Am Morgen nach der nächtlichen Niederlage ist er nach Berlin geflogen – um sich mit seiner Tochter eine Kinderoper anzuschauen. Doch mit seinen Gedanken bleibt Michael Paris in Frankfurt. Bitter und düster klingen die Worte des 57-jährigen ehrenamtlichen Stadtrats, seit er mit drei Stimmen die Landtagskandidatur im Wahlkreis 38 an den Richter Jürgen Gasper verloren hat. „Ich bin geopfert worden“, klagt der Mann, der vor Kurzem noch seine 40-jährige Zugehörigkeit zur SPD öffentlich gefeiert hatte – mit einer Gastrede des Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel.
Mit „TSG“ hat er schon telefoniert. „Beim Neujahrsempfang hat der Thorsten noch zu mir gesagt: Du gehörst dem nächsten Landtag an.“ Paris träumte von einem Posten in einer künftigen rot-grünen Landesregierung – mindestens Staatssekretär im Wirtschaftsministerium sollte es sein. Es war eine typische Wunschvorstellung für den Mann, der einst im Arbeiterviertel Riederwald aufgewachsen war. Mit gehörigem Charme und Schläue hatte er sich nach oben gekämpft bis in den Landtag 1999 – als Hansdampf in vielen Vereinen einer der wenigen populären Frankfurter Sozialdemokraten.
Im linken SPD-Unterbezirk Frankfurt ist diese Karriere immer mit Misstrauen beobachtet worden. Paris glaubt, dass die Linken jetzt mit ihm abgerechnet haben. „Man hätte eine Gegenkandidatur verhindern können – aber die Linken in der SPD meinen jetzt, dass alles geht.“
Am größten ist seine Wut aber auf Oberbürgermeister Peter Feldmann. Im November 2011 hatte Paris die interne Abstimmung über die OB-Kandidatur knapp gegen Feldmann verloren – sich seither aber öffentlich loyal seinem Widersacher gegenüber verhalten. „Ich hatte den OB um seine Unterstützung bei der Wahlkreisdelegiertenkonferenz gebeten – das hat er abgelehnt.“
An der Bornheimer Basis raten sie Paris offen, die SPD zu verlassen und sich als unabhängiger Landtagskandidat zu versuchen. „Es würde mich nicht wundern, wenn er auf eigene Faust antritt – so, wie ihm in den Arsch getreten wurde“, sagt Gerd Wilcken, der stellvertretende Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Bornheim. Wilcken nennt es „ein Riesenproblem“, dass der gewählte Landtagskandidat Gasper „so unbekannt“ sei: „Viele Stimmen gehen jetzt der SPD verloren.“
Am Donnerstagmorgen vor dem Abflug nach Berlin hat Paris noch mit Bernhard Ochs, seinem alten Freund und Weggefährten aus Bornheim, telefoniert. Ochs hatte 2012 ebenfalls aus Verbitterung über die Partei nach Jahrzehnten die SPD verlassen.
„Die Frankfurter SPD hat sich mit diesem Ergebnis gegen Paris selbst demontiert“, sagt Ochs. Auf der Gass in Bornheim schüttelten die Menschen nur mit dem Kopf. „Ich könnte bestens verstehen, wenn der Michael austreten würde.“
Währenddessen versucht der designierte SPD-Unterbezirksvorsitzende Mike Josef verzweifelt, einen Parteiaustritt von Paris abzuwenden. „Wir brauchen den Michael weiter in der Partei“, sagt er und kündigt an: „Wir werden uns zusammensetzen und beraten, wie es weitergeht für den Michael in der SPD.“ Auch der Landesvorsitzende Schäfer-Gümbel solle einbezogen werden in die Frage, „was genau möglich ist“.
Paris selbst hält sich an diesem Nachmittag in Berlin alle Optionen offen. Versucht er sich als unabhängiger Kandidat? „Ich muss erst mal nachdenken, meine Gedanken sortieren.“ Und dann geht es in die Kinderoper.
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