Niemand ahnte damals, dass es sein einziger Besuch als Bundespräsident im Römer bleiben sollte. 9. Oktober 2011: Bundespräsident Christian Wulff (CDU) trägt sich im Kaisersaal ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt ein. Neben ihm steht Oberbürgermeisterin Petra Roth mit ihrer Amtskette. Die Unterschrift besitzt jetzt Seltenheitswert. Denn Wulff ist zurückgetreten, mit einem Rekord: Die kürzeste Amtszeit eines deutschen Staatsoberhaupts. Petra Roth aber ist wenige Stunden im Gespräch gewesen als seine Nachfolgerin.
Die Situation kannte die 67-jährige schon. 2004, bevor Horst Köhler zum Bundespräsidenten gekürt wurde, kursierte der Name Roths schon einmal durch das politische Berlin. Schließlich war sie damals auch Präsidentin des Deutschen Städtetages und eine durchaus erfolgreiche deutsche Kommunalpolitikerin.
Knapp acht Jahre später: Roth hat noch deutlich an politischer Statur gewonnen. Aber ihr Ruhestand rückt näher: Am 30. Juni ist Schluss als Oberbürgermeisterin. Wäre das jetzt der Zeitpunkt, nach Berlin ins Schloss Bellevue zu wechseln?
Stadt und Region treu verbunden
Bisher hat die CDU-Politikerin keine Zweifel daran gelassen, dass sie auch nach ihrer Zeit als OB in Frankfurt bleiben werde, der Stadt und der Region treu verbunden. „Wo soll ich denn hin?“, pflegt sie zu fragen. Längst empfindet sich die gebürtige Bremerin, Tochter einer Wollkaufmanns-Familie, als Ur-Frankfurterin. Seit den 60er Jahren in der Stadt, seit 1977 im Römer, damals als junge Stadtverordnete von einer überraschenden absoluten CDU-Mehrheit ins Rathaus gespült.
Wollte Petra Roth Bundespräsidentin werden? Große Zweifel sind angebracht. In ihrer Zeit an der Spitze des Städtetages von 2002 bis 2005 und von 2009 bis 2011, hat sie sich auf der „großen“ politischen Bühne gut behauptet. Hat hart gekämpft gegen Bundesregierungen, die die Gewerbesteuer, die wichtigste Einnahmequelle der Kommunen, abschaffen wollten. Roth war erfolgreich. Aber ihre Distanz zum Politikbetrieb in Berlin ist in diesen Jahren eher gewachsen – zu ernüchternd waren ihre Erfahrungen. Eine politische Hausmacht in der Bundeshauptstadt besitzt sie nicht.
Roth hat keine Schnäppchenjäger-Mentalität
Womit also hätte Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber ihrer Frankfurter Parteifreundin argumentieren können, um sie nach Berlin zu locken? Mit der Notlage der CDU? Roth fühlt sich keineswegs so sehr als Parteipolitikerin, um sich dadurch sofort in die Pflicht nehmen zu lassen.
Am Sonntagmittag, beim Frankfurter Fassenachtszug, ist sie die Gelassenheit in Person. Am Sonntagabend wird auch sie die Botschaft erreicht haben vom heftigen Koalitionsstreit in Berlin wegen der Wulff-Nachfolge. Wäre das ein verlockendes Szenario für den Wechsel an die Spree gewesen? Nun, um eines braucht man sich bei Petra Roth keine Gedanken zu machen: Sie ist weit von der Schnäppchenjäger-Mentalität eines Christian Wulff entfernt. Sie verschwendet keine Zeit darauf, kostenlose Toskana-Urlaube zu ergattern oder Unternehmer-Freunden Vorteile zu verschaffen.
Insofern können die Frankfurter stolz sein auf ihr Stadtoberhaupt: Von ihrer Persönlichkeit her ist sie ein Gegenentwurf zum Ex-Bundespräsidenten. „Was kann ich eigentlich außer Politik?“ hat die frühere Arzthelferin bei der Ankündigung ihres Ruhestands nachdenklich gefragt – es war eine kritische Frage an sich selbst.
Roth ist neugierig auf das Leben außerhalb der Politik. Gewiss: Das politisch liberale Profil der OB hätte sie für SPD und Grüne vermittelbar gemacht. Aber da ist noch etwas: Schon die 17 Jahre als Stadtoberhaupt haben sie oft an die Grenzen ihrer Fähigkeiten geführt. Petra Roth wäre klug genug gewesen, das zu erkennen.

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