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Sanierungsgebiet Sachsenhausen: Verfall als Chance

Wie der schwäbische Millionär Kilian Bumiller das Apfelweinviertel Alt-Sachsenhausen verändern möchte: von den Kellern her nach oben. Bumiller findet Keller klasse. Und dann sind noch einige Millionen Euro, die es auch braucht.

Alt-Sachsenhausen
Alt-Sachsenhausen
Foto: FR/Arnold

Auf der schwarzen Schiefertafel werden mit weißer Kreide die Attraktionen vom „Hoppla-Club“ angepriesen: „Rum-Cola, Rosa oder Ficken, je 1,50 Euro“. Vor dem schmalbrüstigen Häuschen Große Rittergasse 81 im Kneipenviertel Sachsenhausens steht der hessische Landeskonservator Christoph Mohr und spricht leicht angeekelt von „Gastronomie unterster Kategorie, auf die man weitgehend verzichten kann“. Leider sei das Fachwerkquartier so heruntergekommen, „dass die Frankfurter es nicht gerne betreten“.


Und das, obwohl es „einen Ersatz für die untergegangene Altstadt“ darstelle, mit Original-Bausubstanz aus dem 17. und 18. Jahrhundert und „Resten aus dem späten Mittelalter“. Aber leider stünden viele obere Geschosse hier leer, da gebe es „nur tote Tauben und Dreck“. Mit Blick auf den hessenweiten „Tag des Offenen Denkmals“ am 12. September präsentiert Mohr „den wichtigsten Investor“, der jetzt antrete, dass zu ändern. Katrin Bek, Sprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege, nennt ihn gar „eine Attraktion“. Und es tritt auf: Kilian Bumiller, Unternehmer aus dem Schwäbischen – das Motto des 49-Jährigen: „Wir beschäftigen uns mit Gebäuden, wo Leute sind.“

Tag des offenen Denkmals

500 Veranstaltungen von Eigentümern, Initiativen, Fördervereinen, Gemeinden oder Architekten gibt es hessenweit am „Tag des Offenen Denkmals“, Sonntag, 12. September. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Kultur in Bewegung – Handel, Reisen und Verkehr“. Das Landesamt für Denkmalpflege hat aus diesem Anlass eine „Denkmal-Zeitung“ herausgegeben, die kostenfrei in allen Bibliotheken, Museen, Tourismusbüros und Lotto-Annahmestellen erhältlich ist.

Hier eine Auswahl aus Angeboten in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet: In Frankfurt ist unter anderem die Alte Bethlehemkirche aus dem Jahr 1700 an der Ginnheimer Hohl von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Das Alte Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität, Georg-Voigt-Straße 14-16, nach dem Entwurf von Baumeister Ferdinand Kramer 1957 errichtet, ist von 11 bis 13 Uhr zu besichtigen.

Das Ernst-May-Haus, errichtet 1928 von Stadtbaumeister Ernst May, Im Burgfeld 136, in der Römerstadt, ist von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr zu sehen. In Alt-Sachsenhausen sind Fachwerkhäuser zu besichtigen: Kleine Rittergasse 13,19 und 21 (siehe nebenstehender Bericht) von 11 bis 13 Uhr.
In Bockenheim steht die St.-Jakobskirche mit den Kirchenfenstern von Charles Crodel von 10 bis 12.30 Uhr offen, Kirchplatz 9, um 10 Uhr beginnt ein Gottesdienst.

Die Villa Mumm, erbaut 1902-1904 durch die gleichnamige Familie , Richard-Strauss-Allee 11 in Sachsenhausen, ist von 10 bis 17 Uhr zu besichtigen, stündlich gibt es Führungen. Das Wöhlerhaus, erbaut im späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert als Hauptgebäude des Hofgutes der Grafen Solms-Rödelheim, Assenheimer Straße 15, ist von 12 bis 18 Uhr zu sehen.

In Wiesbaden ist unter anderem das Historische Badehaus des Hotels „Schwarzer Bock“ aus dem Jahr 1930 zu sehen, Kranzplatz 12, von 10.30 Uhr bis 16 Uhr, außerdem von 14 bis 18 Uhr die „Erbenheimer Warte“, erbaut 1497als Schutz „vor einfallenden räuberischen Horden“und die Evangelische Bergkirche, erbaut 1877-79, Lehrstraße 9, von 9 bis 17 Uhr.

