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08. November 2012

Städel Raffael Kunst-Skandal?: Alter Meister oder oller Müll

Der Raffael bei seiner Enthüllung im Städel 2011. Foto: dpa

Das Städel hat einen Raffael. Oder nicht? Hat das Museum sich eine dreiste Kopie andrehen lassen, als es das Porträt Papst Julius II. vor einem Jahr erwarb? Anonyme Experten sind davon überzeugt. Direktor Max Hollein und sein Vize Jochen Sander bestehen auf der Echtheit des Bildes.

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Herr Hollein, Herr Sander, Ihre Glaubwürdigkeit wird massiv in Zweifel gezogen. Es wird Ihnen vorgeworfen, ein Gemälde mit der Zuschreibung Raffael und Werkstatt präsentiert zu haben, bei dem es sich in Wahrheit um eine wertlose Kopie handeln könnte, die früher für 9000 Euro versteigert wurde.

Hollein: Zuallererst: Die Fakten rund um das Werk waren uns bestens bekannt und wir haben sie selbst publiziert, als wir das Bild vor knapp einem Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Das sind keinerlei neue Erkenntnisse. Professor Sander hat sich mehr als zwei Jahre mit dem Bild auseinandergesetzt, unabhängige Gutachten eingeholt und erst dann haben wir uns für einen Ankauf entschieden.

Die Vorgeschichte mit der Auktion ist also zutreffend?

Hollein: Ja. Noch einmal: Wir selbst haben sie öffentlich gemacht. Die Vorwürfe kommen jetzt primär aus einem einzigen Zeitungsartikel, der anonyme Quellen zitiert. Das ist kein Einstieg für eine wissenschaftliche Diskussion.

Was geschah zwischen der Auktion und Jahresende 2011, als Sie das Bild von Papst Julius II. als sensationelle Neuerwerbung im Städel präsentiert haben?

Sander: Als das Bild auktioniert wurde, kam es aus einer österreichischen Privatsammlung, in der es Jahrzehnte unerkannt geblieben war. Es war in einem ungepflegten, stark verschmutzten Zustand, der die Analyse sehr schwierig machte. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass das Werk bei der Auktion so deklariert wurde. Aber unmittelbar nach der Erwerbung wurde das Bild dem Städel vorgestellt. Wir haben die Möglichkeiten zur technologischen Untersuchung genutzt, die ein Haus wie das Städel zur Verfügung hat. Das war der Moment, in dem ich elektrisiert war. Denn Infrarotaufnahmen brachten einen Blick in die Bildentstehung, der außerordentlich interessant war.

Noch einmal: Die Herkunft des Gemäldes aus dem Jahr 1511 oder 1512 ist unbestreitbar?

Sander: Die Datierung der verwendeten Materialien – darunter die Malschichten oder das Pappelholz der Tafel – auf einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren ist mit naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden nicht möglich. Was wir aber anhand von komplexen Untersuchungen eindeutig bestätigen können, ist die Entstehung des Gemäldes innerhalb der Raffael-Werkstatt.

Zur Person

Der 43-jährige Max Hollein leitet seit 2001 die Kunsthalle Schirn und ist seit Januar 2006 auch Direktor des Städel-Museums und des Liebieghauses.

Der 54-jährige Jochen Sander, seit 1988 im Städel-Museum, leitet seit 1991 die Abteilung Alte Meister und ist seit 2007 Vize-Direktor.

Hollein: Wir können das Gemälde ganz klar identifizieren als aus dem Kreis von Raffael stammend. Die Frage, wie viel Raffael und wie viel Werkstatt steckt in diesem Bild, das ist eine Frage, die mit einer Stilanalyse und der Entstehungsgeschichte zu beantworten ist.

Als Argument für die Kopie wird angeführt, dass das Bild nachträglich verbreitert worden sei, dass eine bestimmte Körperhaltung des Papstes vorherrscht.

Sander: Dass Bildträger bei Gemälden aus dem 16. Jahrhundert aus mehreren Brettern zusammengesetzt werden, ist nichts Ungewöhnliches. Die Röntgenaufnahme und auch die Infrarotanalyse zeigen eindeutig: Am rechten Rand der Tafel wurde ein Stück angefügt, jedoch bevor der Malprozess eingesetzt hat. Es ist also nicht so, dass sich da ein untalentierter Kopist irgendetwas ausgedacht hat und begonnen hat, zu malen, um dann erst festzustellen: Hoppla, da fehlt ein Stück! Das Zweite ist, wenn es sich wirklich um einen Kopisten handelte, würde er sich exakt an der Vorlage des Originals orientieren. Tatsächlich aber zeigt das Frankfurter Bild ein kreatives Erarbeiten der Lösung, die wir letztendlich an der Oberfläche sehen. Ein Beispiel: Die durch Infrarotaufnahmen zum Vorschein gekommene Unterzeichnung zeigt die Pfosten des Throns zunächst mit einem einfachen, rechteckigen Abschluss. Diese wurden aber dann in eine Eichel verändert. Das ist nicht unwichtig, weil Julius II. mit dem Familienname della Rovere, also Eiche, hieß. Auch die Erkenntnis, wie die Unterzeichnung zum Beispiel im Gesicht des Papstes handschriftlich ausgeführt ist, führt unmittelbar an Raffael heran, lässt sich mit anderen Gemälden Raffaels vergleichen.

