstraße 21, genauer im Keller, konnte er am 1. September 1985 mit anderen zusammen die „Romanfabrik“ eröffnen, einen Ort für Lesungen und Diskussionen.

Schon bei seinem letzten Knast-Aufenthalt, in der JVA Darmstadt-Dieburg, traf er vorher in den 80er Jahren auf Ursula Sigismund, tatsächlich eine Nachfahrin des Philosophen Friedrich Nietzsche – sie leitete die Gefängnis-Literaturgruppe und förderte den schreibenden Insassen Zingler. Sie gab dem Darmstädter Schauspieler Günter Strack, bekannt aus Film und Fernsehen, ein Drehbuch des Gefangenen. Dem gefiel das Skript und er ermunterte die Münchener Filmproduktion Bavaria, es anzunehmen. Zingler bettelte um Hafturlaub: „Ich bekam tatsächlich einen Tag und durfte nach München fahren.“ Am Nachmittag brach er in der bayerischen Landeshauptstadt mitten im Gespräch mit den Filmbossen überstürzt auf, weil er sich am späten Abend wieder am Darmstädter Gefängnistor melden musste ....

Heute ist der Grimme-Preisträger hoch angesehenes Mitglied des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren. Und kämpft mit seinen Kollegen für bessere Arbeitsbedingungen. „Wir sind sehr frustriert – ständig wird versucht, unsere Honorare zu drücken.“ Wütend ist der Autor auch über den mangelnden Mut insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender. „Immer wieder habe ich denen Stoffe mit Kriminellen als Sympathiefigur geschickt“ – alles abgelehnt. Dann kam „Breaking Bad“ – die US-Kultserie über einen braven Chemielehrer, der sich, krebskrank, zu einem rücksichtslosen Verbrecher wandelt. In Deutschland ein Quotenerfolg – und Zingler ärgerte sich mächtig.

Seine Gesprächspartner in den Sendeanstalten erlebt er immer mehr als furchtsame Knauser: „Früher gab's noch Redakteure, die haben was riskiert.“

Wenn der Autor aus dem Fenster schaut, blickt er direkt auf den Campus der Frankfurt School auf Finance, in der angehende Bänker ausgebildet werden. Für den langjährigen Bewohner des Ostends ist sie das Symptom der Veränderung des Viertels – weg von den billigen Kneipen und Wohnungen, hin zu Büros und Luxus-Residenzen im Schatten der Europäischen Zentralbank. In der Autobiographie „Im Tunnel“ kommt das alte Ostend noch vor, mit dem Bordell „Sudfass“, dessen Besitzer hier nur „ein Kölner namens Dirk“ ist: „Die Art, wie er sein Bordell in Frankfurt führte, machte es weltberühmt. Es war im Grunde genommen „Wellness mit Sex““.

Tatsächlich ist das „Sudfass“ gerade abgerissen worden, das Grundstück am nördlichen Brückenkopf der Flößerbrücke liegt verlassen da. In Kürze werden hier Luxus-Wohnungen gebaut, unter dem schönen Namen „Oskar-Residence“.

Peter Zingler sitzt in der Küche und spricht über seine Vorbilder. Henry Jaeger zum Beispiel, der Frankfurter, der nach einer Serie von Raubüberfällen und Einbrüchen 1965 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Im Gefängnis begann Jaeger zu schreiben, absolvierte später ein Volontariat bei der Frankfurter Rundschau und wurde dort Lokalredakteur. Sein berühmtester Roman „Die Festung“ über eine vom Zweiten Weltkrieg zerrissene Familie verkaufte sich mehr als 750.000mal. „Henry Jaeger war damals nach Goethe der erfolgreichste Frankfurter Autor“, sagt Zingler ehrfürchtig.

Sein Alter Ego heißt im Roman „Im Tunnel“ Paul Zakowski. Er hockt im Knast, fiebert seiner möglichen Entlassung am Wochenende entgegen und erinnert sich an sein Leben. Peter Zingler arbeitet schon am zweiten Teil. Es gibt noch so viel zu erzählen.

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