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05. Januar 2015

Salafismus: „Man muss die Heldenträume entzaubern“

 Von 
Susanne Schröter beschäftigt sich unter anderem intensiv mit dem Salafismus.  Foto: christoph boeckheler*

Islamisten und Islamophobe eint der Glaube an den einen Islam. Doch den gibt es gar nicht, weiß die Ethnologin Susanne Schröter. Im FR-Interview spricht sie über die salafistische Szene, die hohlen Versprechungen des IS und die Rolle der Islamverbände.

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Frau Schröter, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Islamismus und haben jetzt das „Forschungszentrum Globaler Islam“ gegründet. Werden Sie schon von Anfragen überrannt?
Ja, das kann man sagen. Seit wir das Zentrum eröffnet haben, ist ein unerwarteter Hype ausgebrochen. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit Transformationsprozessen in der islamischen Welt, aber jetzt bekommen wir viel mehr Anfragen aus den Medien, den Sicherheitsbehörden oder von Integrationsämtern.

Ist man als Wissenschaftler erfreut oder überfordert, wenn das eigene Thema mit einem Mal omnipräsent ist?
Es gibt beides. Auf der einen Seite ist mein Team sehr davon beflügelt, aus dem langsamen, wissenschaftlichen Arbeitsmodus herauszukommen. Im Januar veröffentlichen wir auf unserer Homepage ein Dossier zum weltweiten Dschihadismus, und wenn wir so etwas schreiben, wird es derzeit sofort gelesen. Auf der anderen Seite bremse ich auch manchmal, weil wir gucken müssen, dass wir nur das Machbare versprechen.

Im zurückliegenden Jahr hatte die salafistische Szene großen Auftrieb, auch durch die Ausrufung des „Islamischen Staates“ im Irak und in Syrien. Wie schätzen sie die Szene ein?
Man kann sagen, dass die Szene in Bewegung geraten ist. Die militärischen Erfolge des IS im Sommer waren unglaublich mobilisierend. Viele, die an einem großen, islamistischen Projekt teilhaben wollen, glauben jetzt, dass man beim IS schnell zum Helden werden kann. Und die Reise nach Syrien ist so einfach geworden wie ein Türkei-Urlaub.

Ihr Kollege Peter Neumann aus London befürchtet, der IS radikalisiere eine ganz neue Generation von Dschihadisten. Sehen Sie diese Gefahr auch?
Die sehe ich in der Tat. Das zeigen ja auch die gestiegenen Zahlen der Ausreisen nach Syrien. Und für jeden Ausreisewilligen muss man noch einen Freundeskreis einberechnen, der das honoriert und die Leute feiert. Auch in Frankfurt gibt es eine virulente Szene. Aber es gibt innerhalb der Polizei auch eine große Gruppe, die sich darum kümmert.

Zur Person

Susanne Schröter ist Professorin für Ethnologie im Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie beschäftigt sich mit dem Wandel normativer Ordnungen in der islamischen Welt, Salafismus, der Region Südostasien und der sozialen Geschlechterkonstruktion.

Mit einer Konferenz zum weltweiten Dschihadismus wurde im November das von Schröter geleitete „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ offiziell gegründet. Das Zentrum untersucht die Dynamik islamistischer Bewegungen weltweit und berät staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure.

Hessen baut ein Präventionsnetzwerk gegen Salafismus auf. Wie bewerten Sie das?
Erstmal ist es positiv, dass man etwas tut. Woran es meiner Meinung nach noch fehlt, ist die Beteiligung der muslimischen Community. Bis jetzt läuft vieles auf der Sozialarbeiterebene, man will die Benachteiligung von Jugendlichen verbessern. Aber der Salafismus ist auch ein ideologisches Problem. Die Leute werden durch die Idee mobilisiert, dass die Einrichtung eines weltweiten Kalifats ein übergeordnetes Ziel ist, für das es sich zu kämpfen und zu sterben lohnt. Da müsste eigentlich von muslimischer Seite dagegengehalten werden.

Wie könnte das aussehen?
Die islamischen Verbände müssen nachweisen, warum das, was der IS macht, islamisch nicht fundiert ist. Es haben sich bereits 120 Gelehrte aus aller Welt zu einer theologischen Erklärung zusammengefunden, wo sie mit dem Koran nachweisen, warum der IS auf dem Holzweg ist. Das müsste hier in Deutschland auch gemacht werden. Dafür müssten die Gemeinden sich offensiv mit dem Thema und mit ihren Jugendlichen auseinandersetzen. Das scheuen bisher viele, zum Teil auch, weil sie gar keine klare Gegenposition haben. Daher sind manche radikalisierte Jugendliche der Meinung: Wir setzen ja nur das um, was in der Moschee gepredigt wird.

