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15. Dezember 2012

Wrestling „nGw Probation 7“: Guter böser Mann

 Von 
Bildermann: Jos Diegel in der Eulengasse.  Foto: Alex Kraus

Jos Diegel kann mit seiner Kunst und seinen Ideen verzaubern. Aber am Samstag Abend wird ihn das Publikum beschimpfen. Dann tritt er beim Wrestling als der selbstherrliche General Manager Mr. Van Vugt auf.

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Heute Abend will sich Mr. Van Vugt ehren und würdigen lassen. Und die wütende Menge wird ihn dafür beschimpfen. Denn Mr. Van Vugt ist unbeliebt. Sehr unbeliebt. Aber dazu später mehr.

Eigentlich ist Mr. Van Vugt alias Jos Diegel ein sehr sympathischer Mensch, der Interessantes zu erzählen hat. Neulich sollte er bei der Pecha-Kucha-Night einen Vortrag halten. Über Vitalität. Den musste er absagen. Aus Krankheitsgründen. Stundenlang könnte man sich jetzt mit dem 30-jährigen Offenbacher darüber unterhalten, was das heißt, aus Mangel an Vitalität einen Vortrag über Vitalität absagen zu müssen, und es würde nie langweilig werden.

Aber das geht nicht, weil es noch sieben Millionen weitere Themen gibt, über die man sich mit Jos Diegel unterhalten möchte. Film, Musik, Malerei, Wrestling, Kreativität ... Wobei: Kreativität – das ist bei Jos Diegel so eine Sache.

„Kreativität ist ein Problemwort“, sagt er und nimmt einen Schluck Kaffee im Frankfurter Ausstellungsraum Eulengasse, der gerade einige seiner Werke unter dem Titel „Jos ist anders Tour 2012“ zeigt. Künstlersein habe sicher mit Kreativität zu tun, aber doch auch viel damit, die Gesellschaft zu verändern, mit Projekten wie seiner „AG Wohlfahrt 2010“ zum Thema Abschiebung im Kunstverein Familie Montez.

Zu viele Leidenschaften für eine Visitenkarte

Künstlersein beginnt schon mit der Frage, was man auf seine Visitenkarte schreibt. Diegel könnte schreiben: Film, Video, Malerei, Theater, Installation, Situationen, Intervention, Medien und, und, und. „Aber je mehr du da draufschreibst, desto mehr sieht es aus, als könntest du gar nix.“ Konsequenterweise hat Jos Diegel seinen Namen auf seine Visitenkarte geschrieben. Und sonst gar nix.

Sportsmann: Mr. Van Vugt (hinten) beim Wrestling.
Sportsmann: Mr. Van Vugt (hinten) beim Wrestling.
 Foto:  M. Graetzer

In der Eulengasse sieht man ja, was Jos Diegel so macht: Bilder etwa, mit dickem bunten Farbauftrag, großflächige Stoffbahnen – und Filme, die ihn bei der Arbeit zeigen. Wie er die Stoffbahnen bekleckst, wie er sie mit großen Lettern beschreibt, wie er die Schrift wieder übertüncht. Oder wie er auf der Frankfurter Musikmesse von einem Stand zum anderen pilgert auf der Suche nach einer Band, die mit ihm als Sänger das Lied „My Gentrification“ spielt, in Abwandlung des Who-Klassikers „My Generation“. Der Versuch: kreativ gescheitert – daran, dass niemand beim Experiment mitmachen will. Wie sich die coolen Musiker herausreden („Du, sonst bin ich zu jedem Scheiß bereit, aber ...“), auch das ist ein filmisches Kunstwerk. Mit Happy End: Im Juni hat er das Lied doch noch gesungen, live vor Publikum.

Schon 2005 hatte Jos Diegel eine Band gegründet: Beat?less! Es gab Fotos, Videos, Shirts von der Musikgruppe – nur keine Musik. Eine schöne Parabel auf unsere Zeit, in der alles Künstlerische vereinnahmt, ausgeschlachtet und gemolken wird, sobald es populär ist, nur um die ursprüngliche Kunst schert sich keiner. „Man kann nicht alles gut oder richtig machen“, sagt Diegel, „man muss probieren, keine Angst vor dem Scheitern zu haben.“ So gelingt ihm viel. Kunstpreise und Stipendien reihen sich in seiner Vita, zuletzt der Preis der Frankfurter Künstlerhilfe zu deren 30-jährigem Bestehen samt Ausstellung in der Städelschule im November.

Der selbstherrliche General Manager Mr. Van Vugt

In Offenbach geboren, holte sich der Deutsch-Niederländer seine Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung. Hat er da malen gelernt? „Da habe ich Malerei zu denken gelernt. Das Technische schafft man sich selbst drauf.“ Im März präsentierte Diegel beim Lichter Filmfest Frankfurt International seinen ersten Langfilm „Kein Heldentum und keine Experimente – Wir rufen gerne ein Taxi! ... Taxi! ... Taxi!“ Damit war er zum Hessischen Filmpreis eingeladen, auch in Salzburg und Berlin, der Trailer war sogar auf der Berlinale zu sehen. In diesem Jahr führte Diegel die Live-Kamera in René Polleschs Theaterstück „Wir sind schon gut genug“ am Schauspiel.

Und zu allem Überfluss engagiert er sich noch beim Wrestling: jener Show, gemischt aus Sport und Unterhaltung. Da tritt er seit fünf Jahren unter dem Namen General Manager Mr. Van Vugt auf – nicht als Kämpfer, sondern als selbstherrlicher Chef. Er hält Reden, greift in die Kämpfe ein und lässt sich dafür vom erbosten Publikum ausbuhen. „Ich bin auch schon auf die Matte geschmissen worden“, sagt er. „Aber um selbst zu kämpfen, habe ich viel zu viel Respekt vor dem, was die da machen. Das muss man ernsthaft betreiben.“ Auch mit Ironie? „Nein, das ist keine Ironie. Eher Reflexion über die Gesellschaft an sich. Eine multiflexible Soap Opera.“

Termine: Wrestling „nGw Probation 7“ am heutigen Samstag, 19 Uhr, SGS-Halle, Westerbachstraße 274a (Frankfurt-Sossenheim). www.ngw-wrestling.de
Ausstellung „Energie“, Ausstellungsraum Eulengasse, Seckbacher Landstraße 16 (Frankfurt-Bornheim), noch bis 20. Januar. www.josdiegel.de

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