Adem Ali G. trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift „Ergänzungsspieler“. Das ist originell, aber unpassend, denn er sitzt zwar auf der Bank – allerdings auf der Anklagebank des Landgerichts. Wo er sich wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung verantworten muss.
Am 26. Februar dieses Jahres kommt der 47-Jährige, der als Küchenhilfe im Altenheim arbeitete, mal wieder besoffen nach Hause. Seine Frau lässt ihn nicht rein, was daran liegen könnte, dass er sie durch die Tür als „Schlampe“ und „Hurentochter“ anbrüllt, die ihn betrogen habe und die er jetzt umbringen werde. Er tritt die Tür ein, packt seine Frau, zerrt sie an den Haaren in die Küche, nimmt dort ein Obstmesser und sticht auf sie ein. Er trifft sie mehrfach in Gesicht, Hals, Rücken. Sie schreit, eine Nachbarin eilt zur Hilfe. Sie wird von G. niedergeschlagen, aber dessen Ehefrau kann sich retten.
Floskeln der Entschuldigung
Jetzt greift sich der Familienvater die gemeinsame achtjährige Tochter. Er nimmt sie in den Schwitzkasten, hält ihr das Messer an den Hals. Eine Schlampe sei sie, eine Hure wie ihre Mutter, und statt ihrer werde er jetzt sie töten. Ein weiterer Nachbar eilt hinzu, verhindert das Schlimmste, anschließend ringen mehrere Polizisten den sich heftig wehrenden G. nieder. Seitdem sitzt Adem Ali G. im Knast von Weiterstadt.
Vor Prozessbeginn heult er wie ein Schlosshund. Er hat ein elfseitiges Manuskript dabei, das er vorlesen wird. Ein Dolmetscher wird es vom Türkischen ins Deutsche übersetzen. Es ist ein langes Manuskript. Der Vortrag macht es noch länger, als es ohnehin schon ist.
Es tue er ihm sehr leid, er habe die Kontrolle verloren, er wolle sich bei allen Menschen auf der Welt entschuldigen. Auch Floskeln wollen übersetzt sein.
„Ich habe meine Frau geheiratet, um eine glückliche Ehe zu führen, nicht um unglücklich zu sein.“ Dabei war er eigentlich eine Art Opfer von Zwangsheirat: „Nicht ich habe meine Frau gesucht und gefunden, sie und ihre Familie hat mich gesucht und gefunden.“ Doch von Anfang an stand diese Ehe unter keinem allzu guten Stern, denn im Hause G. ging es ganz offensichtlich drunter und drüber: „Meine Frau ist beispielsweise einmal, ohne meine Genehmigung einzuholen, mit ihrem Bruder nach Mannheim gefahren.“
Jetzt tue ihm das ja alles sehr leid, es solle auch nicht wieder vorkommen, „mit Trennung kann ich nicht mehr weiterexistieren“, er habe sogar versucht, sich im Knast selbst umzubringen. Er wolle alles wieder gutmachen. Das aber wolle er seiner Frau, die seitdem den Kontakt zu ihm abgebrochen hat, „von Angesicht zu Angesicht sagen: Ich will ihr versprechen, dass ich mich bemühen werde“.
Aber Mühe allein genügt manchmal nicht, und das mit dem Angesicht dürfte schwer werden. Im Gerichtssaal steht ein Fernseher: G’s Frau will nur dann als Zeugin aussagen, wenn ihr Mann nicht im selben Zimmer sitzt .
Der auf mehrere Tage angesetzte Prozess wird fortgesetzt.

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