Tut das denn not? Dass wir übers Wetter schreiben? Na – schauen Sie mal aus dem Fenster. Hallo? Wir haben November! Ende November, wenn wir’s genau nehmen. Und die Sonne scheint. Seit Wochen. Auch heute soll es noch nicht regnen, sagen die Wetterfrösche. Umso besser – wenn’s schön ist, schreiben wir nämlich am liebsten übers Wetter. Grund genug also, die Frage zu stellen: Kein Tropfen Regen in Rhein-Main – wen stört’s?
Die Fußballfreunde jedenfalls stört’s nicht. Denn was gibt es Schöneres als ein packendes Match auf trockenem, griffigem Geläuf? Ein packendes Match auf leicht feuchtem Geläuf, erklärt Andreas Bindrum, der Herr über den Rasen im Frankfurter Waldstadion.
„Im Spiel ist leicht feucht besser als ganz trocken“, sagt der Greenkeeper. Deshalb wird auch kurz vor dem Anpfiff stets gewässert. Wenn allerdings gerade kein Spiel ist, dann ist trocken besser. „Wenn weniger Niederschlag fällt, graben sich die Graswurzeln tiefer in den Boden – das erhöht die Widerstandskraft.“ Nur der Amateur-Kicker draußen auf dem knochentrockenen Ascheplatz leidet. Er freut sich über jeden Tropfen, der den harten Boden aufweicht.
Reifenwechsel ist im Oktober dran
Die Autowäscher stört’s auch nicht. „Wie immer“ sei der Andrang, heißt es aus der Großanlage Mr. Wash an der Hanauer Landstraße. Ob’s regnet, schneit oder strahlt: Die Leute waschen offenbar nach Zeitplan. „Wie immer“ heißt es auch bei Pitstop an der Friedberger Landstraße auf die Frage, ob dieses Jahr vielleicht später die Reifen gewechselt werden. Nein.Winterreifen aufziehen ist im Oktober dran. Das Wetter spielt da wohl keine Rolle.
Stört’s etwa die Eisverkäufer? Die sowieso nicht. Normalerweise verkaufen sie Stracciatella, Vanille & Co. bis Ende Oktober – diesmal ging es etwa beim Eiscafé Lido in Eschersheim bis zum 10. November eiskalt zur Sache. Inzwischen treibt die Außentemperatur jedoch die Kundschaft eher in Richtung Cappuccino. Was aber auch keinen stört.
Stört’s denn die Natur? Oh ja, sagt die Kollegin, die voriges Wochenende am Kühkopf bei Riedstadt unterwegs war und erschüttert ob der Trockenheit im größten hessischen Naturschutzgebiet. Oh nein, hält Wolfram Hammes, der Leiter des Forstamts Groß-Gerau, dagegen: „Richtig ist: Der Rhein führt gerade wenig Wasser – aber damit muss die Natur leben, und damit lebt sie auch.“ Dass es sehr feuchte und sehr trockene Perioden gebe, sei typisch für das Überschwemmungsgebiet im Süden der Rhein-Main-Region. Nun sei eben Trockenzeit – praktischerweise, denn: „Der Wald braucht im Moment kein Wasser.“ Probleme gab es laut Hammes eher im Frühjahr, als es ebenfalls gar zu trocken für die Jahreszeit war. Doch dann kam der Sommer und brachte genug Regen. Diese Hoffnung setzt der Forstamtschef nun auch in den Winter, der die Wasserreservoirs im Boden auffüllen soll. „Es ist alles im Lot“, versichert er. „Jetzt können wir schön spazieren, in der Sonne, ohne Mücken – ist doch wunderbar.“
So. Aha. Aber die Stadtentwässerung. Die wird’s doch garantiert stören, wenn sich durch ihre schönen Abwasserkanäle nur noch morastige, stinkende Kloake schiebt. Eklige, vom Wassermangel eingedickte Pampe – „kein Problem“, unterbricht Werner Kristeller, technischer Betriebsleiter der Frankfurter Stadtentwässerung. „Es fehlt zwar Niederschlagswasser“, bestätigt er, aber zwei Faktoren helfen enorm: dass genug Leitungs- oder Brauchwasser die Fäkalien aus den Haushalten begleitet und die topografische Lage der Stadt. „Es gibt genug Gefälle, damit es gut fließt.“ In flachen Gebieten, etwa in Hannover und Umgebung, sei es schwieriger. Hier in Frankfurt aber: „Keine erhöhte Zahl von Beschwerden wegen Geruchsbelästigung.“
Ja, Himmelherrgott – stört sie denn überhaupt niemanden, diese Trockenheit? Im Zoo vielleicht? „Wir haben wunderbar viel Besuch, tolles Wetter – können nicht klagen“, sagt Sprecherin Caroline Liefke. Palmengarten? „Botanisch noch keine direkten Auswirkungen“, gibt Sprecher Sebastian Klimek durch. Wichtig sei es jetzt, die Pflanzen draußen zu gießen, um ihnen einen gewissen Wasservorrat mit in den Winter zu geben. Und weil die außenliegenden Wasserleitungen wegen der Frostgefahr schon abgestellt sind, müssen dafür längere Schläuche benutzt werden.
Die Landwirte ersehen endlich Regen
Na also – wenn das keine krassen Auswirkungen der Trockenheit sind! Aber Spaß beiseite: Es gibt natürlich neben den Hartplatzhelden noch andere Opfer der Wasserknappheit. Die Landwirte etwa warten auf Regen. Vier Wochen ohne einen Tropfen von oben – „so was haben wir noch nicht erlebt“, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den Sprecher des hessischen Bauernverbands, Bernd Weber. Um aber gleich hinterherzuschicken: Eine Katastrophe bedeute das für den Augenblick nicht.
Am Rhein dagegen, wo der Novemberpegel einen historischen Tiefststand erreicht hat, trifft es die Fährbetriebe hart – an mehreren Stellen mussten sie ihre Boote bereits am Ufer liegen lassen. Und der Edersee droben im Norden ist nur noch halb so voll mit Wasser wie sonst um diese Jahreszeit. Was machen die Leute bei dieser ungewöhnlichen Wetterlage? Wattwandern und Muscheln sammeln am Rhein, versunkene Ruinen suchen wie einst im Juli am Edersee.
Wen also stört’s? Der Verdacht wächst: Die Leidtragenden der Trockenheit sind mal wieder – ganz genau, die armen Fische. „Für die Lachse ist es ein Katastrophenjahr“, sagt Jörg Schneider, Biologe und Wegbereiter für wandernde Fische in Hessens Flüssen und Bächen: „Die Laichgewässer sind total trocken.“ Vor lauter Verzweiflung komme es zu „Notlaichungen“ in den Mündungsbereichen des Rheins, weil die Lachse nicht weiter den Fluss hinauf könnten, etwa in die Wisper. Dafür fehlt das Wasser. Ihr Nachwuchs für dieses Jahr ist wohl verloren. Und auch die Aale leiden.
Die Meerforelle hingegen, für die jüngst eigens die Wehre an der Nidda eins nach dem anderen heruntergelassen wurden, damit die Fische den Fluss hinaufwandern können, habe vielleicht noch eine Chance, sagt Fisch-Experte Jörg Schneider: dann, wenn es am Wochenende endlich losregnet.

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