Herr Ebertz, was hat Sie an Ihrer Studie „Was glauben die Hessen?“ am meisten überrascht?
Dass der grundsätzliche Rückhalt für die Institution Kirche in der Gesamtbevölkerung immer noch so hoch ist, trotz des Missbrauchsskandals 2010 und anderer innerkirchlicher Vorgänge. Dabei geht es allerdings nur um die Existenz der Kirchen als solche. Ob sie den Menschen noch etwas bedeuten oder zu sagen haben, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier geht die Tendenz erstaunlich klar dahin zu sagen: „In Sachen Religion bin ich mein eigener Chef.“ In der Kombination beider Aussagen ist das ein außerordentlich spannender Befund.
Ist das so neu?
Das Ergebnis liegt zwar im Trend der jüngeren Forschungsergebnisse. Aber wer hätte gedacht, dass die Zustimmung zu den Kirchen weiterhin so hoch ist? Die Kirchen sind für die Deutschen nicht wegzudenken. Das gilt übrigens auch für die Muslime, die in den Christen offenbar Bündnispartner sehen: Der Glaube an Gott verbindet.
Wie erklären Sie sich die stabile Akzeptanz für die Kirchen? Schließlich haben die Austrittszahlen Rekordwerte erreicht.
Das stimmt. Aber umgekehrt müssen Sie auch sehen, worüber kaum einer redet: Die meisten sind geblieben. Meine Erklärung: Die Kirchen haben viele Funktionen, die über die individuelle Religiosität hinausreichen. Sie sind Akteure der Zivilgesellschaft, sie sind große Arbeitgeber. Bundesweit verdienen mehr als eine Million Menschen ihr Geld bei Diakonie und Caritas. Kirchliche Behörden und andere Institutionen noch gar nicht eingerechnet. Zudem stehen die Kirchen in den Augen vieler Menschen für die Bewahrung der Tradition in einer Beschleunigungsgesellschaft. Es gibt eine Stabilitätserwartung, die sich mit den Kirchen verbindet. Sinnfällig wird das zum Beispiel in Kirchengebäuden, von denen viele Menschen nicht wollen, dass sie abgerissen werden.
Hat es denn Sinn, den Glauben speziell der Hessen abzufragen?
Hessen hatte für unsere Forschung eine Art Pilotfunktion. Zusammen mit möglichen Folgestudien in anderen Bundesländern könnte sich eine religiöse Reliefkarte für ganz Deutschland ergeben, die tatsächlich etwas ganz Neues wäre – und sicher sehr aufschlussreich. Ich bin selbst Hesse, habe aber nie eine hessische Identität empfunden. Ich denke, das geht vielen Landsleuten so – im Gegensatz etwa zu Bayern oder Franken. Was die Hessen auszeichnet, ist vielleicht gerade ihre Mittellage in Deutschland.
Hessen als Durchschnitt. Gibt es trotzdem Besonderheiten in der hiesigen Glaubenslandschaft?
Ich muss voranschicken, dass sich der hohe Anteil der Protestanten (40 Prozent der Gesamtbevölkerung) und die niedrige Prozentzahl Konfessionsloser (20 Prozent) vom Bundesdurchschnitt abheben. Jenseits dieses statistischen Werts fällt auf, dass die Religionskultur bei den Hessen liberaler, toleranter ist als bei den Deutschen insgesamt. Sie lassen andere Religionen eher gelten und halten deren Wahrheiten leichter für zustimmungsfähig. Damit sind sie zugleich geneigt, ihre eigene Religion zu relativieren und sich Glaubensüberzeugungen aus den verschiedenen Traditionen zusammenzusuchen. Alles in allem zeichnet die Hessen eine entschieden antifundamentalistische Grundhaltung aus.
„Fundamentalistisch“ nennen Sie bereits die Aussage „Meine Religion hat recht, die anderen Religionen haben unrecht“. Ist die Präferenz für die eigene Religion nicht selbstverständlich?
Nicht jeder, der diesen Satz bejaht, ist schon ein Fundamentalist. Aber jeder Fundamentalist wird diesen Satz bejahen. Er ist gewissermaßen die Einstiegsdroge in den Fundamentalismus. Wenn ich nämlich sage „Die anderen haben unrecht und leben in der Unwahrheit“, dann brauche ich bloß noch einen Schritt weiterzugehen und lande bei dem Satz, „Dann haben die anderen auch kein Existenzrecht“.
Das Interview führte Joachim Frank

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