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Höchst: Virtuelle Synagoge

Rekonstruktion des Innern der Synagoge.
Rekonstruktion des Innern der Synagoge.
Foto: Marc Grellert

Etwas deplatziert wirken sie im ersten Moment schon. Wie aus dem Boden gewachsen, stehen sie da: zwei stählerne Pfosten, auf die jemand Fernrohre gepflanzt hat. Dabei ist der Ettinghausenplatz, jener kleiner östliche Ausläufer des Höchster Marktes dafür denkbar ungeeignet. Auf drei Seiten umgeben von dichter Bebauung, bietet der Ort wenig Möglichkeit, die Blicke in die Ferne schweifen zu lassen. Doch das ist auch nicht Sinn dieser Installation. Vielmehr soll sie einen Blick in die Vergangenheit ermöglichen – in eine Zeit als an der Stelle des heutigen Platzes noch die Höchster Synagoge stand.

Von einer „neuen Form kulturellen Gedächtnisses“, spricht Ortsvorsteher Manfred Lipp am Mittwochmittag anlässlich der Installation. Eine Form, die durch moderne Computertechnologie möglich wird. Denn wer durch die Sehschlitze der beiden Ferngläser schaut, blickt auf virtuelle, dreidimensionale Simulationen – sowohl von der Fassade des einstigen Gotteshauses als auch ihres Innenraums. Damit solle der „kulturelle Verlust“ verdeutlicht werden, den der Terror der Reichspogromnacht verursacht habe, erklärt Architekt Marc Grellert von Architectura Virtualis, der die 3D-Simulation entwickelte.

Virtuelle Rekonstruktion der Höchster Synagoge.
Virtuelle Rekonstruktion der Höchster Synagoge.
Foto: Marc Grellert

In Höchst ist der Verlust umfassend. Nur eine Gedenktafel erinnerte bis Mittwoch an die 1905 von der jüdischen Gemeinde errichtete Synagoge. Bei ihrer Einweihung hatte der damalige Höchster Bürgermeister Viktor Palleske der Gemeinde noch versprochen, dass „alle Höchster“ zu ihr stehen würden. „Ein Versprechen, das nicht eingehalten wurde“, wie Michael Lenarz vom Jüdischen Museum feststellen muss.

Am Morgen des 10. November 1938 fiel auch die Höchster Synagoge dem Nazi-Terror zum Opfer. Geplündert und mehrfach in Brand gesteckt, wurde sie kurze Zeit später auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen. An ihrer Stelle entstand ein Hochbunker, der heute zynischerweise unter Denkmalschutz steht. Die Shoa überlebten nur knapp die Hälfte der einstmals 200 Höchster Juden. „An Orten wie diesem“, sagt Kulturdezernent Felix Semmelroth, „wird einmal mehr sinnfällig, dass diese Vergangenheit nicht vergeht.“

Blick in die Vergangenheit.
Blick in die Vergangenheit.
Foto: FR/Schüler

Die Erinnerung an diese Vergangenheit aufrecht zu erhalten, ist seit 30 Jahren das Ziel der Initiative zum Gedenken an den Novemberpogrom 1938. Aus ihren Reihen stammt die Idee, den Platz vor dem Hochbunker nach der bekannten jüdischen Familie Ettinghausen zu benennen. Und auch an der virtuellen Rekonstruktion war die Initiative maßgeblich beteiligt, indem sie unter anderem Kontakt zu Zeitzeugen vermittelte. „Ohne ihre Erinnerungen wäre die Rekonstruktion des Innenraums nicht möglich gewesen“, betont Marc Grellert.

Beim virtuellen Wiederaufbau musste sich der Architekt – der seit 1994 mit Mitarbeitern der TU Darmstadt an Computermodellen zerstörter Synagogen arbeitet – neben Bauplänen und Fotos, vor allem auf die Aussagen derjenigen verlassen, die tatsächlich noch in der Höchster Synagoge gebetet haben. Denn während von der Fassade noch Fotos existieren, gab es vom Innenraum keinerlei bildliches Zeugnis. „Am Anfang hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir eine so detaillierte Darstellung hinbekommen“, sagt Grellert. Den Sinn seiner Arbeit sieht der Architekt darin, die Vergangenheit erfahrbar machen. Vielen Orten des Gedenkens fehle es an Anschaulichkeit.

Dafür, dass das Gedenken am Ettinghausenplatz noch anschaulicher wird, möchte sich in Zukunft die Initiative zum Gedenken an den Novemberpogrom starkmachen. Im Zuge des für 2013 geplanten Umbaus des Platzes soll unter anderem darüber nachgedacht werden, die Umrisse der Synagoge auf dem Platz nachzuzeichnen und den Bunker für eine Dauerausstellung zu öffnen.

Autor:  Danijel Majic
Datum:  10 | 11 | 2010
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