Immer wieder setzt es Zwischenrufe. „Das ist doch unmöglich!“ oder „Unglaublich!“ So reagieren die wütenden Zuhörer im Römer-Planungsausschuss etwa auf den Satz von Michael zu Löwenstein, CDU-Fraktionschef im Stadtparlament: „Bäume haben wie Menschen ein begrenztes Lebensalter!“ Es ist der Streit um 16 zum Teil mehr als 100 Jahre alte Bäume, der am Montagabend wieder das Rathaus erreicht. Die Kastanien und Platanen sind samt einer Schwarzpappel gefällt worden, um Platz zu schaffen für den Bau einer Kita, einer Turnhalle, vor allem aber einer unterirdischen Quartiersgarage an der Glauburgstraße im Nordend.
An diesem Abend im Ausschuss entwickelt sich ein Lehrstück – es geht um ganz grundsätzliche Fragen wie: Was ist eigentlich Bürgerbeteiligung? Und zwei politische Generationen der Grünen prallen aufeinander.
März 2005: Auf der Berger Straße wird Kleinholz gemacht. Per kurzem Prozess. In einem etappenreichen Prozess versucht die Stadt, ihre wichtigsten Straßen, Einkaufsmeilen und Flanierstrecken rauszuputzen, für Passanten und Radfahrer attraktiv zu machen. Dabei kommen Bäume der Aufwertung und dem Umbau immer wieder in die Quere. Dass sie oft genug tatsächlich krank sind, macht ihr Abholzen leichter.
Gegen die Aktionen regt sich selten spezieller Protest, die Leute sind viel mehr damit beschäftigt zu verstehen, was mit ihrer Straße in Gänze geschieht. Was sie auch zum Widerspruch anregt. Die Bäume sind dann nur ein Problem von vielen.
Foto: Monika MüllerManfred Zieran zum Beispiel, der Flugblätter verteilt und dann auch engagiert spricht. Der heute 61-Jährige gehörte 1981 zur ersten Fraktion der Grünen im Römer, ist seit 20 Jahren für ÖkoLinX aktiv, Ortsbeirat im Nordend. Er trifft auf den 42-jährigen Wolfgang Siefert, heute für die Grünen im Stadtparlament, der Zieran angeht: „Die Zeiten, in der Sie der Vertreter der grünen Basis waren, sind lange vorbei!“
Und der Grüne Olaf Cunitz spielt noch mit, der 44-jährige Frankfurter Bürgermeister und Planungsdezernent. Er verteidigt das Zustandekommen der Quartiersgarage: „Es gab ein Höchstmaß an Transparenz, ein Höchstmaß an Information!“ Der Wille der Bürger manifestiere sich nun einmal „über gewählte Gremien“ wie das Stadtparlament – und das beschloss mit schwarz-grüner Mehrheit, die Bäume zu fällen.
Und Siefert argumentiert mit Auto-Stellplätzen, die unter die Erde verbannt werden, mit der Kita, auf die Eltern warteten. Dann sagt er: „Es muss auch mal möglich sein, dass man Bäume fällt, die 100 Jahre alt sind!“
Dem stellen die Mitglieder der Bürgerinitiativen, die Linken und ÖkoLinx eine andere Wahrheit gegenüber. Noch am 24. Mai 2012 sei im Ortsbeirat das Projekt versprochen worden, „ohne dass Bäume gefällt werden“. Die Kita und die Turnhalle, argumentiert Zieran, könnte man bauen ohne die Quartiersgarage, die verkehrspolitisch höchst fragwürdig sei, weil sie dem Druck der Autofahrer nachgebe: „Früher hätten sich die Grünen dagegen gewehrt!“
Auch der Linke Helmut Gärtner hält fest: „Die autogerechte Stadt gibt es heute nicht mehr – wir müssen den Autoverkehr zurückdrängen und nicht durch die Garage auch noch fördern!“
Um acht Uhr sollte es am Montag, 7.1.2013, soweit sein. Die ersten Bäume rund um die Glauburgschule im Nordend sollen für die geplante Quartiersgarage auf dem Schulhof fallen.
Foto: Michael SchickAuch zwei Architekten, der eine eine sehr namhafter, kämpfen gegen das Projekt. Helmut Kleine-Kraneburg, der unter anderem das Bundespräsidialamt in Berlin entwarf, das IG-Metall-Hochhaus und den Taunusturm in Frankfurt, fragt mehrfach, warum es keinen Architektenwettbewerb gegeben habe. Der jetzige Entwurf negiere komplett die historische Baustruktur des Nordends: „Die Stadt muss mehr Wert auf Ästhetik und Architektur legen!“
Bürgermeister Cunitz lässt die Frage offen, warum der Wettbewerb ausblieb. Er fühlt sich an das Votum des Stadtparlaments gebunden: „Ich werde die Beschlüsse ausführen.“ Zur Qualität der Architektur sagt er: „Die Stadtverordneten verlangen von uns, dass wir jeden Euro umdrehen.“
Manfred Zieran, der Grüne der ersten Stunde, und die Bürgerini-tiativen wollen weiterkämpfen, Jetzt für die Pflanzung neuer Bäume, „die höher sind als ein Haus“. Die kleinen Pflänzchen, „die Spargel“, die jetzt an die Stelle der gefällten Bäume gesetzt werden sollen, „hätten die Grünen früher abgelehnt“. Was die Emotionen zählen, die im Spiel sind, kann niemand ermessen. Einer erzählt von den alten Anwohnern, die mit den gefällten Bäumen „aufgewachsen“ seien. Eine Frau sagt: „Wir hoffen auf ein Ende,mit dem wir halbwegs leben können.“
Die Verteuerung der Mieten im Frankfurter Nordend - ein Paradebeispiel der Gentrifizierungsgegner.
Foto: FR/Rolf OeserWir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie dazu bitte auf das orange Symbol.

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