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30. Oktober 2012

Schirn-Ausstellung "Privat": Niemand ist mehr privat

Edgar Leciejewski  Foto: peter-juelich.com

Da fängt es schon an mit der Unterscheidung von privat und öffentlich: Duzt man einander im ähnlichen Alter noch oder verletzt man damit eine Grenze? Im FR-Interview spricht der Künstler Edgar Leciejewski über Google Street View und seine Fotos in der Schirn-Ausstellung "Privat"

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Edgar, Google Street View ist für deine ausgestellten Bilder die Arbeitsgrundlage. Wie kam es dazu?

Ich war ein halbes Jahr in New York und wollte eigentlich klassische Street Photography machen. Aber sobald die Passanten sahen, dass ich eine Kamera auf sie richtete, fielen sie in Rollen. Parallel habe ich zur Orientierung Google Street View benutzt. Und bemerkt, dass dort Passanten abgebildet sind, aber ohne es zu wissen. Also habe ich Charaktere gesucht, die für mich die Stadt abbilden. Dadurch, dass das Programm die Gesichter wegen der Persönlichkeitsrechte unkenntlich macht, werden sie zu Platzhaltern, und der Betrachter schaut mehr auf ihre Haltung.

Siehst du es kritisch, dass Google Street View alles kartografiert?

Es fasziniert mich, dass das Programm ganze Städte abbildet, die man digital abwandern kann.

Als es eingeführt wurde, konnte jeder sein Haus verpixeln lassen.

In Deutschland gibt es ein Vermummungsverbot für Menschen, ich finde es schade, dass Häuser verpixelt werden dürfen. Nach innen kann man ja nicht schauen.

Die Serie „NYC Ghosts and Flowers“ hat 19 Bilder.
Die Serie „NYC Ghosts and Flowers“ hat 19 Bilder.

Es geht aber um die Interessen einer einzelnen Firma.

Aber gewissermaßen wird da ein Marktplatz geschaffen, und auf Marktplätzen sind auch nicht einzelne Stände verhüllt.

Auch beim sozialen Netzwerk Facebook geht es um den Umgang mit Privatsphäre. Was hältst du von Mark Zuckerbergs Aussage, dass sie heute obsolet sei?

Ich nutze Facebook. Aber meine Freunde in den USA stellen nahezu ihr ganzes Leben auf die Plattform. Da fragt man sich, ob das Private heute erst wahr ist, wenn es öffentlich gemacht wurde. Reicht es nicht, wenn etwas nur meinem besten Freund und mir passiert ist?

Zu Beginn der arabischen Revolution wurde die demokratische Kraft sozialer Netzwerke betont, heute werden sie als profitbestrebte Unternehmen zunehmend negativ bewertet...

Dazu eine lustige Episode: Als auf dem Tahrir-Platz die Proteste begannen, habe ich aus Solidarität als Wohnort Kairo bei Facebook angegeben. Daraufhin wurde die Werbung, die mich immer genervt hatte, auf arabisch angezeigt. Was ich als total angenehm empfand. Ich ärgere mich auch über personalisierte Werbung à la „Abnehmen leicht gemacht mit Produkt X“. Wenn man Firefox nutzt, kann man Werbung abstellen. Auch das eigene Surfverhalten entzieht man derart der Kontrolle.

In Frankfurt hängen drei davon.
In Frankfurt hängen drei davon.

Ist es denn nur schlecht, dass Privates immer öffentlicher wird?

Durch die rasante Entwicklung von Medien wie Fernsehen und Zeitschriften, die das Privatleben Prominenter zum Thema haben, ist es eine unvermeidliche Entwicklung, dass jetzt normale Menschen im Fokus stehen. Facebook ist doch die logische Folge einer Show wie Big Brother. So wandeln sich unsere alten Riten im kleinen privaten Kreis. Vielleicht geraten sie sogar in Vergessenheit.

Welche Konsequenzen hat das?

Wir verwenden immer mehr Maschinen beziehungsweise Computer, die uns das Leben vereinfachen, ohne genau zu wissen, wozu sie dienen. Diese Maschinen werden von Programmen bestimmt, aber dabei werden wir selbst zum Programm. Das erschreckt mich.

Wie erlebst du deine zunehmende Bekanntheit?

Ich rede gerne mit Journalisten, aber manche Fragen sind mir zu privat.

Das Interview führte Grete Götze

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