Die Frankfurter Schulentwicklung lässt sich für Dieter Sauerhoff, Sprecher des Staatlichen Schulamts, salopp unter ein Motto stellen: Frankfurt wächst. Und das gilt angefangen von Schülerzahlen über Lehrerstellen bis hin zu Gymnasialklassen und Privatschulen. Und: auch die Aufgabenstellungen des Staatlichen Schulamts nehmen zu, wie Amtsleiterin Silvia Bouffier-Spindler sagt. Die größte Herausforderung in der Schulentwicklung sieht sie im Ausbau der Ganztagsschule – für sie ein Paradigmenwechsel des deutschen Schulsystems: „Bisher war Schule von 8 bis 13 Uhr, die Gestaltung von Leben in der Schule, die Kooperation von unterschiedlichen Akteuren muss erst noch gelernt werden.“
Und finanziert: Die von Kultusministerin Dorothea Henzler gefeierten 150 weiteren Ganztagsangebote im Land seien allenfalls eine bessere Mittagsbetreuung, rügt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das Gros der Schulen sei enttäuscht ins neue Jahr gestartet, weil ihre Anträge auf Ganztagsschule abgelehnt wurden. Bouffier-Spindler relativiert: „Stadt und Land investieren viel in die Ganztagsbetreuung, aber der Ausbau hinkt hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurück.“ Dass die Stadt die 15 Lehrerstellen für Ganztagsangebote, die sie in den nächsten drei Jahren frei verteilen kann, vorwiegend an Grundschulen einsetzt, nennt Bouffier-Spindler richtig: „Der neue Geist muss von unten herauf entstehen.“
Öffentliche Schulen besuchen aktuell 57200 Kinder in der Stadt. 200 mehr als im Vorjahr. 5739 sind Schulanfänger.
5300 Lehrkräfte sind unbefristet auf 4730 Stellen beschäftigt. Dazu 418 Pädagogen im Vorbereitungsdienst. 630 befristet Beschäftigte teilen sich als Vertretungslehrer 314 Stellen.
Beim Wechsel in Klasse 5 hat gut die Hälfte aller Viertklässler ein Gymnasium gewählt. 1194 Integrierte Gesamtschulen, 906 Realschulen, 139 Hauptschulen, die sich als Mittelstufenschulen profilieren sollen. In Frankfurt liegt noch kein Antrag vor. 257 Kinder besuchen Förderstufen, 156 Förderschulen.
Ganztagsangebote (offen oder gebunden) gibt es 15, pädagogische Mittagsbetreuung bieten 34 Schulen.
34 Privatschulen zählt die Stadt. (ana)
Ein Ansatz, den auch die meisten Privatschulen in der Stadt verfolgen. Seit 2005 sind 19 in Frankfurt gegründet oder durch neue Schulformen erweitert worden. 34 Privatschulen gibt es insgesamt – weitere kommen hinzu, sagt Bouffier-Spindler: Drei Anträge auf neue Grundschulgründungen, drei Konzepte für Erzieherausbildung 1iegen bereits im Schulamt zur Prüfung, ehe es das OK aus Wiesbaden gibt. Ebenso ein Antrag zur Erweiterung um Sekundarstufe I und Gymnasium.
Gymnasien sind auch bitter nötig, wie die Zahlen des Schulamts darlegen: Etwa 51,4 Prozent der 4850 Viertklässler sind in diesem Schuljahr aufs Gymnasium gewechselt, sagt Dieter Sauerhoff, Dezernent für Gymnasien. Weil das Angebot weit hinter der Nachfrage herhinkte, hatten Staatliches Schulamt und Stadt acht zusätzliche Eingangsklassen an sieben Gymnasien vereinbart. „Wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenzen“, sagt Silvia Bouffier-Spindler, die bereits mit ihren Fachleuten und der Stadt über Lösungen für das nächste Schuljahr grübelt. Sogar ein weiteres, neues Gymnasium schließt sie nicht aus.
Denn Frankfurt wächst, wie auch Vize-Amtsleiter Gerhard Ebert mit Zahlen belegt. 57200 Jungen und Mädchen besuchen zurzeit eine öffentliche Schule – 600 mehr als im Vorjahr. Das hat Folgen fürs Personal: 185 Lehrerstellen hat das Land zu Schulbeginn in Frankfurt neu besetzt, die Zuweisung liegt um rund 70 Stellen höher als im Vorjahr, sagt Ebert. Damit sei eine Abdeckung zwischen „99 und 100 Prozent“ erreicht, auch wenn Mathe-, Physik- und Chemielehrer für Gymnasien sowie Haupt- und Realschullehrer Mangelware seien. Es sei ein zähes Geschäft, sie zu finden. „Wir sind gerade mitten im Kassensturz.“ Für die GEW steht die Bilanz schon fest: Die zusätzlichen Stellen seien lediglich steigenden Schülerzahlen geschuldet, für eine „seriöse Unterrichtsgarantie“ brauche es eine Lehrerabdeckung von 110 Prozent, Henzler habe 105 Prozent avisiert – und Wort gebrochen.
Weiteres Personal werden die Schulen künftig aber auch brauchen, um die Behindertenrechtskonvention und das Recht auf gemeinsamem Unterricht umzusetzen. Für Herbst hat das Land sein Konzept angekündigt, wie das gemeinsame Lernen im Schulgesetz verankert und umgesetzt werden soll. Zurzeit besuchen 389 Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule. Das Gros, 2292 Kinder, werde an Förderschulen unterrichtet.
60 Anträge auf gemeinsamen Unterricht gingen beim zuständigen Dezernenten Rainer Kilian ein. Eltern haben laut Gesetz freie Wahl, aber in der Stadt gebe es nur 46 Integrationsplätze. Vor allem im Süden der Stadt fehlt ein Angebot, sagt Kilian. Eine Elterninitiative dringe auf Abhilfe. Die Sorge, dass künftig nur noch Beratungslehrer zwei Stunden pro Woche für gemeinsamen Unterricht bereit stehen sollen, schließt Kilian aus. Die Praxis, dass ein Förderschullehrer 19 Stunden pro Wochen zusätzlich in der Klasse ist, stehe nicht zur Debatte. Kilian rechnet damit, dass Förderschulen Lehrer abgeben müssen.
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