Manche behaupten, Islam und Islamismus ließen sich gar nicht voneinander trennen …
Wie bei jeder anderen Religion müssen die Quellen des Islams interpretiert werden. Es gibt nicht „den Islam“, auch wenn das von Muslimen und Islamophoben immer wieder behauptet wird. Es gibt unterschiedliche Lesarten von Koran und Sunna. Und da muss man sagen: Wir wollen eine, die den Prinzipien des Humanismus, der Demokratie, der Frauenrechte Genüge tut. Das kann man wunderbar tun, es gibt progressive Gelehrte etwa in den USA, die den Koran seit Jahren in einer emanzipativen Weise lesen. In Deutschland ist man da noch ein bisschen hinterher.

Wie wird die Debatte um den Salafismus eigentlich in der islamischen Welt geführt?
Erstens muss man wissen, dass es Salafisten, Dschihadisten und IS-Begeisterte in allen Teilen der islamischen Welt gibt. Die Staaten reagieren unterschiedlich darauf. Zum Teil wird das gar nicht ernst genommen, zum Teil gibt es auch Deradikalisierungsprogramme, etwa in Saudi-Arabien oder Indonesien. In Nigeria beispielsweise ist der Staat derart korrupt, dass er dem blutigen Terror von Boko Haram gar nichts entgegensetzen kann. Der Salafismus ist in jedem Fall eine transnationale Bewegung mit lokalen Bezügen – und er bekommt durch den IS enormen Auftrieb. Durch die weltweit verbreiteten IS-Werbevideos oder T-Shirts hat das auch einen jugendkulturellen Aspekt. Es entsteht eine globale Jugendkultur mit eigenen Symbolen und eigener Musik, die überall angeeignet werden kann, um sich als Teil der aufstrebenden Umma zu fühlen, die das Reich Gottes auf Erden wiedererrichtet. Es sind auch jugendliche Omnipotenzgefühle, die da ausagiert werden.

Was kann man einer solchen Jugendbewegung entgegensetzen?
Man muss stärker darauf hinweisen, dass die großen Versprechen der dschihadistischen Propaganda völlig hohl sind. Kreshnik B., dem hier in Frankfurt der Prozess gemacht wurde, wollte kämpfen, Scharfschütze werden, und am Ende hat er Wachdienste geschoben. Man müsste die großen Heldenträume entzaubern.

In einem Gastbeitrag für die FR im Oktober haben Sie geschrieben, es gehe beim Dschihadismus auch um eine archaische Vorstellung von Männlichkeit …
Ja. Die Stereotype sowohl für Männer als auch für Frauen sind im Salafismus äußerst simpel. Die Männer kämpfen, die Frauen umsorgen sie und gebären Kinder. Junge Salafistinnen aus Europa gehen nach Syrien, um dort – das muss man so sagen – Hausfrauen zu werden. Aber diese Art von traditionellem Geschlechterbild wird mit einem großen Heiligenschein umgeben. Unsere modernen Debatten um Geschlechterrollen und Gender Mainstreaming überfordern viele. Wann ist ein Mann attraktiv, soll eine Frau berufstätig sein, wie organisiert man Familie? Das schlichte Modell der Salafisten bietet einen bequemen Ausweg aus diesen Fragen. Als Frau muss man nur Mutter werden, als Mann braucht es nur eine Kalaschnikow. Das ist übrigens in jeder Sekte so, wo Komplexität eingedampft und die Welt auf einfache Erklärungen reduziert wird.

Welche Aspekte fehlen Ihnen in der aktuellen Debatte um den Salafismus?
Die Frage der Ideologie spielt zu selten eine Rolle, die Debatte wird sehr stark vom Blick des Sozialarbeiters beherrscht. Es wird nicht ernst genommen, was die Akteure selber sagen. Außerdem ist die nationale Perspektive noch immer sehr stark, als sei Salafismus ein hessisches oder deutsches Problem. Man sollte sich stärker anschauen, wie global damit umgegangen wird – man muss das Rad schließlich nicht permanent neu erfinden.

Mehr dazu

Wie wird sich die Lage hier in Deutschland und weltweit weiter entwickeln?
Fangen wir mal mit Syrien und dem Irak an. Durch die US-geführte Allianz ist der Vormarsch des IS gestoppt, was propagandistisch für die Dschihadisten schlecht ist. Außerdem müssen ihre Kämpfer und die Bevölkerung versorgt werden, da wird der IS auch an ökonomische Grenzen stoßen. Ansonsten hängt vieles von der Entwicklung der politischen Lage im Irak und in Syrien ab. Transnational wird es den Salafismus weiter geben, auch in Deutschland rechne ich mit einem Wachstum der Szene. Daher wird einer der Knackpunkte sein, wie die Muslime in Deutschland sich dazu verhalten: Grenzen die sich endlich mal gescheit davon ab – oder wird alles weiter totgeschwiegen? Das Problem wird uns in jedem Fall noch eine Weile beschäftigen.

Interview: Hanning Voigts

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