Die Riesen haben wieder Stellung bezogen. Entlang der Mühlenkopfschanze recken sie sich in den Himmel, die leuchtenden Augen auf das Schneeweiß zu ihren Füßen gerichtet. Das Licht- und Schattenspiel, das sie auf den Auslauf projizieren, erinnert in der alles mit einem Graustich bedeckenden Dämmerung des sich allmählich über das Gelände senkenden Abends an einen riesigen Zebrastreifen. Die Handvoll Menschen darauf wirkt aus dem Tal beobachtet wie eine Gruppe emsiger Zwerge. Mit Skiern und Stöcken bewaffnet treten sie die Fläche platt, auf der in wenigen Stunden die ersten Adler nach weitem Flug zur Landung aufsetzen werden.
Weit über ihnen schmiegt sich ein dunkler, mehrstöckiger Holzbau an die Schräge des Berges. Obwohl nicht beleuchtet, wirkt er hier, in der Eiseskälte, einladend und heimelig. Wie eine Berghütte, die nach langer Wanderung zum Verweilen lockt.
Das Weltcup-Programm beinhaltet heute ab 16 Uhr das Teamspringen sowie am Sonntag ab 14.45 Uhr den Einzelwettbewerb. Jeweils eine Stunde vorher gibt es einen Probedurchgang.
Karten gibt es an der Tageskasse noch in allen Kategorien zu Preisen zwischen zwei Euro für einen Stehtribünenplatz für ein Kind und 53 Euro für einen Sitzplatz für einen Erwachsenen.
Ein Baustein für den neuen Richterturm im Wert von mindestens 20 Euro lässt sich vor Ort erwerben oder unter www.weltcup-willingen.de/bausteine. Informationen gibt es auch unter der Telefonnummer 05632/9600.
An diesem Wochenende wird sie wieder belegt sein. Die Kampfrichter des Willinger Weltcup-Springens halten von hier aus nach Fliegern Ausschau. Allerdings wohl zum letzten Mal. Denn das Richterhäuschen muss weg. Ein neues Quartier für die Juroren ist Pflicht, will die beschauliche 6100-Seelen-Gemeinde im Sauerland auch in Zukunft Ziel der Weltcup-Karawane bleiben und damit einmal im Jahr mehr als 30.000 partywütige Sportfans an die Schanze locken. Der Neubau müsste ein paar Meter höher entstehen und einen durchgängig guten Blick auf die Flugkurven der Springer eröffnen.
Aussicht ist suboptimal
Das Begehren entstand bereits durch den Umbau der Mühlenkopfschanze vor zwölf Jahren zur größten Großschanze der Welt. Damals, erklärt Thomas Behle vom Skiclub Willingen, habe international zur Debatte gestanden, die Bewertung der Sprünge abzuschaffen und nur die erzielten Weiten über Sieg und Niederlage entscheiden zu lassen. Deshalb habe man sich bei dem Zwölf-Millionen-Euro-Projekt ein neues Richterhäuschen gespart und nur das alte aufgestockt.
Doch alles blieb beim Alten. Jahrelang duldete der Skiweltverband FIS die suboptimale Aussicht aus dem alten Haus. Irgendwann, so Behle, habe aber alles Vertrösten ein Ende. Der Konkurrenzdruck steigt. „Vor 15 Jahren“, sagt FIS-Renndirektor Walter Hofer, „hat Willingen Maßstäbe gesetzt.“ Mittlerweile hätten andere Veranstalter auf- und die Hessen überholt. „Obwohl wir eine Nischensportart sind, befinden wir uns in der angenehmen Situation, mehr Bewerber als Weltcup-Stationen zu haben“, sagt Hofer. Der Katalog mit objektiven Kriterien wachse deshalb stetig. Obwohl der Österreicher zugibt, dass sein Herz an Willingen hängt, führt kein Weg mehr an der Nachbesserung vorbei.
Für 2013 hat der Deutsche Skiverband (DSV) den Termin schon blocken lassen. Bis Mitte April müssen die Sauerländer nachweisen, dass einer auch pünktlichen Fertigstellung eines neuen Turms nichts mehr im Weg steht. Die ebenfalls noch fehlenden festen Flutlichtmasten, die auch zu später Stunde einen fernsehtauglichen Wettbewerb erlauben, sollen dabei gleich mitbestellt werden. Bislang leihen sich die Willinger die Riesen jedes Jahr für 100.000 Euro aus.
