"Ihr seid hier nicht in Afrika." Der Satz wird im Gedächtnis bleiben. Dem krankenhausreif geprügelten Frankfurter Elektronik-Ingenieur Derege Wevelsiep, der zwar in Äthiopien geboren wurde, aber als Waise in Deutschland adoptiert wurde und aufwuchs und seit sechs Jahren einen deutschen Pass hat, sowieso. Aber auch die vier U-Bahn-Kontrolleure, die ihn anscheinend in der Station Bornheim-Mitte drangsalieren wollten, werden den Spruch einer ihrer Kolleginnen nicht vergessen. Und erst recht nicht jenes Quartett an Polizisten, die Wevelsiep schließlich zusammenschlugen.
Zwei Männer stützen am 30.09.2010 im Schlossgarten in Stuttgart den verletzten Dietrich Wagner. Bei einer S 21 Demonstration wird er durch einen Wasserwerferstrahl schwer verletzt, der ihn direkt ins Gesicht trifft. Das linke Auge Wagners bleibt völlig zerstört, die Sehkraft des anderen Auges beträgt lediglich noch 8 % und reicht nicht mehr zum Lesen oder Autofahren reichen. Die Stuttgarter Polizei wirft Wagner eine Mitschuld vor, da er sich „nicht weggeduckt“ habe.
Foto: dpaGegen diese vier wird derzeit intern im Frankfurter Polizeipräsidium ermittelt; das bestätigte am frühen Dienstagabend eine Sprecherin der Polizei gegenüber der Nachrichtenagentur dapd. Ebenso, dass eine entsprechende Strafanzeige tatsächlich vorliege. Weshalb sie zu Details auch nichts sagen könne. „Aber klar ist: Es gibt zwei Sichtweisen, die des Anzeigestellers und die der Beamten.“
Letztere Bemerkung darf als Hinweis auf eine Information verstanden werden, die der Hessische Rundfunk seit Dienstagnachmittag online verbreitet. Demnach habe die Staatsanwaltschaft in Frankfurt mitgeteilt, dass nun auch ein Ermittlungsverfahren gegen das mutmaßliche Opfer eingeleitet worden sei. Die vier betroffenen Beamten hätten den 41-Jährigen wegen Beleidigung angezeigt. Er soll sie als "Nazis" beschimpft haben.
Dieser Gegenschlag liegt in der Logik von Behörden, die sich plötzlich der öffentlichen Kritik ausgesetzt sehen und offensichtlich die schlechteren Karten besitzen. Der Artikel der Frankfurter Rundschau, der am 6. November die Sache ins Rollen brachte, wurde im Laufe des Tages mehr als 17.000 Mal via Facebook weiterempfohlen und rund 950 Mal getwittert (Stand Mittwochmorgen 7.30 Uhr), die Agenturen und andere Medien haben mit eigenen Recherchen begonnen. Das muss zwar weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft irgendwie kümmern, aber die virale Verbreitung des Artikels schafft ein Klima, das auch die Behörden nicht unbeeinflusst lassen kann.
Da könnte ich platzen vor Wut! Die Beamten gehören vom Dienst suspendiert! #Wevelsiep #Rassismus #frankfurt #Polizei fr-online.de/frankfurt/rass…
Außerdem geraten nun die politischen Dienstherren der Frankfurter Polizei und Justiz in den Fokus der Öffentlichkeit. So soll nun der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) nach den Prügel-Vorwürfen im Innenausschuss des Landtages über die Ermittlungen berichten. Das fordert der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in Wiesbaden, Jürgen Frömmrich. „Der Vorwurf, dass hessische Polizisten rassistische Gewalt ausüben und einen Mann offenbar wegen dessen Hautfarbe misshandelt hätten, ist unerträglich. Dieser Vorgang muss lückenlos aufgeklärt werden“, sagte Frömmrich. Nach den Pannen bei der Aufklärung der Morde der NSU-Terroristen sei das Vertrauen vieler Menschen mit Migrationshintergrund in die Sicherheitsbehörden „sowieso erschüttert“.
Der innenpolitische Sprecher der Linken, Hermann Schaus, sagte, so die Vorwürfe Wevelsieps zutreffen, müsse das „ernste Konsequenzen“ haben. Dann brauche es auch „eine Debatte, wie rassistisch motiviertes Denken und Handeln in deutschen Amtsstuben zurückgedrängt werden kann“.
Die Frankfurter Grünen forderten von der Verkehrsgesellschaft VGF, sich an der Aufklärung zu beteiligen, da ihre Angestellten, das Quartett an Kontrolleuren den bisherigen Annahmen nach, den ganzen Vorfall überhaupt erst ausgelöst hatten. Auch sie stehen damit für Viele erstmal unter dem Verdacht rassistischer Äußerungen wie rassistischen Verhaltens.
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