Der kleinen Schar im Halbdunkel des Ausstellungsraums ist die Nervosität anzumerken. Immer neue Meldungen treffen ein in der Kunsthalle Schirn. „Sie sind gelandet“, weiß Sprecher Markus Farr. Dann: „Sie sind jetzt beim Binnenzoll im Osthafen.“ Kameraleute justieren ihre Objektive, Journalisten tigern mit Notizblöcken durch die Installation aus Sandhaufen, schwarzem Lavagestein, bizarren Holzstrünken. So näherte sich gestern ein Teil des isländischen Schatzes dem Frankfurter Stadtzentrum.
Acht historische Handschriften, die älteste aus dem 12. Jahrhundert, kommen zum ersten Mal nach Deutschland – weil Island der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Oktober ist. Matthias Wagner K., Kurator des isländischen Kunst-Programms, fasst die Bedeutung des Ereignisses mit leiser Stimme in eine Zahl: „Der Versicherungswert der Manuskripte liegt bei fünf Millionen Euro.“
In zwei Flugzeugen brachen die Bücher von Reykjavik nach Frankfurt auf, damit im Falle eines Absturzes … Aber dieses Thema ist unter den Wartenden natürlich absolut tabu. Lieber nehmen sie den geheimnisvollen, runden, tempelartigen Bau in Augenschein, den Gabriela Fridriksdottir das „Tabernakel“ nennt. Flakons mit gelber oder roter Flüssigkeit hängen von der Decke. Und ringelt sich da nicht eine tote Schlange aus einem Gefäß?
„Crepusculum“, also Dämmerung, nennt die Isländerin diese künstliche Landschaft, in die jetzt die Manuskripte integriert werden. Wenn sie denn ankommen. Doch da spült plötzlich eine Menschenwoge durch die Tür. Die Kameraleute stürzen sich sofort darauf und umringen eine Frau mit zwei Koffern. Die sind mit Vorhängeschlössern gesichert, als stünde ein besonderer Zaubertrick ins Haus. Die Frau ist Gudrun Nordal, Direktorin des Arni Magnússon Institutes in Reykjavik. Hinter seinen Mauern ruhen auf Island nicht weniger als 1600 wertvolle historische Handschriften.
Weihevolle Stimmung, als mit zitternden Händen die Schlösser geöffnet und die kleinen Bücher ans Licht geholt werden. Leder-Einbände, eines der Manuskripte sogar mit Holzdeckeln eingefasst. Die Fotografen stürzen sich auf die Schriften und Halldór Gudmundsson kann es mal wieder nicht lassen. Der Schriftsteller und Verleger, zugleich Chef des isländischen Ehrengast-Programmes, flüstert augenzwinkernd: „100 Kälber für ein Buch!“
Trubel gewohnt
Gudrun Nordal erinnert sich an den Tag im Jahr 1971, an dem die frühere Kolonialmacht Dänemark die Manuskripte wieder nach Island zurückbringen ließ. „Ich war damals zehn Jahre alt, aber ich weiß noch genau, dass die ganze Insel auf den Beinen war, um die Handschriften willkommen zu heißen.“ Schließlich traf das Schiff im Hafen von Reykjavik ein, begrüßt von einer riesigen Menschenmenge.
„Crepusculum“, also Dämmerung, von Gabriela Fridriksdottir, ist Teil des Auftritts von Island als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2011. Sie ist vom 29. September 2011 bis zum 8. Januar 2012 in der Kunsthalle Schirn am Römerberg in Frankfurt zu sehen.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr und Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 22 Uhr.
Das prachtvollste Buch, das jetzt nach Frankfurt kommt, zählt zweihundert Blätter, das älteste stammt aus dem Jahr 1200. Zwei Isländersagas, fünf Vorzeit-Geschichten und vier Rittersagas sind hier niedergeschrieben und sie tragen so schöne Titel wie: „Saga von Sigurd dem Schweigsamen“ oder „Saga von Boro dem Ängstlichen“.
Die Schreiber, erzählt Nordal, verdingten sich damals immer neu, zogen über die Insel, von einem reichen Lehnsherren zum anderen. Die Autoren blieben anonym bis heute: „Wir wissen keine Namen.“ Die Zahl der Menschen, die lesen konnten, war so gering nicht, „aber schreiben konnten nur wenige“.
Es ist das erste Mal, dass die Sagas jetzt in den Kontext moderner Kunst eingebettet werden, und darauf ist die Wissenschaftlerin Nordal stolz. Da Bäume schon in früher Vorzeit selten waren auf Island, gibt es nur wenige hölzerne Einbände: „Man verwendete meistens Treibholz.“ Und auch Illustrationen sind rar, am ehesten noch in juristischen Manuskripten zu finden.
Langsam trollt sich die Menge der Berichterstatter. Die Künstler aber werden die ganze Nacht durch weiterbauen am „Crepusculum“, dieser mystischen Landschaft, zu der jetzt auch die mittelalterlichen Schriften zählen. Am morgigen Donnerstag öffnet sich die 300 Quadratmeter große Installation für alle Besucher. Mittendrin unter gläsernen Stürzen liegen die alten Bücher. Schade nur, dass man nicht blättern kann in den Geschichten von Helden und Schurken, Drachen, Riesen, Hexen, schönen Prinzessinnen.
Das müssen frühere Generationen jedenfalls getan haben. So legt es zumindest das kleine Pergament-Konvolut nahe, geschrieben in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Büchlein muss damals bei seinen Lesern schon besonders beliebt gewesen sein, so abgegriffen ist es von unzähligen Händen.

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