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Soziale Netzwerke: Wenn online gemobbt wird

Der Umgang von Jugendlichen bei Facebook & Co. erregt zunehmend Besorgnis, das virtuelle Mobbing kennt kaum Grenzen. "Wir müssen aufklären und beraten", sagt Kristin Koch, Frankfurts Jugendschutzbeauftragte. Doch um den Bedarf zu decken, fehlt Personal.

Beim Online-Mobbing gibt es keine geschützten Räume mehr.
Beim Online-Mobbing gibt es keine geschützten Räume mehr.
Foto: dapd

Oft fängt es mit einem Foto an, frisch eingestellt zum Beispiel bei Facebook. „Siehst du aber Scheiße aus“, kommentiert ein Mitschüler. Schnell schaukelt sich der Konflikt hoch. Im besten Fall ist er nach einem heftigen Online-Wortwechsel beigelegt, im schlechtesten wächst er sich zu handfestem Mobbing aus.

„Mobbing fängt eher selten damit an, dass jemand sagt: Ich will dein Leben für immer kaputt machen“, sagt Stephan Schölzel, der bei der Neu-Isenburger Beratungsstelle Infocafé für Online-Mobbing zuständig ist. Aus seiner Sicht sind es drei Merkmale, die das Mobben im Internet so viel wirkungsvoller und gefährlicher machen als herkömmliches Ausgrenzen, Verunglimpfen, Beschimpfen: Erstens ist es dauerhafter – „einmal im Internet, immer im Internet“.

Hilfe und Beratung

Präventiver Jugendschutz Frankfurt:
Telefon: 069-21273010
www.jugendschutz-frankfurt.de
jugendschutz@stadt-frankfurt.de

Infocafé Neu-Isenburg:
www.infocafe.org
info@infocafe.org

Mehr Sicherheit im Netz durch Medienkompetenz (EU-Initiative):
www.klicksafe.de

Surftipps für Kinder:
www.klick-tipps.net

Zweitens ist die Verbreitung enorm – „das Publikum ist viel größer“, und drittens gibt es keine geschützten Räume mehr: „Wenn ich früher in der Schule gemobbt wurde, wusste ich, von acht bis eins ist der Tag Scheiße, aber danach bin ich zu Hause und habe Ruhe.“ Heute dagegen sei der seelische Druck groß, daheim schnell noch mal online zu gehen und im sozialen Netzwerk nachzuschauen, ob da Neues über einen stehe. „Das Internet ist Teil des Lebensraums junger Menschen“, sagt Schölzel. „Wir verteufeln das nicht, sondern befähigen sie, damit umzugehen.“

Viele Aufgaben, wenig Leute

Dafür plädiert auch Kirstin Koch, Jugendschutzbeauftragte der Stadt Frankfurt. Sie stellt fest, dass die Kinder immer früher in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, häufig schon im Grundschulalter. Eigentlich bräuchte es ein Schulfach Medienethik, um den Herausforderungen zu begegnen, davon ist Koch überzeugt. Aber das ist ein langer Weg, und es muss schnell etwas passieren. Also vermittelt Koch mit ihrer Praktikantin Medienkompetenz. „Wir müssen aufklären und beraten – kontrollieren können wir es sowieso nicht.“

Zur Aufklärung geht die Praktikantin in Schulklassen, weist in einer Unterrichtseinheit auf die Gefahren des Internets hin und zeigt, wie man sich mit einem sicheren Passwort schützt und sein Profil im sozialen Netzwerk so einstellt, dass es weniger Angriffsfläche bietet. Noch vor kurzem waren die Fünftklässler die Ansprechpartner, doch inzwischen rufen immer häufiger Grundschullehrer um Hilfe, weil schon Viertklässler sich bei Facebook tummeln – obwohl ein Profil dort eigentlich erst ab 13 gedacht ist.

Die Besuche in den Schulen sind aber nur ein kleiner Teil des großen Pensums von Kochs kleinem Team. Sie hat eine Broschüre erstellt, veranstaltet mit dem Verein Eltern für Schule Informationsabende, bietet Fachtage für Sozialarbeiter, Lehrer und Polizisten an und Fortbildungen für Lehramts-Referendare. 2013 soll ein Paket für Schüler, Eltern und Lehrer entwickelt werden, das die Schulen abrufen können.

Schulen suchen Hilfe

„Es gibt sehr viele Anfragen, wir können den Bedarf gar nicht abdecken“, sagt Koch. „Die Schulen schauen hin und hätten gern Hilfe.“ Noch vor ein paar Jahren habe die Haltung vorgeherrscht: „Das geht uns nichts an.“ „Die Schulen haben Handys verboten und geglaubt, damit sei es getan.“ Das hat sich offenbar geändert. Zwar nutzten die Schulen selbst die neuen Medien vorrangig für die Didaktik und nicht als „Kreativinstrumente“; es sei ihnen aber bewusst, dass über die sozialen Netzwerke aufgeklärt werden müsse und die Schulen da eine wichtige Rolle spielten.

Vor allem bei akuten Anlässen wie der Aufregung um die inzwischen abgeschaltete Seite „I share Gossip“ Anfang des Jahres: „Da saßen dann plötzlich 350 Eltern in der Infoveranstaltung in der Liebigschule“, erinnert sich Koch.

„Wenn etwas passiert, ist das Geschrei groß“, sagt auch Wilfried Volkmann vom Verein Eltern für Schule. Etwa als kürzlich die Ziehenschule wegen einer Drohung auf Facebook für einen Tag geschlossen wurde. „Dazwischen gibt es dann viele Lippenbekenntnisse, aber sonst passiert nichts.“ Auf den Elternabenden, die der Verein zusammen mit dem Präventiven Jugendschutz anbietet, soll gezeigt werden, „worauf die Kinder am Familiencomputer alles stoßen können“.

Petra Roth angeschrieben

Dass Kirstin Koch und ihre Praktikantin „den ganzen Jugendschutz allein stemmen“, sei kein Zustand, kritisiert Volkmann. „Da muss unbedingt aufgerüstet werden.“ Er hat schon an OB Petra Roth geschrieben. „Man muss an den Schulen anfangen“, sagt er, „die Eltern sind überfordert.“

Die Eltern sind auch für Stephan Schölzel vom Infocafé „eher selten eine große Hilfe“. Sie sollten sich unbedingt für das interessieren, was die Kinder am Computer tun, rät er. „Sie täten aber gut daran, sich einzugestehen, dass die Kinder die Experten sind und nicht die Eltern.“ Und nicht nur einmal hat er erlebt, dass ein Online-Geplänkel erst so richtig aufgeflammt ist, als sich die Eltern eingeschaltet haben.

Autor:  Sabine Hamacher
Datum:  4 | 1 | 2012
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