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Frankfurt
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22. Oktober 2011

Zweite Demonstration von Occupy-Frankfurt: Punks und Papas reichen sich die Hand

 Von Timur Tinç und Verena Hölzl
Die Demonstranten kamen mit Schildern und Plakaten, um allgemein mehr Gerechtigkeit in der Welt einzufordern.  Foto: dapd

Die Veranstalter hielten sich mit großen Erwartungen an die zweite Occupy-Frankfurt-Demonstration vorsichtig zurück. Das wäre nicht nötig gewesen. Denn in Frankfurt gingen wieder mindestens 4000 Menschen auf die Straße, so die Schätzung der Polizei.

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Sie keucht in einem beigen Anorak vorm Demonstrations-Truck her und man wundert sich ein wenig, wie sie es schafft. Gisela Krause ist 69 Jahre alt und tut sich mit dem Laufen schon etwas schwer. Nichtsdestotrotz: Wenn für eine so wichtige Sache auf die Straße gegangen wird, dann will sie dabei sein. Die wichtige Sache ist die Bewegung, die sich so schwer fassen lässt. Unter dem Label "Occupy" geht man in aller Welt aus Protest gegen die Übermacht des Finanzwesens auf die Straße oder besetzt einzelne Plätze - das ist der einzige Konsens, den es momentan gibt.

Auch diesen Samstag demonstrierten wieder Tausende. In Frankfurt schätzte die Polizei sie auf 4000, die Veranstalter sprechen von 6000. In Berlin, Köln und Düsseldorf waren jeweils etwa 1000 Menschen unterwegs.

"Es sind heute weniger linke Fahnen hier unterwegs", meint Gisela Krause. Che Guevara und solche Sachen, davon will sie nichts wissen. Und dennoch: Es war - wie auch schon vor einer Woche - für jeden Protest-Geschmack etwas dabei: gegen die Atomkraft und den Klimawandel, für ein anti-kapitalistisches System, gegen die Bänker oder den Hunger in der Welt.

Auch die Rechte wollte mitmischen

Auch die NPD habe im Internet angekündigt, sich in den Demonstrationszug mischen zu wollen. "Das geht gar nicht", meint Dominik Meyer von Occupy. "Hinausleiten", wie er es ausdrückte, mussten sie am Ende dann aber doch niemanden. Am Vormittag fand vor der EZB eine weitere Kundgebung statt, die nach eigenen Angaben, das "Aktionsbündnis Direkte Demokratie", angemeldet hatte.

Die Occupy-Demonstration startete am Rathenauplatz. So zerstreut die Bewegung noch immer sein mag, konnte man sich immerhin auf eine Hand voll Redner einigen. Sie durften stellvertretend für Occupy von einem offenen Truck zu den Demonstranten sprechen. Vorm goldenen Rednerpult stand zum Beispiel Jörn, der vielbeschworene Fondsmanager der Bewegung.

Vor der Deutschen Bank gab es eine Zwischenkundgebung. Game Over stand auf einem riesigen Leinentuch, das medienwirksam vor der Bank positioniert wurde und die Apparate der Fotografen nur so klicken ließ. Symbolisch wurde dann der Kapitalismus beerdigt, Philosophen zitiert oder provokative Fakten zur Ungerechtigkeit in der Welt in die Menge geworfen. Und die reagierte - bestimmt, aber ohne wilde Wut.

Um die Demonstranten bei Laune zu halten, trällerte Musik durch die Lautsprecher. Gegen die Kälte wurde zum Beispiel der Synapsenkitzler-Song gespielt, zu dem man sich bei Bedarf schütteln durfte. Die Polizei hat dabei nicht mitgemacht, auch wenn sie auf Motorädern teilweise in ausgelassenen Schlangenlinien vor dem Pulk herfuhr. Ihr Aufgebot war überschaubar. Offenbar wurde von vornherein mit einer friedlichen Demonstration gerechnet.

Auch Menschen wie Peter Meiser wurden nicht angefeindet. Er hält sich und seine sieben Mitstreier für die höflichsten aller Demonstranten. „Wir bedanken uns bei Frau Merkel, die anderen führen nur eine Neiddiskussion“, meint er. Dann schmunzelt Meiser, der Mann mit dem weißen Rauschebart und dem schwarzen Zylinder. Er hat einen Geldkoffer geschultert und trägt diesen an der Spitze des Demonstrationszuges in Richtung „Steueroase“ vor sich her.

Auffällig und symbolträchtig war auch ein goldenes Kalb, das Elisabeth Henn mitgebracht hat. „Seit neun Monaten ist es auf allen Demonstrationen dabei“, sagt die 53-Jährige. Ein Schülerprojekt sei es gewesen. „Es ist eine sehr sehr friedliche Bewegung“, freut sich Henn. Wirksamer könne der Protest allerdings nur werden, wenn Parteien und Organisationen mitmachen würden, findet die Lehrerin.

Am Willy-Brandt-Platz wurde noch einmal die internationale Solidarität beschworen und gleich direkt umgesetzt: "Fasst euch an die Hände!" fordert einer der Occupy-Redner die Demonstranten auf. Punker und Papas, Rentner und Schüler heben gemeinsam die Hände.

Multimediale Bewegung

Der Protestzug löste sich vor der EZB auf. Viele Demonstranten verbrachten den Rest des sonnigen Nachmittags in der Gallusanlage, wo die Freiflächen immer spärlicher und die Zelte immer mehr werden. Diejenigen, die seit Tagen vor der EZB campieren, wuschen Töpfe, kochten Essen oder sammelten Geld.

„Sexy queen, I love shopping“, steht auf der Tüte einer Frau, die sich auf der Wiese mit den Aktivisten unterhält. „Ja, ja die Banken denken, sie können machen was sie wollen“, sagt sie in kleiner Runde. Auf der Gallusanlage wurde auch an diesem Samstag, wieder über eine bessere Welt diskutiert.

Obwohl das Camp vom Ordnungsamt vorerst nur bis Ende des Monats genehmigt ist, entstand eine erste massive Holzhütte, die auch abschließbar ist. Im Camp werden nämlich erste Diebstähle beklagt. Eine weitere Neuerung ist das Radio-Zelt. Fernsehprofi Martin stellt dort seit kurzem Podcasts oder Livestreams aus dem Zeltdorf ins Internet. Elf Podcasts sind bislang entstanden, die es auf www.occupyfrankfurt.de in der Mediengalerie zu hören gibt.

Sofern es damit keine Probleme gibt. Die Occupy-Homepage werde nämlich gehackt, erzählt der etwa 50-jährige Jürgen Harter. Der Netzwerktechniker hat sich extra Urlaub genommen, um ins Camp einzuziehen. Auch seine E-Mail-Adresse sei vom Hacker-Angriff betroffen. "Aber das waren sicher nur Freaks", winkt er ab und lacht. Ebenfalls optimistisch erzählt er vom "Lagerkoller", der am Freitag im Camp erfolgreich "bearbeitet" worden sei. "Da stauen sich eben Emotionen auf, das ist ganz normal", meint er abgeklärt. "Das bekommen wir alles in den Griff!"

Sie keuchen im hohen Alter durch Frankfurts Straßen, nehmen unbezahlten Urlaub, um die Gallusanlage zu besetzen, und fassen einander an den Händen - egal wie unterschiedlich sie sind. Und vor allem: Sie denken nicht daran, aufzuhören.

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