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24. September 2012

TV-Kritik "Der Fall Jakob von Metzler": Das Dilemma im Mordfall Metzler

 Von Klaudia Wick
Blumen und Karte auf dem Grab des ermordeten Bankierssohnes Jakob von Metzler vor zehn Jahren auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main.  Foto: dpa

Nüchtern rekonstruieren die ZDF-Macher in ihrem Dokumentarfilm den "Fall Jakob von Metzler". Verfälschende Polemik gibt es keine. Im Mittelpunkt steht der Polizeiobere Daschner, der dem Mörder Gäfgen in der Vernehmung mit Folter drohte.

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Jakob von Metzler wäre heute 21 Jahre alt und Wolfgang Daschner auch emotional „im Ruhestand“. Hätte der Student Magnus Gäfgen 2002 den Bankierssohn nicht aus Geldgier entführt und aus Überforderung getötet, würde wohl auch heute kaum jemand darüber nachdenken, ob es moralisch verantwortbar, juristisch gedeckt oder auch nur menschlich verständlich ist, wenn ein Polizist einem Menschen Gewalt androht, um das Leben eines anderen zu retten.

Gäfgen klagt auf Schmerzensgeld

Die Wellen der Aufmerksamkeit, die der Fall schlug, wurden weltweit registriert: Amnesty International sammelte Unterschriften gegen Folter in Deutschland, der Europäische Gerichtshof stufte die Gewaltandrohung gegen den Entführer zwar nicht als Folter, aber doch als „unmenschliche Behandlung“ ein.

Am 10. Oktober wird das Oberlandesgericht Frankfurt noch einmal über die Frage verhandeln, ob das Land Hessen Magnus Gäfgen mit den 3000 Euro Schmerzensgeld angemessen dafür entschädigt hat, dass der Hauptkommissar Ennigkeit ihm im Auftrag seines Vorgesetzten, des Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner, während einer Vernehmung ohne weitere Zeugen Gewalt androhte und damit die Menschenwürde des Mörders verletzte.

Sieg für die Gerechtigkeit

Ein Film, der all das noch einmal rekapitulieren will, muss sich fragen lassen, ob er das komplexe Geschehen auch bewerten kann und sollte. Zwei Fernsehkrimis, die sich Mitte der Nullerjahre des Falles annahmen, gaben seinerzeit klare Antworten: Sie fiktionalisierten und erzählten aus der Perspektive ihrer moralisch aufrichtigen Fernsehkommissare, die ja auch sonst gerne mal das Recht beugen, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. „Kommissarin Lucas“ und der „Tatort“ waren hoch emotionale Inszenierungen, die dem Zuschauer viel Platz für Mitleid, aber wenig Raum für Zweifel ließen.

Dies interessierte die Macher von „Der Fall Jakob von Metzler“ nicht. Ihnen ging es um den „echten“ Fall und damit auch um das echte, vielleicht unauflösbare Dilemma. „Wir wollten nicht polemisch sein; wir wollten zeigen, was passiert ist“, sagt Autor Jochen Bitzer. Somit stand schon vor Beginn fest: Man würde ohne die Mitwirkung Gäfgens auskommen wollen, aber ohne das Einverständnis von Wolfgang Daschner nicht auskommen können. Gäfgen wurde lediglich über das Vorhaben informiert, die Dreharbeiten fanden dann geheim statt, um zu verhindern, dass er den Film juristisch verhindert.

