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05. Januar 2016

Peterskirchhof: Vergessener Schatz

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Im Sonnenlicht stimungsvoll, aber doch vernachlässigt, der alte Friedhof an der Peterskirche.  Foto: Christoph Boeckheler

Goethes Eltern und viele andere verdiente Bürger fanden rund um die Frankfurter Peterskirche ihre letzte Ruhestätte. In den nächsten elf Jahren soll der älteste noch erhaltene christliche Friedhof Deutschlands aufwendig saniert werden.

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Ein leichter Nieselregen lässt das Gras glänzen. Es ist früher Nachmittag und doch fällt schon die Dämmerung über das Stadtzentrum von Frankfurt. Zwischen den Mauern des Peterskirchhofs werden die Schatten lang. „Ich weis, das mein Erlöser lebet“, lässt sich an der Wand entziffern: Der „Handelsmann“ Peter Müller und seine Gattin Anna Christiana Müller wurden hier im 18. Jahrhundert beigesetzt. Hier, zwischen Bleichstraße und Stephanstraße, liegt Deutschlands ältester noch erhaltener christlicher Friedhof. Vom Jahr 1418 bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es hier Bestattungen, am 30. Juni 1828 die letzte. Dann musste Frankfurts damaliger evangelischer Hauptfriedhof wegen dramatischer Überbelegung endgültig geschlossen werden. Mehr als 500 000 Menschen waren bis dahin dort begraben worden.

Goethes Eltern

Die Gräber der Eltern des Dichterfürsten liegen heute isoliert vom übrigen Peterskirchhof auf dem Hof der benachbarten Liebfrauenschule.

Katharina Elisabeth Goethe (1731–1808), geborene Textor, genannt Frau Aja, war die Mutter von Johann Wolfgang von Goethe. Sein Vater war der Jurist und
Kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe (1710–1782).

Künftig soll das Grab nach den Vorstellungen der Stadt „inszeniert“ werden, um mehr Aufmerksamkeit zu finden. Was das genau heißt, ist aber noch offen. jg

Jetzt, 188 Jahre später, beginnt ein neues Kapitel. Die Stadt Frankfurt hat sich entschlossen, das bundesweit bedeutende Kulturdenkmal aufwendig sanieren zu lassen. Es ist eine Arbeit für eine Generation von Restaurateuren und Kunsthistorikern: Bis zum Jahr 2027 soll sie dauern. Nicht weniger als 1,75 Millionen Euro will das Kulturdezernat mobilisieren, weitere 1,23 Millionen Euro soll das Umweltdezernat beisteuern. Kulturdezernent Felix Semmelroth geht gemessenen Schrittes durch den Regen. „Es gibt hier ganz unterschiedliche Schadensbilder“, sagt er. Epitaphe aus rotem Sandstein sind stark angegriffen, die Inschriften nicht mehr zu lesen. Doch die Grabmäler in den Wänden, die aus Basaltstein geschaffen wurden, trotzten der Zeit fast unbeschadet.

Semmelroth deutet über die Stephanstraße, an der heute die als Bürohaus umgestaltete alte Diamantenbörse liegt, nach Norden. Früher dehnte sich der Kirchhof weit mehr in Richtung der Zeil aus. Im 19. und 20. Jahrhundert ist er zugunsten von Wohn- und Geschäftshäusern geschrumpft.
Heute liegt der Friedhof, von den wenigen Passanten kaum beachtet da. Vergessen. Obwohl hier viele Prominente der Zeitgeschichte begraben liegen: von Goethes Eltern über den Bankier Moritz von Bethmann und den Verleger Matthäus Merian bis hin zum Kaufmann Rudolf Emanuel Passavant. Dass die Stadt jetzt so viel Geld in die Sanierung steckt, dass sechs städtische Institutionen dabei zusammenarbeiten, war politisch nicht selbstverständlich. Doch am Ende soll das Kulturdenkmal aus seinem Schattendasein herausgeholt werden: „Der Friedhof könnte zur Touristenattraktion werden“, hofft der Kulturdezernent.

