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Studie zur Religiosität in Hessen: Hessen, wie habt ihr's mit der Religion?

"Was glauben die Hessen?" Eine Studie fördert Erstaunliches zutage: Christen sind inzwischen zu einer Minderheit geworden und selbst Kirchenmitglieder stimmen zentralen Aussagen ihrer Religion in erheblichen Teilen nicht mehr zu.

Bibelfest? Eine Studie im Auftrag des Hessischen Rundfunks erfragt die Religiosität der Hessen.
Bibelfest? Eine Studie im Auftrag des Hessischen Rundfunks erfragt die Religiosität der Hessen.
Foto: dpa

Es ist bloß ein harmloser Packen Papier, aber er enthält Sprengstoff. Zumindest gilt das für die Kirchen und alle, die sich mit der Zukunft des Christentums in Deutschland befassen. Denn zentrale Befunde einer aktuellen wissenschaftlichen Untersuchung lauten: Im Land Hessen sind Christen inzwischen zu einer Minderheit geworden. Selbst Kirchenmitglieder stimmen zentralen Aussagen ihrer Religion zu erheblichen Teilen nicht mehr zu. Damit ist ein „Christentum ohne Christen“ kein Paradox, sondern gelebte Realität.

Was glauben die Hessen?

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Der Theologe und Soziologe Michael Ebertz, Professor an der Katholischen Fachhochschule Freiburg, hat die repräsentative Studie „Was glauben die Hessen?“ im Auftrag des Hessischen Rundfunks erstellt. Sein Team führte mit 500 Hessen ab 18 Jahren längere Telefoninterviews. Für Ebertz fungieren die Hessen als eine Art religiöser Zeigerpflanze: Ihre Einstellungen zur Institution Kirche, ihre religiösen Überzeugungen und ihre Glaubenspraxis sind Indikatoren für die Verhältnisse in ganz Deutschland (siehe Interview). Den Schrumpfungsprozess des Christentums in Hessen betrachtet Ebertz als repräsentativ – im ohnehin „entchristlichten“ Osten ist der Trend allerdings noch dramatischer.

Dabei sind die Hessen alles andere als „religiös unmusikalisch“. Fast jeder zweite gibt an, täglich oder wöchentlich zu beten. Dieser Wert liegt nach Ebertz’ Angaben über dem Durchschnitt der (west-)deutschen Gesamtbevölkerung. Stark verbreitet bei den Hessen ist der Glaube an irgendwie geartete „höhere Mächte“ oder an Engel (siehe Grafiken). Auch der Glaube an Wunder hat Konjunktur. 70 Prozent bejahen, dass es sie gibt – ohne das genauer zu definieren. Bei der Frage nach „Zauberei“ oder dem Einfluss von Sternen und Glücksbringern auf das eigene Leben nämlich sind die Befragten schon skeptischer. Und an die Existenz des Teufels glauben nur knapp 40 Prozent aller Befragten, allerdings 82 Prozent der Muslime. Auch der öffentlich praktizierte Glaube ist lebendig: Fast ein Drittel aller Befragten besucht einmal im Monat einen Gottesdienst, jeder fünfte wöchentlich oder häufiger.

Nominell ist Hessen immer noch christlich geprägt: Von den sechs Millionen Menschen zwischen Werra und Neckar gehören 40 Prozent der evangelischen, 25 Prozent der katholischen Kirche an. Die Muslime stellen fünf Prozent der Bevölkerung, ein Viertel bekennt sich zu einer anderen oder keiner Religion.

Dramatisch vor diesem Hintergrund: Nur noch gut jeder vierte Protestant und jeder dritte Katholik ist einem religiösen „Orientierungstyp“ zuzuordnen, der von der Existenz Gottes und seiner Zuwendung zu jedem Einzelnen überzeugt ist, der an die Offenbarung in Jesus Christus glaubt und Vielgötterei ablehnt. Die Christen im engeren Sinn des Wortes sind damit sogar in den Kirchen selbst eine Minderheit. „Der Glaube an einen personalen Gott scheint nicht einmal mehr die hessischen Mitglieder der christlichen Kirchen zu verbinden“, so Ebertz.

Der weitaus größere Rest lebt mit einer diffusen Melange religiöser Vorstellungen bis hin zur Vielgötterei. Selbst Atheisten, die die Existenz Gottes bestreiten, finden sich unterm Kirchendach. Von den religiös Ungebundenen gehört – was nicht weiter erstaunt – fast jeder Zweite zum „atheistischen Orientierungstyp“. Irritierend hingegen ist es, dass sich ihm auch 14 Prozent der Protestanten und zehn Prozent der Katholiken zurechnen lassen.

Zwar dürften die wenigsten von ihnen sonn- und feiertags im Gottesdienst auftauchen. Dennoch sind sie eine Herausforderung für Kirchenleitung und Geistliche: Was hält diese Menschen? Tradition? Die Aussicht auf einen Platz in der konfessionellen Kita oder Privatschule? Die Anerkennung für den sozial-karitativen Dienst? Der Studie zufolge gibt es eine Art Parallel-Existenz vieler Kirchenmitglieder nach dem Motto: Kirche ist okay, solange sie mich in Ruhe lässt und nicht missioniert.

Mehr als drei Viertel aller Befragten „finden es gut, dass es die Kirchen gibt“. Was beruhigend für die Kirchen klingt, wird allerdings durch ein dreifaches Aber konterkariert: Zum Ersten haben die Kirchen nur noch für eine Minderheit Antworten auf Fragen parat, die sie wirklich bewegen. Zum Zweiten konstruieren die Hessen ihren Lebenssinn höchst individuell – mit Elementen verschiedener Religionen, von denen „jede einen wahren Kern hat“. Diese Patchwork-Religiosität findet sich in Hessen bei 70 Prozent der Befragten. Und drittens sind auch diejenigen, die sich noch zur Kirche bekennen, mit ihr unzufrieden. „Ich stehe zur Kirche, aber sie muss sich auch ändern“ – diese Aussage machen sich 85 Prozent der Protestanten und sogar 89 Prozent der Katholiken ganz oder teilweise zu eigen. Alles muss bleiben, wie es immer war? Von wegen!

Die ganze Studie finden Sie hier.

Autor:  Joachim Frank
Datum:  26 | 1 | 2012
Kommentare:  3
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