Links, gleich neben der Tür sitzt sie, bekleidet mit einer hellgrünen Windjacke und einer braunen Sonnenbrille im Haar. Ihr Kopf ist leicht nach vorn gebeugt, sie blickt auf ein dickes Buch und blättert von Zeit zu Zeit die vergilbten Blätter um. Eine ganz und gar in die Lektüre vertiefte Leserin.
Überall anders würde eine junge Frau, die in einem Buch liest, nicht für Verunsicherung sorgen. Hier aber, hier in der Städelschule, wo am Wochenende die Schüler ihre Arbeiten ausstellen, da sorgt diese geneigte Leserin für Irritation bei der Besucherin, die zwar an Kunst interessiert ist, aber sich nicht besonders gut auskennt. Und so stellt sie zunächst nur sich selbst die Frage, ob die junge Frau das Kunstwerk ist oder Bestandteil einer der Arbeiten, die im Erdgeschoss, im Raum mit der Nummer W11, ausgestellt sind.
Dass diese Frage nicht ganz abwegig ist, wird beim Verlassen des Raumes einmal mehr bestätigt. Denn schräg gegenüber des Eingangs sitzt noch jemand; diesmal ein Mann. Er zerschneidet einen Kunstkatalog, die Papierschnipsel landen auf dem Boden, breiten sich überall aus. Während die Aktion von Hüseyin Oylum eine Performance ist, handelt es sich bei der eingangs beschriebenen Szene eben nicht um Kunst, sondern schlichtweg um eine Beschäftigung, mit der sich die junge Frau beim Bewachen der Kunstwerke die Zeit vertreibt.
Weil es sich bei der Wärterin nicht um eine Museumsangestellte, sondern um die Künstlerin selbst handelt, die sich als Lisa Meixner vorstellt, und weil es sich bei Lisa Meixner um eine ziemlich unprätentiöse Person handelt, die freundlich ist, entwickelt sich ein Gespräch, das zu Aha-Erlebnissen führt. Meixner hat für den Rundgang 2011 zwei Arbeiten ausgewählt. Eine Installation, die auf dem Boden aufgestellt ist, und ein Werk, das an der Wand hängt und an ein Mini-Modell eines Bühnenbildes erinnert.
An Anfang das Wort
Den Anfang ihrer Arbeiten, sagt die 27-Jährige, bilde ein Begriff, ein Wort, das sie beschäftige. Bei dem an der Wand hängenden Werk war es der Begriff Ziegelstein. Ihre Gedanken gingen mit ihr durch und am Ende entstand die dreidimensionale Collage. „Was ich mir dabei gedacht habe, ist eigentlich egal“, sagt die Städel-Schülerin. Viel wichtiger sei ihr, dass es andere zu einer Gedankenreise und zu eigenen Assoziationen inspiriere. Das tuen ihre Arbeiten in der Tat.
Ergiebig ist das Gespräch mit der jungen Künstlerin auch, weil sie darauf hinweist, dass doch Alltagsgegenstände durchaus eine poetische Aussage hätten und bei der Ansammlung von Dingen die Grenze zur Kunst fließend sei. Ausgestattet mit diesem Hinweis wird der Rundgang fortgesetzt, die Neugier, die frisch renovierten Räume nach Alltagsgegenständen abzusuchen, bestärkt und der Ehrgeiz, jeden Raum sich anzuschauen, aufgegeben. Im Gedächtnis hängengeblieben sind nur einige der vielen Arbeiten, etwa die aneinander genähten, strahlend weißen Männerunterhosen, die in Form eines Rechtecks an der Wand hängen. Die Arbeit des aus den USA stammenden Künstlers Danny Kerschen sorgt für Heiterkeit. Und das ist doch nicht die schlechteste Wirkung von Kunst.
Knapp 200 Schüler stellen ihre Arbeiten während des dreitägigen Rundgangs aus. Der Einladung, durch die Städelschule zu schlendern, folgten viele Besucher. Einer zumindest, offenbar erschlagen von der Wucht der Kunst, hatte sich im Garten hingelegt und schlief tief und fest…oder nicht? Vielleicht war aber auch das Kunst, etwa ein Solo-Happening oder eine Open-Air-Performance.

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