Wenn wir jetzt von Raffael und Werkstatt sprechen, wie groß ist dieser Kreis dann? Mit wie vielen Helfern hat Raffael gearbeitet?

Sander: Gerade zu Ende seines Lebens hatte Raffael so viele Aufträge, dass er Werkstattangestellte beschäftigen musste. Über die genaue Zusammensetzung der Werkstatt sind wir jedoch nur unzureichend informiert. Aber es war nicht ungewöhnlich, dass der Meister vor allem auf die Ausführung der bildwichtigsten Partien wie Gesicht und Hände großen Wert legte und andere Partien, wie zum Beispiel den Bildhintergrund, von seinen Helfern ausführen ließ.

Hollein (l.) und Sander diskutieren.
Hollein (l.) und Sander diskutieren.
Foto: Christoph Boeckheler

Aber wie lässt sich denn erklären, dass andere Museen angeblich dankend abgewunken haben bei diesem Gemälde?

Hollein: Das Gemälde wurde nicht reihum angeboten. Wir hatten es als erstes Museum lange Zeit zur Prüfung im Städel. Es ist dann im Doerner Institut in München auch noch mal untersucht worden. Es ist falsch, dass dieses Bild einer Reihe von Institutionen angeboten wurde und die dann abgelehnt hätten. Ganz klar: Uns war bewusst, dass unsere Zuschreibung eine Diskussion auslösen würde. Darum sind wir von Beginn an so offen wie nur möglich damit umgegangen.

Sie wollten die Diskussion?

Hollein: Ja. Eine Polemik mit anonymen Vorwürfen ist freilich nicht zweckdienlich.

Es wird ihnen vorgeworfen, Sie machen das alles, um den Kunstmarkt anzuheizen.

Hollein: Klare Antwort: Das ist absolut nicht nachvollziehbar und entbehrt jeglicher Logik. Um den Kunstmarkt anzuheizen, müssten sie ein aus Privatbesitz oder von einem Händler stammendes Gemälde zuschreiben und es dann als Leihgabe ins Museum hängen, ohne es zu erwerben. Genau das haben wir nicht gemacht.

Der stille Vorwurf ist doch: Städel erwirbt ein Bild für eine Millionensumme, Sie haben ja nie eine Zahl genannt …

Hollein: … und das tue ich auch jetzt nicht …

… und in Wahrheit ist es nur 9000 Euro wert.

Hollein: Wir haben es nicht für einen Raffael-Preis erworben …

… Sie haben keine zweistellige Millionensumme ausgegeben …

Hollein: (lacht). Natürlich nicht. Und wir wollen es auch nicht mehr veräußern. Uns geht es nicht um eine Wertsteigerung.

Könnte man die Sache jetzt nicht durch eine weitere unabhängige Analyse klären?

Hollein: Mit naturwissenschaftlichen Methoden können sie den Ursprung nur eingrenzen. Sie werden aber auch in fünf Jahren noch nicht die Situation haben, dass alle wesentlichen Forscher eine einvernehmliche Position dazu einnehmen.

Sander: Wir wollen mit unserer Raffael-Ausstellung 2013 ja auch die Fachdiskussion weiter vorantreiben und das Bild darum im Städel mit anderen Versionen zusammenbringen.
Hollein: Wir sagen ja nicht, dass das Julius-Porträt in London nicht authentisch ist. Wir sagen nur: Wir haben eine weitere, interessante Version. Das Londoner Porträt galt übrigens bis 1970 als Kopie.

Sie können den Menschen versichern, dass sie nächstes Jahr in der Ausstellung nicht vor einer billigen Kopie stehen werden?

Sander: Dieser Vorwurf ist absurd. Dieses Bildnis ist ein Herrscher-Bildnis, typisch für diese Zeit. Es ist von vorneherein dafür angelegt, vervielfältigt zu werden. Von solchen Bildern gibt es also automatisch mehrere Fassungen aus einer Werkstatt. Wir sind überzeugt davon, dass unsere Frankfurter Fassung bei der Entstehung des Bildgedankens eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Die Glaubwürdigkeit des Städel ist nicht beschädigt?

Hollein: Keinesfalls. Alles ist transparent abgelaufen. Unsere Entscheidungen sind weder fahrlässig noch spontan, sondern nach langen Überlegungen gefallen.

Das Interview führte Claus-Jürgen Göpfert.

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