Er ist Frühaufsteher und Spätinsbettgeher. Er ist Tänzer und Choreograph, er ist Kostümbildner und Partyveranstalter. Er hat mit Lady Gaga und mit Mick Jagger gearbeitet. Er war im Dezember weltweit auf H&M-Plakaten abgebildet, er verantwortet künstlerisch die Februarausgabe der französischen Vogue, aber wenn man genau wissen möchte, was er gerade macht, winkt er ab. „Bill hat uns gelehrt, in verschiedene Richtungen zu gucken“, sagt Stephen Galloway, wenige Minuten, nachdem er das Café „Walden“ in der Frankfurter Innenstadt betreten hat.
Geboren in Tennessee, aufgewachsen in New York und Pennsylvania, sitzt er jetzt an seinem Stammplatz rechts vom Eingang und spricht abwechselnd Deutsch oder Englisch. Mit Bill meint er den Choreographen William Forsythe, in dessen Ballett Frankfurt er 1985, als 17-Jähriger, zu tanzen begann. „You are born for the big arena“, hat Forsythe damals zu ihm gesagt – will heißen, er ist für die große Bühne geboren.
Künstlerischer Berater der Rolling Stones
Sieben Jahre später war Galloway Kostümbildner für Forsythe, wurde dann Art-Director beim Modedesigner Issey Miyake, und nach einem Urlaub mit Mick Jagger in Südfrankreich engagierte Jagger ihn als künstlerischen Berater der Rolling Stones. Seitdem hat er in fast allen Kunstformen und auf fast allen Kontinenten gearbeitet. Aber der Amerikaner hat sich nicht überall wohlgefühlt. „In Los Angeles stechen sie dir ein Messer in den Rücken, in Hollywood stechen sie es dir in die Brust, während sie mit dir reden“, sagt Galloway.
Auch die politische Haltung vieler Landsmänner widerstrebt ihm. „Das Problem ist, dass sich Amerikaner im Gegensatz zu Europäern nicht selbst informieren“, sagt Galloway. So glaubten es viele einfach, wenn über Barack Obama Denunziationen verbreitet würden.
"Reich und sexy ist cool"
Die Aufrichtigkeit der Deutschen habe ihm gefehlt, sagt Galloway, und die Stadt Frankfurt. Deswegen kehrt er auch immer wieder hier hin zurück. Früher ins Bahnhofsviertel, heute in die Innenstadt. „Ich bin ein Downtown-Boy, Bornheim ist fremd zu mir“, sagt er auf seine spezielle amerikanische Art. Er mag an Frankfurt, dass es wirklich international ist, „dass die Menschen nicht wie in Berlin durch die Stadt hindurchgehen, sondern bleiben“. In Berlin sei er mal mit Wowereit auf einem Empfang gewesen, der habe versucht, ihm „dieses Arm-aber-sexy-Ding“ zu verkaufen.
„Aber arm und sexy ist nicht cool, reich und sexy ist cool“, sagt Galloway. Er kennt sie, die Reichen und Attraktiven. Madonna sei „super sweet und nicht die Hardcoresex-Powerfrau, als die sie dargestellt wird“. Und er sagt, dass die Glamourwelt „nicht fashion, fabulous and fantasy“ ist, sondern harte Arbeit. Galloway findet, die Menschen sollten ihre Stärken kennen. „Manche finden es komisch, dass gerade ich das sage, aber ich bin halt in vielen Sachen gut“, sagt er und formt seinen Mund zu einem großen, breiten Grinsen. „Ich bin 43, ich darf so reden“, fügt er noch schnell hinzu.
Galloway hat noch viel vor
Und weil er in vielen Sachen gut ist, hat er auch noch viele Sachen vor: als Opernregisseur arbeiten, Italienisch lernen, einen „soundtrack to make love to“ machen, „der erste schwarze Intendant Deutschlands“ werden. Was er davon realisiert, ist noch unklar. Aber dass er etwas realisieren wird, ist klar, und dass es schön ist, dass jemand in Frankfurt wohnt, unter dessen Füßen der öde graue Asphalt des Rossmarkts binnen Sekunden zum internationalen Laufsteg wird.

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