Beim SC Willingen (SCW), mit mehr als 1000 Mitgliedern einer der größten Skivereine Deutschlands, verfügt man längst über Pläne, wie das Projekt zu verwirklichen wäre. Aber auch über die Gewissheit, es allein nicht stemmen zu können. Turm und Flutlicht würden zusammen zwei Millionen Euro kosten. „Wir rühren jetzt in mehreren Töpfen, um das Geld zu beschaffen“, sagt Behle. Die größten Ängste zu scheitern sind wachsendem Optimismus gewichen. Den Grund dafür stellt das Baustein-Projekt dar, das die Willinger mit ihren Sponsoren im Dezember initiiert haben. Wer für mindestens 20 Euro einen symbolischen Baustein erwirbt, hat Aussicht auf attraktive Preise und wird mit seinem Namen auf einer Tafel an der Mühlenkopfschanze verewigt. Mehr als 450 Steine im Wert von bis zu 5000 Euro sind bereits verkauft; beim Weltcup erhoffen sich die Vereinsvertreter weiteren Absatz.
Alle identifizieren sich
„Die Resonanz hat uns überrascht“, sagt Behle; sie sei ein Zeichen dafür, welche Wertschätzung der Weltcup in der Region genießt. Kein Wunder bei all dem, was daran hängt. „Da gibt es eine gesellschaftspolitische und eine wirtschaftliche Komponente“, erklärt Bürgermeister Thomas Trachte (parteilos). Das Event, mit dem sich am Ort jeder identifiziere, fördert den Sport vor der Haustür. So kann sich der SCW den eigenen Sportbetrieb jährlich mehr als 100000 Euro kosten lassen und acht hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen. Mit seinen Anlagen hat sich Willingen zudem, gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Winterberg, als länderübergreifender Nachwuchsstützpunkt des DSV mit Internat und insgesamt 60 Athleten empfohlen. Die weiterführende Schule, die Uplandschule mit 720 Schülern, profitiert vom Dasein als Eliteschule des Sports insofern, als ihr dadurch die derzeit 105 Schüler führende gymnasiale Oberstufe erhalten bleibt, die es sonst hier wohl nicht mehr gäbe.
Doch vor allem kurbelt der Weltcup die Wirtschaft an. Die 10000 Gästebetten sind in der Woche stets belegt; dazu kommen 20000 Tagesbesucher. Die Fernsehübertragung wird in 60 Ländern ausgestrahlt und sorgt mit anderen medialen Kontakten für einen enormen Imagegewinn, einen erhöhten Bekanntheitsgrad des auch im Sommer geschätzten Ferienortes sowie einen beeindruckenden Werbeumsatz. Die jährliche Ausrichtung verleiht dem Ganzen eine sehr nachhaltige Wirkung. Bürgermeister Trachte schätzt den Werbewert jeder Veranstaltung auf mehr als eine Million Euro.
Deswegen, betont er, „unterstützt die Politik den SCW so gut wie möglich“. Doch 70 oder mehr Prozent der jetzt erforderlichen Investitionen zu übernehmen, komme nicht infrage. „Wie soll man das denjenigen erklären, die bei mir vorstellig werden und eine verbesserte Kinderbetreuung anmahnen?“ Immerhin gebe es vom Land positive Signale.
Erst vor fünf Jahren hatte Willingen auch mit Hilfe privater Investoren zwölf Millionen Euro in seinen Winterpark gesteckt. Der Ettelsberg wurde umgegraben, ein künstlicher See auf dem Gipfel angelegt, um die Zahl der Tage, an denen man Ski laufen kann, von zuvor durchschnittlich 30 im Jahr auf 60 bis mehr als 100 zu erhöhen. Ab minus 2,5 Grad können die Sauerländer selbst per Kanonen Wasser in Schnee umwandeln und ihre sieben Kilometer langen Pisten innerhalb von 50 Stunden präparieren.
Von den bei milden Temperaturen im Dezember in der Neusser Skihalle bestellten 3000 Kubikmeter Schnee musste nur die Hälfte herangekarrt werden. Bezahlt werden muss die weiße Pracht dennoch. Doch Hauptsache, der Weltcup findet statt.
„Bislang mussten wir keinen ausfallen lassen“, sagt Behle stolz. Und hofft, trotz entsprechender Versicherung und turmhoher Sorgen, dass es so bleibt: „Denn wenn der Weltcup mal weg ist, ist er weg.“

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