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12. Februar 2016

Rechte Gewalt: Anlaufstelle für Opfer rechter Gewalt

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„Response Hessen“ hilft Opfern rechter Gewalt (Symbolfoto)  Foto: peter-juelich.com

Zum Start von „Response Hessen“ berichtet Birgit Rheims, Sprecherin des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, von den Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen.

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In den ostdeutschen Bundesländern und Berlin gibt es seit vielen Jahren Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt, nun etablieren sie sich auch in einigen westdeutschen Bundesländern. Zum Start von „Response Hessen“ berichtet Birgit Rheims, Sprecherin des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt und Leiterin der 2012 gegründeten Opferberatung Rheinland, von den Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen.

Frau Rheims, warum braucht es spezialisierte Anlaufstellen für Opfer rechter Gewalt?
Es ist wichtig, dass diese Opfer nicht alleingelassen werden mit ihren schmerzvollen Erfahrungen. Ich betone das wegen der dahinterstehenden Spezifik rechter Gewalt: Betroffene werden angegriffen, weil sie als nicht dazugehörig definiert werden, als hier nicht erwünscht. Die Täter sehen sich als Vollstrecker einer schweigenden Mehrheit. Deshalb ist es wichtig, in jedem Einzelfall gesellschaftliche Solidarität mit den Opfern zu zeigen. Als klares Signal, dass wir diese Gewalt nicht tolerieren, uns schützend vor die Opfer stellen und mit aller Härte des Rechtsstaats gegen die Täter vorgehen. Wir stimmen jeden Schritt mit den Betroffenen ab, so dass eine Selbstermächtigung stattfindet. Und wir sind differenzsensibel aufgestellt, um uns mit den spezifischen Betroffenengruppen auseinandersetzen zu können.

Welche Gruppen wenden sich besonders häufig an Sie?
In Nordrhein-Westfalen insbesondere Betroffene rassistisch motivierter Gewalttaten. Das sind jährlich zwischen 46 und 52 Prozent der Ratsuchenden. Die zweite große Gruppe, etwa 40 Prozent, sind all jene, die als politische Gegner wahrgenommen werden. Menschen, die sich gegen rechts, für Demokratie oder Flüchtlinge engagieren, oder die aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds als links oder nicht rechts eingeordnet werden. Andere marginalisierte Gruppen, Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger oder Menschen mit Behinderung, erreichen wir weniger.

Mit was für Fragen kommen die Menschen zu Ihnen und wie können Sie helfen?
Ein wichtiger Punkt ist oft die psychosoziale Beratung. Es gibt Menschen, die mit uns zum ersten Mal über die Vorfälle sprechen. Und wir informieren die Betroffenen über ihre Rechte. Eine ganz wichtige Frage ist in der Tat immer, ob sie Anzeige erstatten sollen. Viele haben Angst, dass sie dann weiter bedroht werden. Dabei spielt eine Rolle, dass bei einer Anzeige die Wohnadressen der Betroffenen in Ermittlungsakten erscheinen. Wenn es zu einem Prozess kommen sollte und die Täter ermittelt werden konnten, bekommen deren Anwälte Kenntnis von diesen Anschriften. Wir bieten daher die Adressen der Beratungsstellen als ladungsfähige Anschriften an. Manche Betroffene sind auch misstrauisch den Ermittlungsbehörden gegenüber. Wir begleiten sie zur Polizei, um eine vertrauensvolle Ebene zu schaffen.

Was können Sie noch tun?
Wir vermitteln Ärzte und Psychotherapeuten, wenn Menschen zu uns kommen, bei denen Anfänge eines starken Traumas durch die Tat deutlich werden. Und wir sorgen auch dafür, dass bei finanziellen Engpässen eine Unterstützung da ist, helfen bei Antragsstellung und dergleichen.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Übergriffe auf Geflüchtete sehr stark gestiegen. Wie deutlich zeigt sich das in der Arbeit der Beratungsstellen?
Es zeigt sich insofern, dass wir auch immer mehr geflüchtete Personen als Betroffene in unserer Beratung haben. Wobei ich für Nordrhein-Westfalen nicht sagen kann, dass sie die größte Gruppe stellen. Für die Täter ist der tatsächliche Aufenthaltsstatus des Menschen nicht relevant; es werden auch Menschen, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben als vermeintliche Flüchtlinge angegriffen. Wir Beratungsstellen haben zudem sehr deutlich definiert, in welchen Fällen wir zuständig sind. Wir kümmern uns bei massiver Bedrohung und Körperverletzungsdelikten, also auch bei Brandstiftung auf eine bewohnte Unterkunft, aber nicht um die Vielzahl an Angriffen auf noch unbewohnte Unterkünfte.

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Wie erreichen Sie Opfer, die erst kurz in Deutschland leben und die Strukturen nicht kennen?
Ein wesentliches Kriterium der auf rechte Gewalt spezialisierten Beratungsstellen ist, dass wir proaktiv arbeiten. Wir warten nicht darauf, dass sich die Betroffenen selber bei uns melden, sondern gehen aktiv auf sie zu und bieten unsere Hilfe an, wenn wir von solchen Fällen hören. Wir recherchieren mehr oder weniger täglich, in allen öffentlich zugänglichen Medien, welche Gewalttaten begangen wurden und versuchen dann, die Betroffenen zu erreichen und ihnen ein Unterstützungsangebot zu machen.

Aktuell wird hitzig über die Flüchtlingspolitik diskutiert; seit den sexualisierten Übergriffen in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof hat sich diese Debatte noch aufgeheizt. Schlägt sich das in den Beratungsanfragen nieder?
Das können wir für das Rheinland mit einem klaren Ja beantworten. Es gab nach den schrecklichen Silvesterereignissen direkte Übergriffe auf migrantische Personen in Köln, die durch Bürgerwehren begangen wurden. Über Facebook hatten sich Neonazis, rechte Türsteher und Personen aus dem Hooliganspektrum verabredet, um gezielt migrantische Personen anzugreifen. Das war eine regelrechte Menschenjagd. Auch bei jüngsten Brandanschlägen haben einige ermittelte Täter gesagt, sie hätten das wegen Silvester gemacht. Unsere Befürchtung ist, dass das rassistische Klima sich weiter verschärft. Wir erhalten jetzt auch viele Anrufe von Menschen, die „nur“ beleidigt oder gemobbt wurden – die leite ich an andere Stellen weiter, an Antidiskriminierungsbüros etwa. Aber auch daran sehe ich, dass es eine sehr aufgeheizte Stimmung gibt, die für die Betroffenen dramatisch ist.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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