Mit einer verbalen Entgleisung hat der Vorsitzende der Vereinigung der Akademikerverbände (VAV) Frankfurt-Rhein-Main, Günter Paul, auf die Proteste gegen das Treffen von Burschenschaften und Verbindungen in Darmstadt reagiert. „Ich habe keine Scheu, sie als lichtscheues Gesindel zu bezeichnen“, sagte Paul, der auch Präsident des hessischen Staatsgerichtshofs ist, am Samstagabend beim Rhein-Main-Kommers der VAV. Der CDU-nahe Richter meinte damit die Unbekannten, die in der Nacht zuvor das Darmstädter Orangeriegebäude verwüstet und besprüht hatten, in dem der Festakt begangen wurde. Die diffamierende Bezeichnung „lichtscheues Gesindel“ wurde früher, besonders im Nationalsozialismus, für Sinti und Roma gebraucht.
Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist einer der wenigen verbindungsstudentischen Dachverbände mit politischem Anspruch. Die 120 Mitgliedsbünde in Deutschland und Österreich bewegen sich teils unverhohlen am rechten Rand. Mitglieder müssen männlich sein, dem deutschen „Volkstum“ angehören – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit.
Um weiteren Imageschaden wegen rechtsextremer Vorkommnisse in Verbindungshäusern abzuwenden und Austritte zu verhindern, musste sich die DB auf dem Burschentag 2010 zu demokratischen Grundrechten bekennen.
Die Alte Darmstädter Burschenschaft (ADB) Germania bot in der Vergangenheit auf ihrer Webseite einen Download der als antisemitisch kritisierten Rede des Ex-CDU-Politikers Martin Hohmann an sowie einen Link zu der zeitweilig unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehenden rechten Zeitung Junge Freiheit. (jft/frs)
„Wir sind als waschechte Demokraten nicht gegen Demonstrationen, aber jemand der Scheiben einschmeißt und Dinge beschädigt, ist kriminell“, sagte Paul. Nach Polizeiangaben hatten Unbekannte in der Nacht zum Samstag gegen die von der Stadt vermietete Orangerie mit Farbe gefüllte Gläser geworfen. Hierbei gingen zehn Scheiben des im 18. Jahrhundert als Winterquartier für die landgräflichen Orangenbäume gebauten Hauses zu Bruch. Die Fassade sowie 50 weitere Fenster und die Parkettböden im Innern wurden mit Farbe bespritzt. An die Außenwände hatten Unbekannte mehrfach die Aufschrift „Keinen Raum mehr für Burschenschaften“ gesprüht. Den Schaden bezifferte die Polizei auf 50.000 Euro.
Während der Feier zog ein Tross von rund 100 Demonstranten um die Orangerie. Die Polizei schirmte sie weiträumig ab. An dem Fest nahmen rund 200 Verbindungsmitglieder teil, darunter auch Gruppen der Dachorganisation Deutsche Burschenschaft (DB), die regelmäßig wegen rechtsextremer Vorfälle in der Kritik steht.
Die Demonstranten skandierten „Rassistisch, sexistisch, das ist die Deutsche Burschenschaft“. Sie trugen Banner mit Aufschriften wie „Gegen Eliten und Männerbünde – Für die herrschaftsfreie Gesellschaft“. Zu dem Protest hatten unter anderem antifaschistische Gruppierungen, die Jusos, die Linke und die Fraktion Uffbasse Darmstadt aufgerufen. Auch einzelne Grünen-Politiker nahmen teil. Der Grünen-Stadtverordnete Yücel Akdeniz sagte der Frankfurter Rundschau, sein Protest richte sich insbesondere gegen die Teilnahme der DB.
Farben, Wichs und Fechtwaffen
Offizielle Vertreter der Stadt waren, wie angekündigt, nicht erschienen. Der rot-grün-gelbe Magistrat Darmstadts war sich in der Sache uneinig. Einzig die FDP verteidigte die Entscheidung des städtischen Eigenbetriebs, die Veranstaltung nach Darmstadt zu holen, nachdem sie nach öffentlichen Protesten in den Räumen der Industrie- und Handelskammer Frankfurt abgeblasen worden war. Unter den Kommers-Gästen saßen die beiden FDP-Stadtverordneten Ralf Arnemann, selbst einer Verbindung angehörig, sowie Leif Blum, auch Mitglied des hessischen Landtags. Ministerpräsident Volker Bouffier und Landtagspräsident Norbert Kartmann (beide CDU) ließen ihre Grüße überbringen.
Die rund 200 Kommers-Teilnehmer kamen farbentragend, teils in vollem Wichs und mit Fechtwaffen. Abgesehen von seiner verbalen Entgleisung war VAV-Vorsitzender Paul darum bemüht, der Veranstaltung keinen radikalen Touch zu geben. „Wir sind den Chargierten dankbar, dass sie gegen allen Erwartungen keine Faschisten oder Rechtsextremisten sind“, sagte er ironisch in Anspielung auf die Demonstration. Chargierte sind junge, studierende Fest-Repräsentanten in Uniform. In den Verbindungen werde „Toleranz und Weltoffenheit“ gelebt. „Noch so viel Grölen vor der Tür kann die Fakten nicht ändern“, sagte Paul. Nachdem die Männer auf die wenigen Frauen im Saal ihr Glas erhoben hatten, sagte er: „Ich finde es sehr erfreulich, meine Herren, wie antisexistisch Sie sich verhalten haben.“
Der Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA), der am Wochenende zum Akademikertag und Kommers nach Frankfurt und Darmstadt geladen hatte, hatte per Presseerklärung auf die Rechtsextremismus-Vorwürfe reagiert. Er verwies auf die „Hambacher Erklärung“ aus dem Jahr 2007. Darin heiße es: „Das deutsche Korporationsstudententum steht (…) für die freiheitlich demokratische Grundordnung unseres Landes und jeder, der nicht bereit ist, sich hierzu zu bekennen, hat in den Reihen der Korporationsstudenten nichts verloren.“
Auf die Frage, warum sich der CDA nicht von den umstrittenen DB-Gruppen trenne oder sie nicht mehr einlade, sagte CDA-Sprecher Gerhard Serges der FR: „Wenn wir die Deutschen Burschenschaften fallen ließen, würden die Demos trotzdem nicht aufhören. Die Forderungen der Demonstranten lauten ja: Alle Verbindungen auflösen.“
Derweil zogen die meisten Protestierenden weiter – zur Castor-Demo an den Bahngleisen. Drinnen referierte derweil Mario Becker, Archäologe und Museumspädagoge des Saalburgmuseums Bad Homburg, über den „Untergang des römischen Reiches“. Gewürzt mit einem klaren Bekenntnissen pro Europa und pro Kennedy – entschieden kontra Hitler.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Facebook | Twitter überregional | Google+