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Pflegekinder: Neue Eltern gesucht

Mehr als 500 Kinder und Jugendliche hat das Frankfurter Jugendamt im vergangenen Jahr in Obhut genommen. Dringend sucht die Behörde nach Pflegefamilien, doch nicht alle Interessenten sind geeignet.

Wer ein Pflegekind aufnehmen will, muss ausführlich seine Motive erklären. Und das Einkommen muss auch ohne Pflegegeld auskömmlich sein.
Wer ein Pflegekind aufnehmen will, muss ausführlich seine Motive erklären. Und das Einkommen muss auch ohne Pflegegeld auskömmlich sein.
Foto: dapd

Immer mehr Kinder in Frankfurt können nicht in ihren Familien bleiben – weil ihre Eltern sie vernachlässigen, überfordert sind oder andere Probleme haben, zum Beispiel mit Drogen oder Alkohol. Im vergangenen Jahr hat das Jugendamt mehr als 500 Kinder und Jugendliche in seine Obhut genommen.

Vor allem die Babys und ganz Kleinen brauchten unbedingt Familienstrukturen, um Bindungen aufbauen und sich gesund entwickeln zu können, sagt Claudia Tull, die stellvertretende Leiterin der Pflegekinderhilfe. Kinder bis etwa zehn Jahre bringt das Jugendamt deshalb nach Möglichkeit erstmal in sogenannten Bereitschaftspflegefamilien unter, bis sie entweder zu ihren Eltern zurück können oder aber eine Vollzeitpflegefamilie gefunden ist. Für ganz schwierige Fälle ist das keine Alternative: Manche Kinder sind von dem, was sie erlebt haben, so schwer beeinträchtigt, dass sie „Familien nicht aushalten können“, sagt Tull. Sie kommen dann in professionelle Kleinsteinrichtungen.

Für die meisten aber ist die Vollzeitpflegefamilie die beste Lösung; der Bedarf ist groß und wächst seit ein paar Jahren stetig. Das liegt zum einen daran, dass nach dramatischen Fällen – Stichwort Kevin – das Gesetz geändert wurde; zum anderen wird genauer hingeguckt. „Die Bevölkerung ist sensibilisiert“, glaubt Tull. Der Bedarf übersteigt die Zahl der gut 200 Vollzeitpflegefamilien, die es in Frankfurt gibt, deutlich.

Die Stadt ist aber noch aus einem anderen Grund als dem pädagogischen gehalten, stärker auf Vollzeitpflege zu setzen. Die kostet sie nämlich viel weniger als etwa eine Unterbringung im Heim. Deshalb hat der Landesrechnungshof kürzlich nach einer Überprüfung die Stadt aufgefordert, häufiger den günstigeren Weg zu gehen und dabei auch verstärkt auf das Umland zurückzugreifen.

Das tut Frankfurt aber schon: Weil es hier nicht genug Pflegefamilien gibt, sind mehr Frankfurter Pflegekinder außerhalb untergebracht als in ihrer Heimatstadt. Und das nicht nur in angrenzenden Landkreisen, sondern auf ganz Deutschland verteilt – vor allem im Norden des Landes.

Statistik
Pflegefamilien
Bedingungen
Pflegegeld

Im Jahr 2010 hat die Stadt Frankfurt 108 Kinder im Vorschulalter in Obhut genommen, die kurz- oder längerfristig nicht bei ihren Eltern bleiben konnten.
Die Zahl der in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen stieg von 368 (2009) auf 515 im vergangenen Jahr.

In Frankfurt lebten 2010 242 Pflegekinder in 218 Pflegefamilien. Dazu kamen 355 Frankfurter Kinder, die bei 322 auswärtigen Pflegefamilien untergebracht waren. Sie werden auch in andere Regionen Deutschlands vermittelt.

Diese Kinder werden nach Möglichkeit in einer der etwa 30 Frankfurter Bereitschaftspflegefamilien untergebracht. Es gibt in Frankfurt auch drei Bereitschaftspflegehäuser. Wenn klar ist, dass die Kinder auf Dauer nicht zu ihren Eltern zurückkönnen, wird für sie eine sogenannte Vollzeitpflegefamilie gesucht. Vor allem bei Babys und Vorschulkindern ist es wichtig, dass sie in Familienstrukturen leben können. Für besonders schwierige Kinder und Jugendliche kommt die normale Vollzeitpflegefamilie nicht in Frage, für sie gibt es spezialisierte Erziehungsstellen wie sogenannte Profi-Familien.