In Bad Homburg ist unter anderem das Heilige Grab am Untertor an der Saalburgstraße zu sehen, von 9 bis 18 Uhr. Hofheim bietet den Katzenlückstollen von 1913, am Zimmerplatz, zu begehen von 9 bis 18 Uhr. (jg)


Der untersetzte Mann mit dem Regenschirm bekennt seine Liebe zu Kellern – und die gibt es hier reichlich. Und gleich geht es steinerne Treppenstufen hinab. Bumiller freut sich über „ein Stück geklaute Gotik“. Der Vorbesitzer des „Hoppla-Club“ hat doch tatsächlich einen alten Torbogen in das Gewölbe eingebaut: „Spätes 15. Jahrhundert“, urteilt der Landeskonservator mit Kennerblick. „Den Müll raus, den Keller zugänglich machen“, das sind Bumillers erste Pläne. Die Gastronomie will er modernisieren, aber weiterführen.
Vier denkmalgeschützte Häuser im Kneipenviertel gehören ihm, en passant verrät er der FR, dass er wohl zehn Millionen Euro insgesamt investiere, „sonst lohnt es sich nicht“. Den „Hoppla-Club“ hat er „ganz aktuell gekauft“. Das Motto des Schwaben: „Verfall ist auch eine Chance!“


Die Stadt Frankfurt und das Landesdenkmalamt, so berichtet Mohr, unterstützten diese Aktivitäten sehr. Stolz führt der Kaufmann den Neubau Kleine Rittergasse 4 vor. „Kennen Sie eigentlich den Frankfurter Gruß unter Architekten?“, fragt er lachend und formt mit den Händen ein Dreieck. Immer verlange die Stadtplanung von den Bauherren ein Giebeldach, so auch bei diesem Projekt. „Da haben wir einfach gesagt, das machen wir nicht.“ Er setzte sich durch.

Den Ort wachküssen


Oben wartet ein gerade fertiggestelltes 135-Quadratmeter-Loft mit Balkon, von dem aus der Investor weit über Sachsenhausen blickt. „Mit Schiefer belegtes Dach, Regenwassernutzung in den Toiletten“, zählt Bumillers Architekt Volker Crummenauer auf. „So hochwertiges Wohnen gab es bisher im Kneipenviertel nicht“, bescheinigt Landeskonservator Mohr. Den Mietpreis nennt der Bauherr auch auf Nachfrage nicht: „Halbes Westend-Niveau“ sagt er nur. Ist das also die Zukunft von Alt-Sachsenhausen, die teure Aufwertung? Der Denkmalpfleger schwärmt: „Dieser Platz muss wachgeküsst werden“ und meint den kleinen Paradiesplatz, der von halbverfallenem Gemäuer umstellt ist. Faulende Holzbalken liegen frei, überall haben sich Tauben in den leerstehenden Bauten eingenistet. Plastikplanen überziehen offene Dächer.


Bumiller gibt zu: „Na ja, ich bin nicht von allen Nachbarn begrüßt worden.“ Schließlich sei ja klar, dass der heutige Zustand der Billig-Gastronomie und die von ihm angestoßene Veränderung „irgendwann nicht mehr zusammenpassen“. Der Höhepunkt der 90minütigen Tour ist unzweifelhaft der „Gorjelschwenker“, Kleine Rittergasse 21. Seit Jahren steht die Traditionskneipe leer, seit kurzem gehört sie Bumiller. Er führt die Gäste über drei Stockwerke nach oben, durch einen halbdunklen Albtraum von Plüsch und holzgetäftelten Bars, samtausgeschlagenen Sitzen. Oben wartet ein original neogotischer Altar an einer Stirnwand, unten hängt eine überdimensionale Glocke, mit der Trink-Runden eingeläutet wurden. Es riecht intensiv, eine Mischung von Schimmel, abgestandenem Bier und altem Zigarettenrauch. Architekt Crummenauer zeigt einen „radikalen“ Umbau-Entwurf: darauf ist die Gaststätte außen mit modernen blaugrauen Fliesen verkleidet, „wie ein Bembel“.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  9 | 9 | 2010
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