kalaydo.de Anzeigen

Flohmärkte: Stöbern macht süchtig

Flohmärkte boomen, täglich kann man irgendwo in Frankfurt und Umgebung kerscheln gehen. Und alle kommen auf ihre Kosten: Stöberer, die kuriose Sachen suchen, oder Leute, die preiswert einkaufen wollen.

Auf dem Flohmarkt
Auf dem Flohmarkt
Foto: FR/Oeser

"Ist das normal so?" Eine Frau hält ratlos einen Staubsauger mit einem knapp ein Meter langem Kabel in die Höhe und mimt Saugbewegungen im Radius eines Ausfallschritts. „Musst halt eine Kabeltrommel anschließen", knurrt der Verkäufer ins Gelächter. Nebenan laufen zähe Verhandlungen: zehn Euro - zwanzig – zehn – zwanzig. Das letzte Wort? „Dann lauf ich noch eine Runde." „Kannst auch drei Runden laufen, davon wird’s nicht billiger." Der Mann versucht es dennoch. Weil hier nichts normal ist und alles möglich – am Mittwochmorgen auf dem Flohmarkt in Mühlheim. Klaus Molkenthien aus Frankfurt verpasst den nie. Drängelt sich mit seinem Stand zwischen andere Kerschler in die fünf Platzreihen neben der Willy-Brandt-Halle, bringt seltene Postkarten, Sammeltassen und dies und das mit, was sich beim Ausmisten in den Kellern seiner Bekannten so findet. So düst er in aller Frühe mit vollbepacktem Kombi von Bornheim über den Main. Weil der Flohmarkt hier noch anders ist, sagt er. „Keine Neuware, kein Ein-Euro-Ramsch". Und keine Hektik. Die Leute kommen zum Stöbern und Schauen und – vor allem – zum Schwätzen.

Molkenthien ist seit 30 Jahren im Geschäft. Ein Freund hatte damals mit alten Postkarten gehandelt, ist zu Börsen in ganz Deutschland gefahren. Das war neu, der absolute Renner – und der Anfang für den gebürtigen Sachsen, der als Dachdecker sein Geld verdiente. Damals gab es in Frankfurt gerade mal einen Flohmarkt, „den unten am Main", erzählt er. In den 70er und 80ern begann dann der Boom: Alte Schränke, Dreschflegel, Pferdesättel. „Und vor allem Nähmaschinen. Die waren sofort weg, wenn man eine hatte." Alt und alternativ war „in" – Hoch-Zeit für Flohmarkthändler.

Molkenthien hat damit die Familienkasse aufgebessert, und irgendwann war es Leidenschaft. „Manchmal haben wir sogar Flohmarkt-Urlaub gemacht", erzählt der Bornheimer und lacht. Mit vollem Bus ab nach Passau oder in den Norden und zwischen den Urlaubstagen ab und zu einen Flohmarkt mitgenommen. „So war die eine oder andere Übernachtung finanziert."

72 ist er jetzt, aber Flohmarkt ist eine Sucht: „Ein- bis zweimal pro Woche muss ich gehen, sonst fehlt mir was."

Und er kennt sie alle, die Märkte rund um Frankfurt, Mainz und Wiesbaden, von denen ein jeder seinem eigenen Gesetz folgt. Der vor der Jahrhunderthalle in Höchst donnerstags und samstags ist zum Beispiel der der Schnäppchenjäger. Hier stehen die Händler mit Gewerbeschein, die Billig-Neuware, Billigobst, Wurst-, Fleisch-, Tiefkühlkost und Tütensuppen kurz vorm Verfallsdatum verscherbeln. Dazwischen stehen Haushaltsauflöser, Hobbykerschler, solche, die einfach nur mal den eigenen Keller ausgemistet haben - und: Kundschaft in Scharen. Deshalb geht auch Molkenthien hin, obwohl er die „Märkte Richtung Wiesbaden" die besseren nennt: den bei Ikea in Wallau, in der Wiesbadener Äppelallee oder in Mainz. Dort finden sich noch Schätze – und das heimelige Flair, das für den Leidenschaftlichen Flohmarkt ausmacht.

Das ist auch alle paar Wochen immer sonntags vor der Frankfurter Eisporthalle zu spüren. Deshalb ist auch der 67 Jahre alte Nordendler immer dort – wie Molkenthien ein Mann der ersten Stunde. Neuware ist da verpönt, Händler und Private halten sich die Waage und auch die Mischung zwischen Stöberern und Schnäppchenjägern stimmt. Die unterschiedlichsten Menschen hat er über den Flohmarkt kennen gelernt, erzählt er. Wie den Arzt, der ihn immer bat, irgendein vergriffenes Buch aufzutreiben. Im Gegenzug hat er ihm am Stand Diagnosen für seine Malaisen gestellt. So lange er kann, wird er auf den Flohmarkt gehen, sagt der Frankfurter: Wegen den Leuten, dem Palaver.

