Eisiger Wind pfeift durch die kleine Zeltstadt vor der Europäischen Zentralbank. Die Sturmböen rütteln an provisorisch befestigten Planen – zerren an Schildern und Plakaten. Doch den jungen Mann im Infostand des Frankfurter Occupy-Camps scheint die beißende Kälte nicht zu stören. Dick eingepackt in eine braune Wolldecke lächelt er den Passanten freundlich entgegen.
Chimmy, 25, gehört zu den rund zwanzig Protestlern, die auch bei aktuellen Tiefsttemperaturen von minus elf Grad noch im Camp übernachten: „Wir alle sind einfach noch näher zusammengerückt“, sagt er. Auch, dass Brot und Milch über Nacht im Kochzelt gefroren sind, trübt Chimmys Laune kein bisschen: „Irgendwann tauen die Lebensmittel auch wieder auf!“ Da die Wasserleitungen des Camps schon seit Tagen nicht mehr funktionieren, holen die Bewohner ihr Wasser nun vom nahen Kiosk oder dem Schauspielhaus gegenüber. Dort können die letzten verbliebenen Aktivisten auch die Toiletten benutzen.
Dämmmaterial, Wasserkocher und ganz viele Kerzen: Das seien die Dinge, die sie seit dem Kälteeinbruch am dringendsten bräuchten, sagt Chimmy. Doch auch wärmende Worte tun gut: „Ich finde es toll, dass ihr durchhaltet“, sagt eine Dame mit grauen Haaren und bleibt für einen Moment am Infopavillon stehen.
Der Kältebus fährt jede Nacht zwischen 20:30 Uhr und 4:30 Uhr durch Frankfurt und bietet Menschen ohne Wohnsitz Decken, warme Getränke und den Transport in eine der Notunterkünfte an.
Notunterkünfte gibt es im Ostpark, der Rudolfstraße, dem Sozialzentrum Burghof, im Diakoniezentrum Hauptbahnhof, und – nur für Frauen – in der Wärmestube Hagenstraße der Caritas sowie im Haus Lilith des Diakonischen Werks.
Unter der Nummer 069/431414 ist der Kältebus rund um die Uhr telefonisch zu erreichen.
Ab und zu kämen auch ein, zwei Obdachlose ins Camp, um etwas zu essen und sich aufzuwärmen, erzählt Chimmy. Doch die meisten der Wohnsitzlosen schlafen in diesen Tagen woanders: „Es gibt in Frankfurt noch rund 30 Personen, die am Mainufer, im Stadtwald oder in Parks im Freien übernachten“, sagt Sozialarbeiter Johannes Heuser. Weitere 90 verbrächten die Nächte in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache. Für alle, die kein weiches Bett in einer beheizten Wohnung haben, tourt seit Mitte Oktober ein Kältebus durch Frankfurt: Jede Nacht verteilen Obdachlosenhelfer heiße Getränke, Isomatten und Decken. Auch am Frankfurter Occupy-Camp hat der mobile Wärmespender in dieser Woche bereits Station gemacht. „Wir bekommen von allen Seiten Unterstützung“, sagt Chimmy und strahlt.
Ein Hauch von Wildnis durch lodernde Flammen
Am Abend entzünden die Bewohner der Zeltstadt eine Feuertonne. Inmitten hell erleuchteter Hochhausfenster und lärmenden Großstadtverkehrs versprühen die lodernden Flammen einen Hauch von Wildnis. Sechs junge Männer scharen sich um die wärmende Glut. Dichter Rauch verschwindet in der Dunkelheit über dem Camp. Aus den Boxen tönt spanische Musik.
Khalil Zidane tritt unruhig von einem Bein auf das andere; er streckt seine Hände in Richtung Flammen. Der 19-Jährige mit den Dreadlocks ist erst seit wenigen Tagen im Camp. Er sei von Berlin aus hergetrampt, erzählt Khalil, der im Frühjahr in der Landeshauptstadt sein Abitur machen möchte. Auch im Berliner Occupy-Camp am Spreeufer hat der Schüler eine Zeit lang gewohnt. Doch das hat die Polizei Anfang Januar geräumt.
Khalil weiß genau, warum er bei dem Protest mitmacht: „Ich bin darüber informiert, was auf unserer Welt so alles abgeht.“ Dann sprudeln die Worte aus seinem Mund: Er spricht von einer Milliarde Menschen, die hungern, über Flüchtlinge, den Raubbau an der Natur und deutsche Waffenexporte. „Da mache ich nicht mehr mit“, sagt Khalil ganz am Ende. Aber ist es nicht zu kalt, um im Zelt zu schlafen? „Nö“, sagt Khalil und grinst. „Im Zelt dort hinten ist alles voller Decken, Felle, Schlafsäcke und Menschen.“
Für den kommenden Tag haben einige Bewohner des Occupy-Camps eine „Free-Hug-Aktion“ geplant: Sie wollen Frankfurter Bürger in die Arme schließen. Völlig umsonst. Khalil freut sich schon jetzt: „Dabei wird uns bestimmt warm“, sagt er gut gelaunt. Noch ein Bewohner des Occupy-Camps tritt zu den anderen ans Feuer. Er flucht und reibt sich zitternd die Hände. Dann wirft er einen Blick auf seine frierenden Mitstreiter: „Na ja, wenigstens herrscht hier keine soziale Kälte.“ Bis die winterliche Kälte verfliegt, so lange können die Bewohner des Camps nur träumen. Träumen von einer besseren Welt – und dem Frühling.

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