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11. Februar 2016

Schule: „Mit Noten rauben wir die Kindheit“

 Von 
Margret Rasfeld ist seit 2007 Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum.  Foto: privat

Zum nächsten Schuljahr eröffnet die Integrierte Gesamtschule Süd in Sachsenhausen. Das pädagogische Konzept wird nach dem Vorbild einer Berliner Schule entwickelt. Für deren Leiterin Margret Rasfeld ist Aufgabe der Schule, Persönlichkeiten hervorzubringen.

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Zum nächsten Schuljahr eröffnet die integrierte Gesamtschule Süd in Sachsenhausen. Das Vorbild für das pädagogische Konzept liefert die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Noten, Frontalunterricht und feste Stundenpläne gibt es dort nicht. Leiterin Margret Rasfeld will so die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler fördern – und damit dazu beitragen, dass Deutschland den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist.

Frau Rasfeld, als die Eltern bei einer Infoveranstaltung der IGS Süd gehört haben, dass es keine Noten geben soll, haben einige skeptisch die Augenbraue gehoben. Gehören Noten nicht zu Schule einfach dazu?
Wir sind da gefangen in alten Mustern. Was sagen Noten denn aus? Wenn Klassenarbeiten zurückgegeben werden, dann fangen Schüler an, um jeden Punkt zu rangeln. Es geht dann nicht darum, was sie gelernt haben. Es geht nur darum, ob sie noch eine Eins kriegen. Eine Note ist eine extrinsische Motivation und …

… also von außen hervorgerufen …
… ja, genau. Ich lerne für die Note und für den Lehrer. Zentrales Element für gelingendes Lernen ist aber, dass man es zur eigenen Sache macht. Aus sich selbst heraus. Und immer wenn Noten im Spiel sind und man vielleicht noch zehn Euro zu Hause bekommt, dann passiert das nicht. 95 Prozent von dem, was wir in der Schule gelernt haben, ist dadurch zehn Jahre nach dem Abitur vergessen. Abgesehen davon mache ich mir inzwischen richtig Sorgen, weil wir alle im Hamsterrad laufen. Es geht nur um Leistung, Leistung, Leistung. Nur die Eins zählt. Am besten noch verbunden mit gutem Aussehen. Das führt dazu, dass es inzwischen Kinder mit Burn-out gibt. Wir stecken da in einer Leistungsfalle.

Aber wie kommen wir da raus?
Indem wir keine Noten geben. Ganz einfach. Bei uns bekommen die Kinder ausführliche Zertifikate und Rückmeldungen von den Lehrern. Für Motivation ist die Quelle: gesehen werden, Wertschätzung und Beachtung. Dazu muss ein Lehrer ein Kind aber gut kennen und kann nicht von Klasse zu Klasse hetzen. Bei uns hat ein Lehrer daher nur in wenigen Klassen und dort dann viel Unterricht. Ich will nicht sagen, dass unsere Schüler jeden Morgen „Hurra!“ schreien, wenn sie zur Schule gehen. Aber sie kommen gerne und ohne Angst. Derzeit ist es doch so: Nach Klasse 3 ist Schluss mit lustig. Dann kommt das harte Leben, die Noten, die Tests. So wird den Kindern die Kindheit geraubt. Und dann wundern wir uns, wenn Kinder in Therapie müssen. Das ist eine missratene Gesellschaft.

In dieser Gesellschaft sind derzeit Noten aber das Maß aller Dinge. Lebt Ihre Schule da nicht ein bisschen in einer heilen Welt?
Nein, unsere Gesellschaft muss sich ändern. Damit sie die Anforderungen der Zukunft stemmen kann. In den Global Goals der UN heißt es, dass sich in den nächsten zehn bis 20 Jahren entscheidet, ob und wie globale Herausforderungen wie etwa Klimawandel, Armut, Ungleichheit gemeistert werden. Um dabei Fortschritte zu erzielen, ist aber ein grundlegender Haltungswandel nötig.

Zur Person

Margret Rasfeld ist seit 2007 Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Bis Klasse 9 wird nicht benotet.

Sie ist Preisträgerin des Vision Award 2012 und des Querdenker Award 2013. Rasfeld berät Schulen, Bildungsprojekte, Unternehmen und Stiftungen und nahm am Zukunftsdialog der Bundesregierung als eine der sechs Kernexperten teil.

Die Initiative „Schule im Aufbruch“ hat Rasfeld 2012 mitbegründet. Die Initiative will das Schulsystem verändern: Schulen sollen von Orten der Wissensvermittlung zu Orten der Potenzialentfaltung werden. www.schule-im-aufbruch.de sabu

Und wie kann Schule den Haltungswandel beeinflussen?
Wir müssen Zukunftsgestalter hervorbringen. Noten und vollgepackte Fachstundenpläne fördern aber altes Denken. Da ist kein Raum für Kreativität. Die Bereitschaft der Kinder zur Veränderung wird gebremst, indem sie sich ständig Bewertungen unterziehen müssen. Nebenbei: Wir Erwachsenen würden das gar nicht aushalten.