Deshalb steht auch die Frankfurterin mit ihrem Stand seit dem frühen Morgen dort. „Es macht Spaß hier, man trifft die unterschiedlichsten Leute." Vor gut zehn Jahren hatte sie ein Freund zum ersten Mal mit zum Flohmarkt geschleift, „ich zeig dir wie das geht, hat er gesagt". Am Ende hatte sie 450 Mark in der Tasche, „und er gerade mal die Standmiete reinbekommen". Seither hat auch sie das Fieber gepackt. Wenngleich sie ein wenig den alten Zeiten nachtrauert, als es noch viele „schöne alte Sachen" an den Ständen gab, die Besucher nach Kuriositäten und nicht nur nach Billigware für den Alltagsgebrauch suchten.

Krise und Arbeitslosigkeit haben die Flohmärkte zunehmend zu Billigbasaren verwandelt, sagt sie. Auch den am Frankfurter Mainufer, den viele eingefleischte Flohmarkt-Liebhaber deshalb schon nicht mehr ansteuern. Seit die städtischen Marktbetriebe die Organisation übernommen haben und den Markt im Wechsel am Mainufer und am Osthafenplatz abhalten, sei es noch schlimmer geworden. Die Märkte am Autokino in Sulzbach und in Bad Vilbel sind ihre Favoriten. Viel verdienen kann man zwar nicht mehr, sagt sie, „aber Spaß macht es trotzdem". Das finden auch die Einsteigerinnen Nicole Schmeer und Christine Erbar, die Relikte aus den 80ern feilbieten. „Es ist total spannend, wer sich für was interessiert." Ob sie wiederkommen? „Klar."

Flohmärkte in Rhein-Main

Mühlheim am Main, Willy-Brandt-Halle, mittwochs, (8.9.)
Messegelände Mainz, Mi. (8.9.)
Jahrhunderthalle Höchst, (immer Sa. und Do.)
Osthafen Frankfurt, Sa 11.9. (im samstäglichen Wechsel mit dem Flohmarkt am Mainufer, 18.9.)
Frischezentrum Kalbach, Sa. 11.9., 14 Uhr
Offenbach, Maindamm, immer samstags (11.9.)
Mainz, Parkplatz am Dalheimer Weg, 11.9. (immer samstags)
Hanau-Steinheim, SB Sconto Möbelmarkt, (immer samstags)
Maintal-Dörnigheim, Parkplatz Real Markt, (immer samstags)
Eschborn, Mann Mobilia, 13 bis 18 Uhr
Bad Vilbel, Festplatz, Büdinger Straße, So. 12.9.
Bad Vilbel-Dortelweil, Möbelhaus Porta, Industriestraße, So. 19.9.
Metro Frankfurt, So.19.9.
Hofheim-Wallau, Ikea, So. 26.9.
Karben, Am Warthweg So. 26.9.
Antik-Markt, Frankfurt, Konstablerwache, So. 10.10.
Wiesbaden-Biebrich, Adler-Center, Äppelallee, 10.10.
www.flohmarkt-termine.net

Datum:  7 | 9 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt


Regionale Startseite
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
        

In den Clubs könnte die Schwester  auffallen.
Fasching in Mainz 
Rednerschule: Karl Oertl bringt Fastnachtern bei, wie man eine Büttenrede hält. In der Bütt: Patrick Fiederer
Fassenacht in Frankfurt 

Anzeige


Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Boris Rhein hat auf Facebook einen falschen Freund abgekriegt: einem stadtbekannten Rechtsextremen aus Maintal.
Frankfurter OB-Wahlkampf im Internet 
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Anzeige

 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Anzeige

Freizeittipps
Beeinflusst der Boden den Geschmack des Weins? Kann der Laie unterscheiden, ob ein Riesling auf Löss oder Ton gewachsen ist?
Freizeit 
        

Die Gartenfront des Museums bei der Sanierung.
Städel  
Wenn es knackst, wird's gefährlich: Schlittschuhläufer auf der Seewiese.
Eislaufen 
        

Kein Kindergeburtstag: Unsere Autorin tritt im Rebstockbad  kräftig in die Pedale.
Aqua-Cycling 
Puppenspielerin Cornelia Fritzsche mit ihrem Star, der Handpuppe Ursula von Raetin im Eisenbahnwagon.
„Zugluft“ 
Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Restaurantkritik
Wünsche wohl zu speisen. Die FR-Restaurantkritik.

Restaurants im FR-Test: edel, bodenständig, traditionell, gradlinig. Wo man eben gut essen kann.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

FR-SPORTBLOGS
Spezial
Integration in Frankfurt

In Frankfurt leben Menschen aus allen Kontinenten der Welt. Wie sieht Integration für sie aus?

Video

Anzeige