Vor drei Jahren hat Jutta Deffner die Bundeshauptstadt hinter sich gelassen und ist nach Frankfurt gekommen. Inzwischen kennt sich die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gut aus in der Stadt. "Ich bin überrascht, wie viele schöne Ecken Frankfurt hat", sagt Deffner. Die schönen Ecken hat die Diplom-Ingenieurin in den ersten Monaten vor allem mit dem Rad erkundet. "Frankfurt ist eine wunderbare Stadt zum Radfahren, die Distanzen sind nicht zu groß, und man kann alles innerhalb von 20 Minuten erreichen. Das ist eine Stärke von Frankfurt."
Frankfurt - die Fahrradstadt? Die Antwort auf die Frage hängt von der Perspektive ab, aus der man die Stadt betrachtet. Im Vergleich zu Kopenhagen oder Münster schneidet Frankfurt eher schlecht ab. Die Wegenetze in diesen Vorzeigestädten des Radverkehrs sind in der Fläche und in der Qualität häufig besser, der Anteil der Radler am Gesamtverkehrsaufkommen deutlich höher.
Aber taugen diese Vergleiche? "Wir sollten den Ball flach halten", sagt Fritz Biel von Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) in Frankfurt. "Wir müssen immer auch sehen, wo wir herkommen." Im Gegensatz zu den Vorzeigestädten muss sich Frankfurt als Fahrradstadt neu entdecken. Dabei hatte die Stadt noch bis in die 50er Jahre einiges zu bieten, sagt Biel. Eine Menge Radwege hätte es damals gegeben, bis mit wachsendem Wohlstand auch die Zahl der Autos wuchs - und mit ihr der Platzbedarf in der Stadt. Radwege seien damals in Park- und Halteflächen für Autos umgewidmet worden.
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Inzwischen ist das Konzept der autogerechten Stadt am eigenen Erfolg zu Grunde gegangen - stehender Verkehr, Abgase und Feinstaub machen Innenstädte nicht attraktiver. Heute lautet die Maxime, dass Radfahren "zur urbanen Lebensqualität sowie zu Einsparungen bei den Kosten für den motorisierten Verkehr und zur Förderung der Gesundheit bei", heißt es im jüngsten Bericht der Bundesregierung über die Situation des Fahrradverkehrs.
Immerhin - Frankfurt hat die Zeichen der Zeit früh erkannt. Anfang der 90er Jahre war die Stadt Vorreiter, als es darum ging, die Einbahnstraße gegen die Fahrtrichtung für Radler zu öffnen. Im August 1991 hatte der hessische Verkehrsminister seine Zustimmung für den Modellversuch gegeben. Im gleichen Jahr hatte das Stadtparlament den ersten Teil der "Radverkehrskonzeption Frankfurt" verabschiedet, das auf Initiative des damaligen Planungsdezernenten Martin Wentz (SPD) entworfen worden war. Eines der jüngsten Beispiele ist die Radroute 10 zwischen Höchst und Innenstadt, für die der Magistrat jetzt die Vorplanung entschieden hat.
Eine ganze Menge geschafft
Die Leitplanung, sagt ADFC-Mann Biel, "ist einer der entscheidenden Punkte gewesen", auf die Verkehrsdezernent Lutz Sikorski (Grüne) heute aufbauen kann. Seit Wentz' Zeiten hat die Stadt zig Millionen für den Bau von Radwegen oder die Ausweisung von Radrouten ausgegeben. Das Erfolg dieses Engagements lässt sich längst in Zahlen ausdrücken: Zwischen 1997 und 2006 hat sich der Anteil des Radverkehrs in Frankfurt verdoppelt, beim ADFC-Klimatest hat die Stadt zwischen 2003 und 2005 den Sprung von Platz 23 auf Platz 14 bei unter insgesamt 28 verglichenen Städten geschafft. Längst wird der ADFC bei Planungen rechtzeitig gehört, kooperieren etwa Verkehrs- und Planungsdezernat beim Entwurf neuer Wege für Radler. Und dennoch hakt es. Es gibt - obgleich vom Magistrat verabschiedet - keine einheitliche Kennzeichnung von Radwegen, weshalb die gute Erkennbarkeit der Wege nicht immer gegeben ist. Bei der Planung von Neubauvierteln wird immer noch vergessen, Radwege einzuplanen, wie am Riedberg geschehen. Baustellen sind häufig ein Katastrophenfall für Radler. An Ampelanlagen müssen Radler noch zu lange warten, bis sie weiterfahren können. "Die Potenziale sind noch nicht ausgeschöpft", sagt Wissenschaftlerin Jutta Deffner. Die Kommunikation über das Thema Radverkehr sei ein ganz wichtiges Thema und in Frankfurt nicht ausgeprägt. Zumal mit einer guten Kommunikation auch ein Verkehrsklima geschaffen werden könne, das allen Verkehrsteilnehmern nutzt. "Die Stadt muss Lust aufs Radfahren machen, und darf nicht nur den Umweltaspekt in den Vordergrund stellen." Bei den Radwegen gebe es gute Ansätze, aber im feinmaschigen Netz gebe es immer wieder "kleine Hürden, die im Alltag extrem auffallen". An den Ausfallstraßen fehlten ausreichend Radwege und die Wegeführung an Baustellen sei mangelhaft.
Dennoch fällt die Bilanz nicht negativ aus für ADFC-Mann Biel. "Frankfurt macht eine ganze Menge, aber wir schaffen es nicht, die Fortschritte zu kommunizieren." Biel sagt auch, er sei nicht unzufrieden, ein erheblicher Teil des Weges sei geschafft, "aber wenn man auf guten Niveau weitermachen will, muss man stärker investieren".



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