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Frankfurt Tatort: Unverblümt beschissen

Fritze und Charlotte gehen. Geht eigentlich gar nicht. Ist aber so. Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki, die oft in einem getreuen Abbild Frankfurts ermittelten, hängen am Sonntag, 4. September die Dienstwaffe an den Haken. Wir trauern.

Dellwo und Sänger - zum letzten Mal.
Dellwo und Sänger - zum letzten Mal.
Foto: HR/Bettina Müller

Ach, Fritz. Ach, Charlotte. Jetzt lasst Ihr uns also alleine. Ein Jammer. Eine Gemeinheit vom HR. Einfach nur schade. Aber entschuldigt erst einmal die vertraute Anrede. Ihr seid immerhin Kriminalhauptkommissar (Fritz) beziehungsweise -oberkommissarin (Charlotte), das sind die Besoldungsgruppen A10 und A11, da will man nicht einfach geduzt werden. Aber irgendwie haben wir halt das Gefühl, Euch schon seit vielen Jahren zu kennen.

Seit acht, um genau zu sein. Am 21. April 2002 war es, als Ihr beiden, Fritz Dellwo (gespielt von Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), zum ersten Mal gemeinsam im Tatort ermittelt habt. „Oskar“ hieß die Folge, und es ging um ein totes Baby, das auf einem Förderband in der Müllverbrennungsanlage gefunden wird. Scheußlich so etwas, der Fall hat die weniger abgekochten Menschen unter uns ganz schön mitgenommen. Aber nach den 90 Minuten waren wir Tatort-Fans uns einig: Ihr seid die richtigen Ermittler für Frankfurt.

Wir Tatort-Fans? Wir wollen nicht verschweigen, dass es auch eine gewisse Opposition gab unter den 8,42 Millionen Zuschauern, die Eure erste Folge sahen. Manch einer fand Euch zu bieder, zu langweilig, zu sehr mit Euren Problemen beschäftigt. Letzteres ist schwer zu entkräften.

Aber bitte: Was wollen diese Menschen? Nur weil Ihr nicht wie Eure Münsteraner Kollegen Thiel und Boerne aus jedem Fall eine Komödie – haha, wie lustig, der ist tot, Thiel… – gemacht habt. Nur weil Ihr nicht – wie die Ludwigshafenerin Lena Odenthal vor wenigen Tagen – Tatort-Thriller produziert habt, in denen Menschen barbarisch gequält werden. Was soll so etwas? Der Film hätte im Kino doch keine Jugendfreigabe erhalten. Und anders als Inga Lürsen aus Bremen musstet Ihr Euch auch nicht immer an der gesamten Geschichte der Bundesrepublik abarbeiten.

Ihr habt einfach ermittelt, wie Tatort-Polizisten ermitteln sollen. Ganz solide, ganz normal, wie es sich für einen Fernseh-Sonntagabend mit Spaghetti und Tomatensoße gehört. Ihr habt Euch – der Klassiker – mit dem BKA angelegt (Folge „Frauenmorde“), Ihr hattet in fast jedem Fall mit einem pathologisch übel gelaunten Staatsanwalt (großartig: Thomas Martin als Dr. Scheer) zu tun, der alle Nase lang behauptet, „die Presse“ werde nicht mehr länger stillhalten. Und vor allem: Ihr habt in 18 Folgen unverblümt gezeigt, wie beschissen Frankfurt sein kann. Was für durch und durch kranke und gefährliche Menschen in dieser Stadt herumlaufen („Weil sie böse sind“), wie viele Leute hier unter miesesten Bedingungen leben und nirgendwo gemeldet sind („Der tote Chinese“) und wie es sein muss, Stunden in einem Jobcenter zu warten, um dann wieder zu hören, dass man einfach nicht gebraucht wird („Unter uns“). Und dabei habt Ihr nicht einmal von der „Hauptstadt des Verbrechens“ geschwafelt. Danke dafür.

Die meisten Zuschauer wussten Euren Einsatz jedenfalls zu würdigen. Im Ranking auf www.tatort-fundus.de, der wichtigsten Fan-Page, steht Euer bester Fall („Herzversagen“) auf Platz zwölf aller Tatort-Folgen. Deutlich vor dem besten Schimanski, der auf Platz 30 kommt.

Aber dennoch geht Ihr. Am Sonntag um 20.15 Uhr ermittelt Ihr noch einmal. „Am Ende des Tages“ heißt die Folge. Wie passend. Dann übernehmen Joachim Król und Nina Kunzendorf. Sie treten kein leichtes Erbe an.

Autor:  Georg Leppert
Datum:  2 | 9 | 2010
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