Der inzwischen pensionierte Beamte Daschner zögerte lange, sich den Fragen des Drehbuchautors zu stellen, sprach dann aber offen und ausführlich mit Bitzer. Die Familie von Metzler wollte wohl zum zehnjährigen Todestag ihres Kindes einem großen Publikum noch einmal vergegenwärtigen, worum es Daschner damals ging: um das Leben ihres Kindes. Die von Metzlers gestatteten den Filmleuten, ein Originalfoto von Jakob zu verwenden und vor ihrem Privathaus zu drehen. Mutter Sylvia entschied für sich, den Film zwar zu unterstützten, ihn aber nicht anzuschauen. Zu nah, zu schmerzhaft – auch wenn weder das Drehbuch noch die Regie von Stephan Wagner auf melodramatische Gefühlsüberhöhungen setzen, erzielt doch für die Betroffenen gerade die akribische Rekonstruktion die größte emotionale Wirkung. Das gilt wohl auch für Ortwin Ennigkeit, der dem Spiegel im Vorfeld sagte, der Gäfgen des Films sei ihm zu menschlich dargestellt. Tatsächlich spielt ihn Johannes Allmayer eher als armes Würstchen denn als monströsen Narziss.

Entführung

Der Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler wurde am 27. September 2002 auf dem Heimweg von der Schule von dem Jura-Studenten Magnus Gäfgen entführt und kurz darauf ermordet. Gäfgen sendete den Eltern einen Erpresserbrief und verlangte Lösegeld. Nach der Übergabe des Geldes wurde er festgenommen.

Im Verhör ließ der damalige Vizepolizeipräsident von Frankfurt, Wolfgang Daschner, Gäfgen Gewalt androhen, da er hoffte, den Jungen so noch lebend finden zu können.

In einem Dokumentarspiel, das sich in allen Szenen an überprüfbare Fakten halten will, kommt den Besetzungsentscheidungen eine Schlüsselfunktion zu. Dass zum Beispiel Uwe Bohm mit seiner wuchtigen Präsenz den Ennigkeit darstellt, macht es dem Zuschauer leicht, sich vorzustellen, was die Inszenierung wohlweißlich aussparen muss. Was das entscheidende Verhör angeht, stehen die Aussagen von Gäfgen und Ennigkeit gegeneinander. Wie heftig wurde der Ermittler? Wie viel hat Gäfgen später dazuerfunden? „Ich wollte eine Besetzung, die Möglichkeiten offen lässt“, erklärte Regisseur Stephan Wagner bei der Presse-Vorführung des Films.

Auch die Entscheidung für Robert Atzorn hat etwas mit dieser gewollten Unschärfe zu tun: Einerseits ist er für viele immer noch der nette „Lehrer Dr. Specht“, anderseits spielt er den Daschner mit einer vor Pflichtbewusstsein erstarrten Oberfläche, so dass er phasenweise nicht mehr zur Identifikationsfigur taugt. Was eben gewollt ist. Trotz der vielen didaktischen Absichten, die auf dem Film lasten, ist der Inszenierung von Stephan Wagner auch ein Kunststück gelungen. Obwohl der Ablauf der Ereignisse sattsam bekannt ist und die reale Polizeiarbeit hier eher als behäbig und bürokratisch denn als aufregend und dynamisch gezeigt wird, ist der Film doch verblüffend spannungsgeladen. Dass alles auf die umstrittene Nothilfe hinauslaufen wird, obwohl das gesuchte Kind längst tot ist, liegt wie ein Schauder über dem Geschehen. Wie hätte man selbst unter diesem Zeit- und Handlungsdruck gehandelt: der Order von oben folgen? Sich dem Vorgesetzten widersetzen?

        

Grausiger Fund: Szene aus dem Film über die Entführung und Ermordung des elfjährigen Jakob von Metzler.
Grausiger Fund: Szene aus dem Film über die Entführung und Ermordung des elfjährigen Jakob von Metzler.
 Foto: zdf;dpa

Von Anfang an sammelt der Zuschauer Argumentationshilfen für das eigene Urteil, das sich dann im dritten Akt – der Verhandlung gegen Daschner und Ennigkeit – am realen Richterspruch messen lassen kann und muss. Das Fernsehspiel lässt bei dieser auch moralischen Urteilsfindung genug Spielraum für innere Revisionsprozesse. Gerade das macht den Film über alle Zweifel erhaben.

Der Fall Jakob von Metzler, 20.15 Uhr, ZDF.

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