Als erstes fallen die schwarzen Transporter auf, die in Seitenstraßen der Leipziger Straße stehen. Darauf ist ein in unheimliches Licht getauchtes Krankenbett abgebildet – Fuß und Handfesseln liegen auf dem Laken. „Psychiatrie: Tod statt Hilfe!“ steht darüber. Es ist der Name einer Ausstellung, die am Donnerstag in einem großen Erdgeschossraum des ehemaligen Kaufhof-Gebäudes startet.
Als eine Helferin um zehn Uhr morgens die Türen öffnet, bleiben einige Menschen stehen, nur wenige gehen hinein. Die drastischen Bilder und reißerischen Slogans, mit denen im Fenster auf die Ausstellung hingewiesen wird, scheinen faszinierend und abschreckend zugleich zu wirken. Ein kleines Mädchen bleibt stehen, möchte gucken, aber ihre Mutter zieht sie nach einem kurzen Blick weiter: „Nein, nein, das ist nichts für uns“, sagt sie.
Drinnen hält die Ausstellung, was die Plakate versprechen. Auf großen Stellwänden und in Filmen zeichnet sie ein grausiges Bild der „Psychiatrie“ als einer Pseudowissenschaft, die willkürlich psychische Krankheiten erfindet, um sich dann an deren Behandlung mit potenziell tödlichen Psychopharmaka eine goldenen Nase zu verdienen.
Psychiater werden als oftmals kriminelle Menschen dargestellt, die mit ihrer Arbeit Menschen aus der Gesellschaft aussondern, „die man nicht haben will“. Am Pranger stehen zudem Zwangsbehandlungen in psychiatrischen Anstalten.
Einige der Kritikpunkte, etwa am Einsatz von Psychopharmaka oder an umstrittenen Krankheitsbildern wie ADHS, sind durchaus diskutierenswert. Der Besucherin fällt jedoch schnell auf, dass die Art, wie die Ausstellung einen gesamten Berufsstand diffamiert, auf reißerische Parolen setzt, mit verkürzten Zitaten arbeitet und „die Psychiatrie“ (zwischen so unterschiedlichen Methoden wie Psychoanalyse und Verhaltenstherapie wird nicht differenziert) für nahezu jedes Übel in der Welt, vom Holocaust bis hin zu den Amokläufen von Winnenden und der Columbine-Schule, verantwortlich macht, wenig seriös ist.
Erklärt wird, die Psychiatrie habe alle Bereiche des öffentlichen Lebens unterwandert – von der Politik bis hin zu Bildungseinrichtungen. Die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM), die hinter der Ausstellung steht, wurde in den 70er-Jahren von Mitgliedern der „Church of Scientology“ gegründet, der Kritiker eben diese „Unterwanderung“ vorwerfen.
Die Ausstellung „Psychiatrie: Tod statt Hilfe!“ ist eine Wanderausstellung. Seit 2003 tourt sie durch die Welt, war nach Aussage von KVPM-Sprecherin Nicole Kramer in ganz Deutschland zu sehen. Im vergangenen Jahr bespielte die KVPM sogar einen großen Raum auf der Zeil.
Kritiker werfen den Ausstellungsmachern vor, eine Art verschleierter Mitgliederwerbung für Scientology zu betreiben. Nicht nur mit der Ausstellung, sondern auch mit Drogenhilfeprogrammen und Bildungsangeboten richte sich Scientology an Menschen in Not und damit an Menschen, „die leichter zu beeinflussen sind“, sagte Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin vor einigen Jahren dieser Zeitung.
Nicole Kramer verhehlt zwar keineswegs, dass viele der KVPM-Ehrenamtlichen Scientologen sind und die Ausstellung hauptsächlich aus Scientology-Mitteln finanziert wird, sieht darin aber keinen Konflikt: „Uns geht es um die Durchsetzung der Menschenrechte. Die persönliche Weltanschauung der Ehrenamtlichen spielt da keine Rolle.“
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