Wer ein Pflegekind aufnehmen will, kann sich beim Jugendamt bewerben. Das können auch Eltern tun, die schon eigene Kinder haben. Das Pflegekind sollte aber mindestens zwei Jahre jünger sein als das jüngste eigene Kind. Nach einem Informationsgespräch muss ein Seminar zur Motivationsabklärung absolviert werden. Wer danach weiter interessiert ist und auch in Frage kommt, muss polizeiliches Führungszeugnis und Gesundheitszeugnis vorlegen und ein Einkommen nachweisen, das auch ohne das zu erwartende Pflegegeld die Existenz sichert. Wichtig ist auch, dass genug Wohnraum da ist - das Pflegekind braucht ein eigenes Zimmer.

An die Pflegeeltern wird ein Pflegegeld ausgezahlt. Der Grundbetrag beträgt 477 Euro bei Kindern bis fünf Jahre und 552 bei Kindern bis elf; ab zwölf Jahren werden 634 Euro gezahlt. Dazu kommen 222 Euro Erziehungsbeitrag.

Die Stadt Frankfurt übernimmt die Personalkosten für zusätzlichen Aufwand bei der Betreuung der kleinen Frankfurter und begleitet auch die Auswahl potenzieller Pflegeeltern. „Wir machen immer einen Hausbesuch“, sagt Claudia Tull.

Weil das alles aufwendig ist und viel kostet, wäre die günstigste Lösung, mehr Pflegefamilien in Frankfurt zu finden. Eine teure Plakat-Kampagne gab es zuletzt 2009. Seither setzt das Jugendamt auf kleine Schritte, legt zum Beispiel Broschüren in Kindergärten oder bei Ärzten aus.

Verstärkt sollen auch Synergien genutzt werden. Bei der Adoption, die ein gesichertes Rechtsverhältnis bietet, ist die Situation nämlich genau umgekehrt: Es gibt wesentlich mehr Bewerber als Kinder.

Die Auswahl wird sorgfältig begleitet

Das Wichtigste ist für Tull die Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Mehrheit der Interessenten ist ungewollt kinderlos; aber auch viele, die schon eigene Kinder haben, bewerben sich als Pflegefamilie. „Um keine böse Überraschung zu erleben“, hält das Frankfurter Jugendamt den Prozess der Qualifizierung in der Hand, führt alle Gespräche und auch das nötige Seminar selbst. Das ist in anderen Städten und Landkreisen oft nicht so, oft wird das Verfahren an Träger abgegeben.

Die Pflegefamilien sollten im Idealfall ein „Spiegelbild der Stadt“ sein, sagt Tull. Auch gleichgeschlechtliche Paare seien erwünscht. Dass Bewerber abgelehnt werden, komme nicht oft vor: „Wer Interesse bekundet, hat sich meist schon mit dem Thema beschäftigt.“ Es brauche aber mehr als das „karitative Motiv“.

Eine feste Altersgrenze gibt es nicht, der Abstand soll aber möglichst natürlich sein. „Dass zum Beispiel eine Zweijährige zu Eltern im Großelternalter geht, das wollen wir nicht“, ergänzt Tulls Kollegin Marlies Auth. Richtschnur ist immer das Kindeswohl. „Wir schauen sehr kritisch, trotz des wirtschaftlichen Drucks“, versichert Tull.

In vielen Gesprächen lernten sich Amt und künftige Pflegeeltern sehr gut kennen. „Dabei wird geschaut, wie sie bisher mit Krisen umgegangen sind, ob sie mit beiden Beinen im Leben stehen und wie die Beziehung ist“, sagt Tull. Ist der Prozess erfolgreich abgeschlossen, muss geklärt werden, ob es ein Kind gibt, für das sie passende Eltern wären. „Wir suchen nicht für Eltern Kinder, sondern für diese Kinder speziell Eltern“, betont Auth. Oft heißt das: warten.

Auch wenn die Kinder in den Pflegefamilien leben, hält das Amt den Kontakt über regelmäßige Besuche. Stellt eine Mitarbeiterin fest, dass ein Kind sich nicht gut entwickelt, sich zum Beispiel nicht trösten lässt von den Pflegeeltern, wird genauer hingeschaut und das Kind notfalls auch aus der Familie genommen. Unvergessen ein drastischer Fall: Ein Pflegekind war zwei Jahre lang keinen Zentimeter gewachsen. Als es die Pflegefamilie verlassen hatte, schoss es in die Höhe.

"Bei uns wird ganz offen gesprochen"

Petra und Georg Lohmeier, 36 und 43 Jahre alt, haben seit November ein Pflegekind, Laura, damals 18 Monate (alle Namen geändert). Den Bewerbungsprozess haben Petra Hendel-Reggentin und Marlies Auth vom Frankfurter Jugendamt begleitet. Hendel-Reggentin besucht die Familie regelmäßig. Die Pflegeeltern und das Jugendamt schildern den von der Bewerbung bis zum Einzug des Kindes.

Autor:  Sabine Hamacher
Datum:  10 | 10 | 2011
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