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04. März 2016

Senckenberg in Frankfurt: Die Frau, die Baum und Vogel versteht

 Von 
Der Tannenhäher und Eike Lena Neuschulz.  Foto: Peter Jülich

Senckenberg-Biologin Eike Lena Neuschulz untersucht im Frankfurter Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum am Beispiel des Tannenhähers die Wechselwirkung von Pflanze und Tier.

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Ein Bett aus Zirbenholz ist zurzeit, nein, nicht direkt in aller Munde, aber doch in den Träumen vieler. Man sagt, es verhelfe zu einem langen Dasein. Die duftenden Dämpfe sollen Schlummernde derart beruhigen, dass sie jede Nacht 3500 Herzschläge sparen, die im weiteren Verlauf des Lebens noch gut zu gebrauchen sind. Die Zirbelkiefer, auch kurz Zirbe oder Arve genannt, sollte also gehegt und gepflegt werden.

Experten dafür sind die Senckenberg-Biologin Eike Lena Neuschulz und der Tannenhäher. Beide arbeiten seit 2012 zusammen, in den Alpen und im Frankfurter Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum, sozusagen Hand in Kralle. In einer Voliere im Büro der 32-jährigen Wissenschaftlerin kruscheln zwei weitere gefiederte Kollegen: bildhübsche Ringelamadinen aus der Familie der Prachtfinken, neugierige Kerlchen, angenehme Gesellschafter – und viel kleiner als der eigentliche Forschungsgegenstand ihrer Chefin.

„Der Tannenhäher ist das Eichhörnchen unter den Vögeln“, sagt Eike Lena Neuschulz. Doch während das niedliche, aber schusselige Hörnchen die Hälfte seiner vergrabenen Winterschätze prompt vergisst, hat der Häher eine glänzende Quote: Mehr als 80 Prozent der Verstecke seiner Zirbelkiefersamen findet er wieder – sogar im tiefen Schnee, wie ein Film der Vogelkundlerin beweist. Da wühlt sich der leicht strubbelige Gesell durch die kalte weiße Schicht und fliegt schließlich zufrieden mit der Beute von dannen.

Das macht er gut. So gut, dass die Forscherin vor gut vier Jahren beschloss, das Zusammenspiel zwischen dem Vogel und seinem Lieblingsbaum, der Zirbelkiefer, genauer zu untersuchen: in den Schweizer Bergen. „Viel Spaß“ hätten die eidgenössischen Kollegen gewünscht, als sie von dem Plan hörten, sagt die 32-Jährige mit einem fatalistischen Lächeln. Denn der Tannenhäher gilt als nicht ganz einfacher Zeitgenosse. „Er ist schlau – wie alle Krähen.“

Die Wissenschaftlerin ließ sich dadurch natürlich nicht entmutigen, sondern sammelte Tarnzelte, Bundeswehr-Tarnnetze, jede Menge Kamerafallen und eine Schar abenteuerlustiger Praktikanten ein – hinauf ging es in die Umgebung von Davos im Kanton Graubünden. Forschungsziel: Antworten auf die Fragen finden, wo der Tannenhäher die Samen vergräbt und ob er der Zirbelkiefer vielleicht dabei hilft, aufgrund des Klimawandels weiter in die Höhe zu wandern.

100 Samen im Kehlsack

Bitte anschnallen: Rund 100 000 Zirbelkiefersamen (ja – einhunderttausend) sammelt der schön getüpfelte Häher im Herbst. Jeder einzelne Vogel. Und merkt sich, wo er sie verbuddelt. Damit das Tagesgeschäft nicht gar zu hart wird, kann er rund 100 Samen in seinen Kehlsack aufnehmen und dann vor Ort emporwürgen. „Im Herbst sieht man ihn überall mit dickem Knubbel am Hals herumfliegen“, schildert Neuschulz. Die Ware besorgt er sich aus den Zirbelkieferzapfen, die er mit seinem starken Schnabel knackt. Er ist der Einzige, der das tut. Von allein öffnen sich die Zirbenzapfen nicht. Und der Tannenhäher ernährt sich auch praktisch ausschließlich von diesen Samen.

Damit dürfte klar sein, warum die beiden, Vogel und Baum, einander brauchen. Aus den 20 Prozent seiner Ernte, die der Vogel im Winter nicht wieder ausgräbt, wird später der Nachwuchs der Zirbelkiefer. Um die Sache nicht allzu einfach werden zu lassen, versteckt der Tannenhäher die Samen mit Vorliebe an Stellen, die dem Zirbelkieferwachstum nicht gerade förderlich sind. Der Grund liegt auf der Hand: Keimt der Samen zu schnell, nützt er dem Vogel nichts mehr.

Und doch ergibt es sich immer wieder, dass genug Samen zu Bäumen werden. „So eine Kiefer wird 500 Jahre alt“, sagt Eike Lena Neuschulz. „In der Zeit sollten doch ein oder zwei ihrer Samen durchkommen.“ Allen Widrigkeiten und Tannenhähern zum Trotz. Und ja: Die Forscherin geht davon aus, dass die Vögel bei ihren Grabungsarbeiten auch die Baumgrenze auf den Bergen nach oben verschieben – so weit, wie der klimabedingte Temperaturanstieg es eben bestimmt.

Woher weiß die Häherversteherin das alles? Sie hat es sich angeschaut. Bequem geht zwar anders: Die Gruppe muss die Ausrüstung in steile Berghöhen schleppen und dort warten – was an den abschüssigen Hängen auf 2000 Metern eine gewisse Körperbeherrschung erfordert. Aber ihnen hilft die moderne Technik in Form von 30 bis 60 Kamerafallen, die, geschickt verteilt, die Vögel bei ihrem Tun durchaus erwischen. Freilich filmen sie versehentlich auch Wanderer und Steinböcke, denn der Mechanismus reagiert auf Wärme und Bewegung.

Glücklicherweise ist der Tannenhäher kein extremer Frühaufsteher wie andere Singvögel. Er beginnt seinen Arbeitstag um 7 Uhr und zieht sich bei Einbruch der Dunkelheit in eine gemütliche Fichte zurück. So hält es die Forschergruppe dann auch, nur dass sie nicht in einer Fichte nächtigt, sondern in einem Davoser Bed- and Breakfast-Hotel, dessen Belegschaft inzwischen komplett aus Tannenhäher- und Zirbelkiefer-Experten besteht.

Möbel aus Zirbenholz besitzt Eike Lena Neuschulz nicht. Und wer um die sensible Verbindung aus Vogel und Baum weiß, der wird auch viel daran setzen, den beiden nicht ins Handwerk zu pfuschen. Früher sah man das anders: „Vor 100 Jahren hat man gedacht, dieser Vogel frisst der Zirbelkiefer ja die ganzen Samen weg –, und Abschussprämien ausgesetzt.“ Bis jemand das Zusammenspiel der beiden Arten erkannte. „Irgendwann haben sie gemerkt: ach nee, doch nicht.“ Und das Schießen eingestellt.

Fragt sich nur, wie lang sich der Tannenhäher noch Tannenhäher nennen will. Mit Tannen hat er schließlich gar nichts zu tun.

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