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07. Januar 2016

Sexuelle Nötigung: Nur jede 20. Frau erstattet Anzeige

 Von 
Protest gegen Sexismus beim Slutwalk in FRankfurt 2011.  Foto: Christoph Boeckheler

Immer wieder erfahren Frauen sexuelle Gewalt - die Ereignisse der Silvesternacht machen das erneut deutlich. In Frankfurt kümmert sich die Polizei jetzt um sieben Fälle. Doch die Dunkelziffer ist hoch.

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Bei der Polizei Frankfurt sind weitere Anzeigen wegen sexueller Nötigung in der Silvesternacht eingegangen. Insgesamt würden aktuell sieben Fälle bearbeitet, teilte ein Sprecher am Donnerstag mit. Neben den zwei bereits bekannten Fällen, bei denen jeweils drei Frauen von bis zu zehn Männern bedrängt und „unsittlich berührt“ worden seien, gehe die Arbeitsgruppe „Steg“ nun auch den Aussagen einer Frauengruppe nach, die sich zuvor bereits im Hessischen Rundfunk zu Wort gemeldet hatte, sowie vier neuen Hinweisen von Frauen, denen rund um den Eisernen Steg „an das Gesäß, an die Brust oder in den Intimbereich gefasst worden“ sei. Silvester 2014 sei nur ein entsprechendes Delikt angezeigt worden.

Hilfe bei Gewalt

Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, können sich neben der Polizei (Notruf 110) in Frankfurt an folgende Stellen wenden:

Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon: 0800 / 201 011 1

Frankfurter Verein Beratungs-und Interventionsstelle für Frauen: Telefon 069 / 430 547 66

Beratungsstelle Frauennotruf: Telefon 069 / 709 494

Frauenrecht ist Menschenrecht, FIM: Telefon 069 / 970 979 70

Hilfetelefon (bundesweit kostenfrei): Telefon 08000 / 116 016

Opfer von Vergewaltigungen können auch ohne vorherige Anzeige bei der Polizei medizinische Spuren sichern lassen. Infos zur medizinischen Soforthilfe in Frankfurt, Offenbach, Darmstadt und der Wetterau gibt es unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de

Das Frauenreferat listet zahlreiche Anlaufstellen für Frauen, auch zur Thematik Sexismus und Gewalt, in einer umfangreichen Broschüre auf www.info.frauenreferat.frankfurt.de/Frauenguide_2014.pdf msa

Der evangelische Kirchenpräsident in Hessen und Nassau, Volker Jung, hat Unterstützung für die Opfer sexualisierter Gewalt eingefordert. „Es ist wichtig, dass die Opfer wahr- und ernstgenommen werden und bei Bedarf auch entsprechende Betreuung erfahren“, sagte Jung. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) rechnet damit, dass durch die aktuelle Debatte mehr Frauen dazu ermutigt werden, sexuelle Belästigung oder Nötigung anzuzeigen. „Jetzt wird das Dunkelfeld langsam erhellt“, hofft der stellvertretende hessische GdP-Vorsitzende Ewald Gerk. In Hessen werden Jahr für Jahr rund 3500 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. Darunter sind neben Vergewaltigungen und sexueller Nötigung auch Fälle von Exhibitionismus. Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr etwas.

Zahl der schweren Übergriffe gestiegen

In Frankfurt ist die Zahl der zur Anzeige gebrachten Delikte im Verlauf der vergangenen Jahre leicht gesunken, die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen und besonders schweren Fälle sexueller Nötigung allerdings gestiegen. So führt die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2012 noch 620 Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung und eine Aufklärungsquote von 78,5 Prozent auf. 2013 wurden 508 Sexualstraftaten registriert. 2014 erhöhte sich die Zahl der Delikte wieder leicht auf 515.

Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen und besonders schweren Fälle sexueller Nötigung stieg im selben Zeitraum von 74 im Jahr 2012 auf 83 im Jahr 2013 und 90 im Jahr 2014. Die tatsächliche Zahl der Taten liegt aber um ein Vielfaches höher. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe schreibt etwa unter Berufung auf Befragungen, nur jede zwanzigste betroffene Frau habe sexuelle Gewalt angezeigt.

Politik will mehr Polizei

In Hessen sollen mehr Videoüberwachung und starke Polizeipräsenz dazu beitragen, dass es keine massiven Übergriffe gegen Frauen wie in Köln gibt. Das kündigten Innenminister Peter Beuth (CDU) und der innenpolitische Sprecher der CDU im Landtag, Alexander Bauer, an. „Eine verstärkte Videoüberwachung kann eine hohe präventive Wirkung gegen Straftaten entfalten und hilft, Straftaten leichter aufzuklären und Täter zu überführen“, sagte Bauer der FR. „Gewalt gegen Frauen, gleich von wem sie ausgeht, wird nicht geduldet werden. Aus den Vorfällen müssen zügig Lehren gezogen werden.“

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Martina Feldmayer, plädierte für „mehr Polizeipräsenz an neuralgischen Punkten, wo gefeiert wird“. Feldmayer warnte zugleich vor „Stimmungsmache gegen einzelne Bevölkerungsgruppen“. Auch die Opposition setzt auf starke Polizeipräsenz. Sie bezweifelt aber, dass die Zahl der Polizisten dafür ausreicht. „In Hessen ist die Polizei stark belastet, auch aufgrund eines herrschenden Personalmangels, den die Landesregierung durch Einsparmaßnahmen selbst verursacht hat“, sagte die SPD-Innenpolitikerin Nancy Faeser. Sie werde sich „weiter dafür einsetzen, die Anzahl der Beamtinnen und Beamten kontinuierlich aufzustocken“.

Kirche warnt vor Rassismus

Der Linken-Politiker Hermann Schaus sagte, die kurz vor Weihnachten zugesagten 300 weiteren Polizeistellen reichten nicht aus. Die Beamten stünden erst in drei Jahren zur Verfügung, weil sie zunächst ausgebildet werden müssten. Die Aufstockung werde sich zudem kaum auswirken, da die Arbeitszeit von 42 auf 41 Wochenstunden verringert werden soll. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bezifferte die Zahl zusätzlich erforderlicher Stellen auf 500.

Die konkurrierende Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) warnte davor, die Probleme durch Polizeipräsenz und Videoüberwachung lösen zu wollen. „Die Polizei soll jetzt den Sündenbock spielen und vor allem mit ein paar zusätzlichen Überwachungskameras die Sache in den Griff bekommen“, sagte der Landesvorsitzende Heini Schmitt. Er fordert die Auseinandersetzung mit „Parallelgesellschaften“. Es gebe „einen nicht zu vernachlässigenden Teil männlicher Muslime, die nicht bereit sind, Frauen als gleichwertige Menschen zu respektieren“.

Kirchenpräsident Jung warnte davor, pauschal zu urteilen. „Weder können die Muslime, noch die Nordafrikaner oder die Araber aufgrund ihrer Religion oder ihrer Herkunft in pauschaler Weise verdächtigt werden“, sagte er. „Die Gefahr ist groß, dass die Diskussion in ein rassistisches Fahrwasser gerät.“

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