Abgesehen von den Noten: Wie geben Sie den Kindern Raum für Kreativität und zur Entfaltung?
Jede Woche gibt es etwa einen Tag ‚Projekt‘. Frontalunterricht geht bei uns nicht, da sich die Kinder jeden Morgen selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Zudem wird in jahrgangsgemischten Gruppen unterrichtet. Diese Vielfalt ist ein Schatz, den wir den Kindern mitgeben. Und das Lernen in Vielfalt klappt – das glaubt ja kaum jemand, weil wir nur am Trennen sind. Nur am Erbsen Zählen. Ob es um Haupt- und Gymnasialkinder oder sonst was geht. Aber wenn wir der nächsten Generation die Erfahrung der Vielfalt nicht schenken, dann werden die so wie wir. Und dann brauchen wir Diversity-Manager, damit Deutschland innovationsfähig bleibt.

Wie die Jobwelt von morgen aussieht, wissen wir nicht. Wie können Sie die Kinder darauf vorbereiten?
Zunächst ist unsere Schule selbst im ständigen Wandel. So wie die Berufswelt auch. Das bekommen die Schüler mit. Dann haben wir Fächer wie Verantwortung und Herausforderung. In Verantwortung engagieren sich schon 13-Jährige im Gemeinwesen und in Herausforderung gehen sie in kleinen Gruppen auf eine dreiwöchige Reise mit 150 Euro in der Tasche. Da weiß man oft nicht, wo man abends schlafen wird. Da lernt man Teamfähigkeit und Empathie, Unternehmensgeist und Risikobereitschaft. Man lernt zu scheitern – aber auch Lösungen zu finden und wieder rauszukommen. Die Kinder kommen erwachsener wieder, sind geerdet. Das ist das Beste, was man für die Pubertät machen kann. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung.

Und dann bewirbt man sich nicht mit Noten, sondern mit seiner Persönlichkeit?
Erst neulich hatten wir ein Tagesseminar mit Unternehmern und Jugendlichen zu den Metakompetenzen des 21. Jahrhunderts. Das stellte sich klar heraus, dass die beruflichen Herausforderungen der Zukunft nicht im Pflichterfüllen liegen. Die Unternehmer sagten alle sehr deutlich, heute liege die Balance zwischen Wissensvermittlung und Persönlichkeitsentwicklung an den meisten Schulen bei 95 zu fünf – das müsse sich komplett ändern.

Ist Wissensvermittlung denn nicht nötig?
Wir sind keine Kuschelschule! Natürlich brauchen die Schüler Grundlagen. Wir sind eine Schule mit Anspruch. Was gibt es Anspruchsvolleres, als selbstorganisiert zu lernen und sinnstiftende Dinge zu tun, wie sich im Gemeinwesen zu engagieren? Arbeitsblätter auszufüllen ist kein Anspruch. Wenn man schon vergleichen will: Unsere Schule hat mit einem 2,0-Durchschnitt das zweitbeste Abitur der integrierten Sekundarschulen in Berlin. Und 30 Prozent der Abiturienten hatte keine Gymnasialempfehlung.

Bei all dem selbstorganisierten Lernen: Was ist, wenn ein Kind keine Lust auf Lernen hat?
Dann müssen wir alles dafür tun, dass es Lernfreude wiederfindet. Sonst wird es in der Gesellschaft von morgen untergehen. Wer sich nicht selbst organisieren kann, ist verloren.

Einen festen Stundenplan gibt es daher bei Ihnen nicht …
… was Blöderes gibt es auch nicht. Schon Rilke bezeichnete das Netz des Stundenplans als Last, die dazu führt, dass die Wochen einem mit der monotonen Eile eines Rosenkranzes durch die Finger rinnen. Das war vor 100 Jahren. Ja, ich kenne Schüler, die sagen, ohne festen Stundenplan könnten sie nie lernen. Die wollen gesagt bekommen, was sie tun sollen. Das sind Pflichterfüller. Aber die macht ja die Schule aus ihnen. Kreativität ist uns in die Wiege gelegt. Als Rohdiamant. Den müssen wir zum Leuchten bringen, denn wir brauchen kreative Neu-Denker.

Ihre Schule ist eine Privatschule. Kann das Konzept auch an einer öffentlichen Schule wie der IGS Süd funktionieren?
Ja, klar. Ähnliche Konzepte funktionieren schon erfolgreich an anderen Schulen. Meine vorherige Schule in Essen lag in einem sozialen Brennpunkt. Dort haben wir die Kernelemente auch verwirklicht und dadurch den Ruf und auch das Klientel geändert. Da kamen dann Leute, die die Gesamtschule ablehnten – doch unsere nicht.

Interview: Sandra Busch

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