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18. Februar 2016

Senckenberg-Museum in Frankfurt: Bio-Vielfalt im Senckenberg-Museum

 Von 
Frankfurt am Meer: Forscher Erwin Beck in einem Multimedia-Pavillon der Ausstellung.  Foto: Andreas Arnold

Eine Sonderausstellung im Senckenberg-Museum in Frankfurt betont, wie wichtig biologische Vielfalt für das Netz des Lebens ist. Sie bietet aber auch Gelegenheit zum Wohlfühlen - etwa in der „Wunderkammer des Lebens“.

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Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling hat’s auch nicht leicht. Seine Fortpflanzung funktioniert zwar in der Regel nach einem ausgeklügelten Plan: Erst legt das Weibchen die Eier an die Knospen der Wirtspflanze, des Großen Wiesenknopfs. Dann schlüpfen die Raupen, fressen die Blüten, lassen sich anschließend von Ameisen in deren Bau schleppen, wo sie versorgt und sogar mit Ameisenlarven gefüttert werden, ehe sie sich verpuppen und schließlich als Schmetterling das Ameisennest verlassen.

So weit, so dreist. Die Sache hat nur einen Haken: Der Große Wiesenknopf ist die einzige Wirtspflanze des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Geht die Blume verloren, ist der Schmetterling aufgeschmissen. Für den Kollegen Faulbaum-Bläuling sieht die Sache dagegen bedeutend einfacher aus: Seine Raupe kann sich von mehr als 20 Wirtspflanzen ernähren. Das nennt man Nahrungsvielfalt.

Ausstellung

„Vielfalt zählt! Eine Expedition durch die Biodiversität“ läuft bis zum 26. Juni im zweiten Stock des Senckenberg-Naturmuseums. Die Schau der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeigt an zehn Stationen, „was biologische Vielfalt bedeutet und wie wir sie erforschen“. Frankfurt ist die zweite Station nach Bonn.

Im Programm sind verschiedene Führungen und „Expeditionen“ im Museum für Kinder und Erwachsene, auch für Schulklassen der Primar- und Sekundarstufen. Außerdem gibt es eine Vortragsreihe an jeweils ein bis zwei Abenden im Monat. Los geht es am Mittwoch, 24. Februar, 19.15 Uhr, im Bik-F-Hörsaal, Georg-Voigt-Straße 14-16, mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Alexandra Lux und ihrem Thema „Ohne Vielfalt ist alles nichts! Wie wir die Biodiversität bewerten (müssen)“. Eintritt frei, ohne Anmeldung.

Zur Schau gehört auch eine Forscherkarte für Kinder. Weitere Infos: www.vielfalt-zaehlt.de und www.senckenberg.de. ill

„Vielfalt zählt! Eine Expedition durch die Biodiversität“ heißt die neue Sonderausstellung im Senckenberg-Naturmuseum, die vom Alltag der Bläulinge erzählt, aber auch von vielen anderen Tier- und Pflanzengattungen. Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger präsentierte sie am Mittwoch mit den Worten: „eine Ausstellung, die den Kern von Senckenberg trifft“. Konzipiert in Zusammenarbeit mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), zeigt sie an zehn Stationen, was das Netz des Lebens ausmacht.

„Vielfalt bringt eine gewisse Sicherheit“, sagt Mosbrugger. Mehr noch: „Ein System funktioniert nur dann gut, wenn ich Vielfalt habe – das gilt für wirtschaftliche, aber auch für Ökosysteme.“ Fällt eine Komponente aus, springt eine andere ein, das System funktioniert weiter. Manche Komponenten seien aber „unglaublich wichtig“ für das große Ganze, schildert der Direktor: „Denken Sie nur an die Bestäuber“, deren wichtigste Vertreterin die Biene ist. „Ohne sie würde unsere gesamte Nahrungsmittelversorgung zusammenbrechen.“

In Frankfurt und Umgebung ist das Thema längst kein Neuland mehr. Bienenzüchter vermehren sich seit einigen Jahren in rasantem Tempo, beinahe so schnell wie die Bienen selbst. Gärtner, Firmen, Museen gründen Staaten der fleißigen Honigproduzentinnen.
Und ebenso lang gibt es ein Netzwerk, das sich der biologischen Vielfalt verschrieben hat: Bio-Frankfurt, den Zusammenschluss von Umwelt-, Forschungs- und Bildungsorganisationen, inzwischen als Verein organisiert.

Für das Frühjahr bereitet Bio-Frankfurt eine Ausstellung zur Grünen Börse im Palmengarten vor (18. bis 20. März), Ende Mai veranstaltet das Netzwerk traditionell die Aktionswoche „Biologische Vielfalt erleben“.

