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19. März 2013

Polizei erschießt Mann im Gallus: Protokoll einer Tragödie

 Von  und 
Nach den tödlichen Schüssen herrscht Aufregung in der Koblenzer Straße. Foto: Andreas Arnold

Am Montagabend erschießt die Polizei einen 62-jährigen Mann in einem Haus im Gallus, weil er sie mit einem Messer angreift. Wie ein Nachbarschaftsstreit eskalierte.

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Am Montagabend erschießt die Polizei einen 62-jährigen Mann in einem Haus im Gallus, weil er sie mit einem Messer angreift. Wie ein Nachbarschaftsstreit eskalierte.

Am Dienstagmorgen, als die Reporter kommen, hat Wolfgang A. seine Arbeit bereits erledigt. Er hat das Treppenhaus im Erdgeschoss und im ersten Stock gereinigt, so dass man nur noch vereinzelt Blutspuren auf den hellen Fliesen sieht. Sein Unterarm ist verbunden, doch das Blut im Flur stammte nicht nur von ihm, sondern auch von Wolfgang N. Dem 62 Jahre alten Mann, der A. am Montag mit einem Messer angegriffen und verletzt hat. Der danach auf drei Polizisten losgegangen sein soll. Und der von den Beamten erschossen wurde.

A. ist 70 Jahre alt und Hausmeister in einem Wohnhaus an der Koblenzer Straße, Wolfgang N. ist sein Nachbar. Am Montagabend stritten sie sich. N. war betrunken, die Staatsanwaltschaft spricht von mindestens zwei Promille. Auch das ist offenbar keine Seltenheit. „Normalerweise habe ich Herrn N. immer im Griff, wenn er betrunken ist, und komme gut mit ihm zurecht“, sagt A. „Aber am Montag war er sehr aggressiv und hatte das Messer dabei, mit dem er auch auf mich losgegangen ist.“ Seinen kompletten Arm habe die Waffe des Angreifers durchbohrt.

Es lässt sich nicht leicht klären, warum die beiden Nachbarn aus dem Gallusviertel um kurz vor 19 Uhr so heftig aneinandergeraten sind. Laut Hausmeister A. gibt es in dem Wohnhaus mit seinen 38 Parteien öfter Probleme. Einige Männer kämen regelmäßig stark alkoholisiert und ohne ihre Schlüssel nach Hause, sagt er. Dann klingelten sie bei ihm. A. hat nach eigenen Angaben schon des Öfteren Türen für einen Bewohner aufgebrochen. Vom Hauseigentümer habe er auch Schlüssel für einige der Wohnungen bekommen, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Im Haus gibt es Gerüchte, A. habe diese auch schon genutzt, um seine Nachbarn zu bestehlen. Auch Wolfgang N. soll so etwas behauptet haben. Offenbar ging es um Papiere, die N. vermisst. Doch A. weist die Anschuldigungen entschieden zurück. „Ich rufe die Leute immer vorher an, bevor ich vorbeikomme“, sagt er „Ich gehe nicht einfach so in die Wohnungen, und ich stehle auch nichts.“ Er hat einen anderen Verdacht: N. hätte selbst gerne das Amt des Hauswartes übernommen und wollte ihm vielleicht deshalb den Diebstahl der Papiere unterstellen, um ihn so zu diskreditieren.

Wie auch immer. Am Montagabend jedenfalls klingelt Wolfgang N. bei A. und macht ihm schwere Vorwürfe. A. lässt seinen Nachbarn, der in Begleitung einer Frau ist, in seine Wohnung. Er selbst geht lieber in den Hausflur. Schließlich sei N. hoch aggressiv gewesen.

Und er hat dieses Messer dabei, ein Keramikmesser, wie Oberstaatsanwältin Doris Möller-Scheu am Dienstag erklärt. Man nutzt es zum Sushi schneiden. Das Messer ist extrem scharf und hat eine Klingenlänge von 19,5 Zentimeter. N. schaut sich in der Wohnung von A. um. Offenbar sucht er die besagten Papiere, findet aber nichts. Er verlässt die Wohnung. Im Treppenhaus, so die Schilderung des Opfers, geht er mit der Waffe auf A. los. Danach will er das Haus verlassen.

Er kommt nicht weit. Um 18.53 Uhr ist bei der Polizei ein Notruf eingegangen. Nachbarn hatten die Schreierei zwischen A. und N. mitbekommen und die 110 gewählt. Nur fünf Minuten später trifft eine Streife des vierten Reviers in dem Haus an der Koblenzer Straße ein. Offenbar waren die drei Beamten ohnehin gerade im Gallus unterwegs.

Wie die Staatsanwaltschaft berichtet, gehen die Polizisten ins Treppenhaus. Nach wenigen Sekunden begegnet ihnen Wolfgang N. Er hat das Messer in der Hand, er ist aggressiv, die Polizisten bekommen Angst. Sie schießen. Drei Patronen treffen N. in Schulter und Hüfte. Blutüberströmt bricht er zusammen. Ein Rettungswagen bringt ihn ins Krakenhaus. Um 23.38 Uhr teilt die Pressestelle der Frankfurter Polizei mit, dass Wolfgang N. in der Klinik gestorben ist. Alles Weitere soll das Landeskriminalamt (LKA) klären. Es ermittelt, wenn Polizisten Menschen getötet oder schwer verletzt haben.

So weit die Schilderung des tragischen Abends. Sie beruht in erster Line auf der Aussage von Wolfgang A. Auch Oberstaatsanwältin Möller-Scheu kennt die Darstellung des 70-Jährigen. Sie findet es ein wenig bedenklich, dass A. alle seine Erlebnisse den Reportern geschildert hat, nicht aber den Polizeibeamten, die ihn am Dienstag befragen wollten. „Denen gegenüber zeigte er sich deutlich weniger kooperativ“, sagt die Staatsanwältin. An dem, was A. erzählt, besteht aber offenbar kaum Zweifel.

Anscheinend war es Wolfgang N., von dem die Aggressionen ausgingen, offenbar stürmte N. tatsächlich mit einem beachtlich großen Messer auf drei Polizisten zu.

Aber mussten die Beamten deshalb gleich schießen? Und wenn: Hätten sie nicht auf die Beine zielen können? Genau diese Fragen müssen Staatsanwaltschaft und LKA jetzt klären. Dabei stehen sie mit ihren Ermittlungen am Anfang. Fest steht bislang nur, dass zwei der drei Polizisten Schüsse abgegeben haben. Wie oft die Beamten feuerten und welche Schüsse tödlich waren, sollen ballistische Untersuchungen klären.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich mit einem Messer attackiert werde, hätte ich die Tür gar nicht geöffnet“, sagt Wolfgang A. am Dienstag, nachdem er das Treppenhaus geputzt hat. Man glaubt es ihm..

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