Bis dahin ist es ein langer Weg. Im hinteren Teil des Gräberfeldes, zur Stephanstraße hin, haben sich Spezialisten einer Firma aus Niedernhausen schon an die Arbeit gemacht. Behutsam trägt ein Restaurateur mit einem Spatel Quarzsand auf einzelne Teile eines in die Wand gelassenen Grabes, eben eines Epitaphes. Diese sogenannte Anböschung soll als Schutzschicht gegen weiteres Verwittern helfen. Eine Kollegin dokumentiert jeden einzelnen Schritt mit der Kamera.

Auch Kirchturm wurde renoviert

Insgesamt 191 Epitaphe müssen restauriert werden. Bei den meisten soll das vor Ort geschehen: Bei einem Ausbau aus den Mauern wäre die Gefahr einer weiteren Beschädigung zu groß.

Die Peterskirche selbst, die unmittelbar an das Gräberfeld angrenzt, ist tatsächlich erst Jahrhunderte nach Eröffnung des Friedhofs errichtet worden. Um 1382 war nur eine kleine Kapelle entstanden. Erst in den Jahren 1892 bis 1895 wurde dann die Peterskirche erbaut – sie war damals das größte evangelische Gotteshaus in Frankfurt. Das Bauwerk wurde ein Opfer der schweren alliierten Bombenangriffe auf Frankfurt im März 1944. Im Jahr 1961 begann der Wiederaufbau der Kirche, die am 4. Juni 1965 erneut eröffnet werden konnte.

Auch dieser Neubau ist inzwischen wieder angegriffen. Seit zwei Jahren hat die Stadt den Turm der Kirche sanieren lassen, erst vor sechs Wochen konnte nach dem Abschluss der Arbeiten endlich das Gerüst abgebaut werden, wie Robert Sommer vom städtischen Hochbauamt berichtet. Zurzeit wird noch die Stützmauer zwischen Kirchhof und Peterskirchhof erneuert.

An der Kirchenstützmauer befinden sich 21 Grabmäler – sie sollen jetzt zuerst saniert werden. Einige sind schon während der bisherigen Bauarbeiten abgenommen worden – die von der Stadt beauftragten Fachleute haben sie eingelagert, zum Teil im Bolongaropalast in Höchst, zum Teil in einer Halle im Scheerwald. Die Restaurierung der 21 Epitaphe in der Stützmauer soll bis Ende 2016 abgeschlossen sein. Einige erhalten ein dauerhaftes Schutzdach gegen die Witterungseinflüsse.

Bis zu 200 000 Euro jährlich

Im Juni 2016 startet dann das Grünflächenamt seinen Teil der Arbeit. Es gilt, alle Grünflächen des alten Kirchhofs zu erneuern. Er erhält eine neue Beleuchtung und neue Eingangstore, die jetzt kaum noch erkennbaren Wege über den Friedhof werden neu angelegt. Einzelne Flächen mit Stauden sollen dem Grün eine neue Struktur geben.

Ab 2017, so ist jedenfalls der Plan, beginnt schrittweise die Restaurierung der restlichen 170 Grabmäler. Wie schnell sie voranschreitet, hängt auch davon ab, wie rasch und in welchem Umfang die Stadtregierung in den kommenden Jahren Geld bewilligt. Jährlich 150 000 bis 200 000 Euro, so schätzt der Kulturdezernent, werden benötigt.

Nur wenn das gelingt, kann die Restaurierung bis zum Jahre 2027 abgeschlossen werden. Es gibt noch ein Problem, das die Stadt nicht verschweigt. Da der Peterskirchhof so völlig aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten war, ist er ein Ort für die Angehörigen der offenen Drogenszene in Frankfurt geworden. Schwer drogenkranke Menschen haben sich hier über Jahre hinweg ihre Spritzen gesetzt. Mit Beginn der Sanierungsarbeiten an der Peterskirche sind sie zum Teil an andere Orte ausgewichen. „Wir haben aber immer noch gebrauchte Spritzen auf den Gerüsten gefunden“, sagt Robert Sommer vom Hochbauamt.

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