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Stadttour: Radelnde Nachtschwärmer

Neuland für den ADFC: Mit 140 Radfahrern geht es auf einer neuen Tour durch Frankfurts Unterwelt.

        

Der Römer ist ein guter Startpunkt für die Erkundung der Frankfurter Unterwelt.
Der Römer ist ein guter Startpunkt für die Erkundung der Frankfurter Unterwelt.
Foto: Chris Hartung

Alois Theisen wundert sich am Freitagabend. Gegen 20.30 Uhr flaniert der Chefredakteur des HR in Begleitung über den Römerberg, wo sich fast 140 Radlerinnen und Radler versammelt haben und auf den großen Moment warten. Theisen bleibt stehen, schaut hinüber zur Velo-Gruppe, die einen guten Teil des Römerbergs einnimmt, macht sich seine Gedanken über das, was er da sieht, und geht wieder seines Weges. Werner Buthe hat zu diesem Zeitpunkt schon alle Hände voll zu tun. Buthe, schwarzes T-Shirt (Aufschrift „Ich bin an allem schuld“), schwarze Radlerhose und entschlossener Blick, wird die Radler-Gruppe in wenigen Augenblicken durch Frankfurt leiten. Ein paar Anweisungen noch, die zuweilen den freundlichen Charme eines Marschbefehles haben, dann rollt die Gruppe im Pulk hinab zum Mainkai Richtung Westen, nimmt den Holbeinsteg und fährt nach Niederrad.

Frankfurts Unterwelt will der ADFC erkunden, der viel Erfahrung hat mit Touren, mit diesem Ausflug aber Neuland durchmessen wird. 40, 50 Stunden Vorbereitung stecken in dem Projekt, sagt Buthe, das Angebot ist ungewöhnlich, die Teilnehmerzahl bemerkenswert groß. Gekommen sind sie aus Raunheim, Langen und Sprendlingen, aus Gelnhausen und Rheinböllen, um Hessens größte Stadt nachts zu erkunden.

Gegen 21.15 Uhr trifft der Pulk in Niederrad ein, wo am Schwanheimer Ufer die erste mechanische Kläranlage der Welt im Frankfurter Untergrund liegt. „Ja, wie machen wir das jetzt“, sagt Abwassermeister Norbert Weil, der angesichts der Menge Mensch offenkundig überrascht ist. Seit 33 Jahr ist der Experte im Dienst, die Anlage ist ihm vertraut wie seine Westentasche, weshalb Weil souverän die große Gruppe über die Geschichte der Abwasserreinigung in Frankfurt im Allgemeinen und die Anlage im Besonderen informiert, die Anfang der 80er Jahre stillgelegt worden ist.

200 Touren hat der Fahrradclub inzwischen im Angebot, gut 60 Seiten stark ist das Heft, das die Angebote präsentiert, mittlerweile arbeiten 70 Tourenleiter ehrenamtlich für den ADFC. Aber diese Nachttour sagt Tourenreferent Johannes Wagner, „das ist was Neues“. Allein an diesem Abend begleiten zwölf Tourenleiter den Pulk, um den Autoverkehr zu regeln, die Gruppe zusammenzuhalten und auf die Sicherheit unterwegs zu achten.

Die Menge schafft Sicherheit

Als die Velo-Gruppe Richtung Autobahnbrücke aufbricht, ist es draußen längst dunkel geworden. Über die linke Spur der Schwanheimer Ufer-Straße geht es zur Autobahnbrücke der A5, unbehelligt von Autos, die angesichts der rollenden Masse nicht einmal mehr hupen. Die Menge schafft Sicherheit auch auf viel befahrenen Straßen – ein seltenes Erlebnis in Frankfurt. Über die Brücke geht es in den Griesheimer Stadtweg, wo Buthe die Teilnehmer für die nächste Zeit um Ruhe bittet: Über die Gleise geht es dann hinüber zum DB Werk der Bahn, wo ICEs in den Hallen gewartet werden, vorbei an dutzenden Radachsen über einen schmalen Teerweg, der zwischen Kleyer- und Gutleutstraße inmitten der Gleise bis zur Emser Brücke führt. Und weil die Bahn eigentlich nicht weiß, dass die Gruppe in der Nacht das Gelände passiert, soll auch niemand unnötig aufgeschreckt werden.

Um 22.50 Uhr macht die Gruppe Station zwischen Finanzamt und dem 4. Polizeirevier am Hauptbahnhof. Buthe erzählt über die Männer des Reviers, von ihrem Einsatzort Bahnhofsviertel, von Verbrechern, dem Finanzamt und dem Bankenviertel. Das alles vermischt Buthe ganz locker, so dass am Ende keiner mehr recht weiß, wo nun die größten Gauner tätig sind. Dann rollt die Gruppe durch Weser-, Taunus-, Mosel- und Kaiserstraße, biegt in die Wallanlage ab und nähert sich der Alten Oper. Buthe bedankt sich hier beim Krad-Team der Polizei, die den Pulk begleitet hat, erzählt noch übers Bahnhofsviertel und macht die Teilnehmer neugierig auf die letzte Station, das Swiss Break im 4. Stock von MyZeil.

Kurz nach 23.30 Uhr trifft die Gruppe vor dem Einkaufszentrum ein, und Cordula Kroll aus Dietzenbach sagt, sie würde an einer solchen Tour in jedem Falle wieder teilnehmen. „Das war ein tolles Erlebnis in so einer Riesengruppe zu fahren.“ Walter Altenweg ist aus Rheinböllen angereist, erlebt die Stadt heute sauberer und lebendiger als vor 10, 15 Jahren und sagt, eine Nachttour in einer großen Gruppe zu fahren und die leuchtenden Hochhäuser zu sehen, „das war interessant“. Und für Fenia Amanatidou, die seit drei Jahren in Frankfurt lebt, ist diese Tour „ein schönes Erlebnis“ gewesen. „Ja, das würde ich gerne wieder machen.“

Autor:  Jürgen Schultheis
Datum:  8 | 8 | 2010
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