Im Biotop: Wer die Schilder an den Exponaten scannt, erfährt mehr.  Foto: Andreas Arnold

Von dieser Biodiversität gibt es bei Senckenberg jetzt schon viel zu sehen. „Im Mittelpunkt steht die große Eiche“, verkünden die Macher – und bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die deutsche Eiche ist diesmal gar nicht groß, sie ist vielmehr sympathisch klein, winzig geradezu, 20 Zentimeter vielleicht. Groß ist dafür der aufgezeichnete Kreis drumherum, das Zusammenspiel all jener, die abhängig sind von der Eiche und voneinander. Ein Beziehungsnetz der Pflanzen und Tiere rund um den Baum; Rehe, Mäuse, Falter, Vögel, Wildschweine, „alles hängt mit allem zusammen“.

Das Motto zieht sich durch die fünf Pavillons der Ausstellung und die mehr als 50 Stationen zum Lernen, Ausprobieren, Fühlen. An einer Duftorgel können die Besucher Moschus- und Geißblatt-Aroma vergleichen. Daneben erklingen beim Druck auf die Tasten eines Keyboards die Geräusche und Stimmen von Specht, Grille, Uhu, Fuchs, Reh oder Zaunkönig – nach Wunsch auch mit passendem oder unpassendem Hintergrundgeräusch.

Einen Stand weiter lassen sich mit einem Scanner die Entstehungsjahre von alten Äpfeln wie Zabergäu-Renette (1885) oder Schöner aus Boskoop (1856) erkunden – zwei von mehr als 2000 Apfelsorten, die es vor 120 Jahren bei uns noch gab.

Heutzutage sind es noch gut 1000, aber im Handel spielen die allerwenigsten davon eine Rolle. Um die Ecke steht ein Stapel Telefonbücher, um zu verdeutlichen, wie viele Organismusarten bisher entdeckt wurden (sieben Telefonbücher voll, rund 1,7 Millionen Einträge) und wie viele es nach wissenschaftlichen Hochrechnungen vermutlich insgesamt gibt (mehr als 70 Telefonbücher, etwa zwölf Millionen).

Wir müssen gut auf die Brillenbären aufpassen – sie werden noch gebraucht.  Foto: Christoph Boeckheler

Das ist viel, aber die Vielfalt nimmt ab. Arten sterben in beängstigender Geschwindigkeit aus, wie rote Listen belegen. Forscher rufen deshalb zur Sorgfalt im Umgang mit der Natur auf.

„Vielfalt ist die Lebensgrundlage“, das sollen die Menschen aus der Ausstellung mitnehmen, sagt Erwin Beck, Professor für Pflanzenphysiologie an der Uni Bayreuth und federführend bei der Wanderausstellung: „Der Einzelne ist gefordert, etwas zu tun.“ Sei es die Plastiktüte, die man nicht benutzt und schon gar nicht in die Landschaft wirft; sei es die Frage an die Verkäuferin, ob es diese Creme, dieses Lebensmittel auch ohne Palmöl gibt – „wir dürfen nicht so lange weitermachen, bis die Ökosysteme umkippen“, sagt Beck. „Die Natur kann viel, aber sie kann nicht alles für uns ausbügeln.“ Eine Erkenntnis, die immer wieder stimmt: Wir brauchen die Natur; umgekehrt gilt das beileibe nicht.

92 von Forschern ausgewiesene Lebensräume gibt es in Deutschland, Hunderte auf der Welt, und einige wenige davon sind im Senckenberg-Museum nachgebildet. Wer will, kann in den Wald gehen, auf die Wiese, in den Ozean, und überall trifft er die typischen Bewohner, hört die typischen Geräusche und Vogelstimmen, findet in einer Schatztruhe besonders wertvolle Bewohner: die Rote Waldameise etwa, den Gemeinen Birkenpilz, den Pyramiden-Hundswurz. SOS-Säulen übermitteln auf Knopfdruck die Hilferufe der bedrohten Lebensraumbewohner.

Der Andenkondor ist in Südamerika in Bedrängnis, ganz in der Nähe macht der Mensch immer noch Jagd auf den Brillenbären. Aber auch in Deutschland herrscht Not: Der Safrangelbe Saftling (ein Pilz) und der Steinschmätzer (ein Vogel) funken ebenfalls SOS. Sie funken stellvertretend für viele.

Die Ausstellung bietet aber auch Gelegenheit zum Wohlfühlen – etwa in der „Wunderkammer des Lebens, fürs Gemüt gedacht“, wie Beck erklärt. Darin wechseln sich projizierte Salzwiesen und Meeresstrände, Magerrasen und Wald ab, dazu erklingt betörende Musik.

Damit niemand die Schau ohne ein Selbstporträt mit einem riesigen Frosch, Käfer, Hörnchen oder Kraken verlassen muss, wartet am Ende eine Selfie-Box.

Dies alles soll übrigens als Appetit-anreger für die Zukunft wirken, sagt Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger. Denn im Erweiterungsbau des Museums soll die Biodiversität in wenigen Jahren einen noch viel größeren Raum einnehmen.

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