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09. Februar 2010
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Leitartikel

Kein Blattschuss

Die gestrige Entscheidung, den Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb in der Caricatura abzusagen, ist pragmatisch - aber zugleich auch abgrundtief falsch
STEFAN BEHR

Beim abgesagten Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb geht es um die bis zum Erbrechen breitgelaberte Tucholsky-Frage "Was darf Satire?" Die Antwort gab weiland der Meister selbst: "Alles!", und Recht hatte er. Satire darf alles, Gotteslästerung eingeschlossen.

Überhaupt ist es so, dass man über alles Witze machen darf, solange sie gut sind. Aber selbst der schlechte Witz steht unter Artenschutz. Die Mohammed-Karikaturen etwa, die die dänische Zeitung Jyllands Posten veröffentlichte, waren gewiss nicht die Spitze der Hochkomik. Aber in einem freien Land muss es möglich sein, auch so etwas zu veröffentlichen - selbst angesichts der schrecklichen Konsequenzen, die ein paar dämliche Witzbilder weltweit nach sich zogen.

Ein guter Witz hingegen ist zweifellos der, dass die Raumvermieter keine Ahnung gehabt hätten, was da auf sie zukommt. Ein Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb, ausgerichtet von Deutschlands führendem Satiremagazin anlässlich einer Buchmesse, auf der das Gastland Türkei heißt - das macht doch nichts, das merkt doch keiner? Haha!

Die Titanic-Redakteure sind passionierte Gotteslästerer, sie haben mittlerweile jede Weltreligion auf jedem denkbaren Niveau verhohnepiepelt. Die Neue Frankfurter Schule kennt sowieso nur wenige Tabus, etwa die, Witze über sich selber und zwei besondere Tierarten zu reißen: "Elche, Molche, ich und du sind tabu", hieß es damals, und so heißt es noch heute. Von Mohammed, Jesus, dem Papst oder auch dem Dalai Lama steht da wenig drin. Und es ist durchaus anzunehmen, dass an den Worten des Titanic-Redakteurs Leo Fischer, Frankfurt habe sich "um einen vergnüglichen Abend gebracht", etwas dran ist. Insofern ist die Entscheidung von Museumsdirektor Gerchow, die Caricatura als Ausstellungsort zu streichen, zu bedauern.

Aber ist sie auch falsch? Mit Sicherheit ist sie pragmatisch. Tatsächlich taugt die Caricatura nicht als Ort für eine Großveranstaltung. Selbstverständlich sind die Werke dort viel zu wertvoll, um dort Randale auch nur in Erwägung zu ziehen. Natürlich steht das Polizeiaufgebot, das nötig wäre, in keinem Verhältnis zum zu erwartenden Spaßfaktor - zumindest finanziell.

Falsch ist sie trotzdem. Weil es hier um mehr geht als um eine Veranstaltung, über deren sittlichen Nährwert man streiten kann. Weil es hier um die Verteidigung dessen geht, für das sich manche Menschen schon haben totschießen lassen: Um das Recht, frei seine Meinung zu sagen, auch wenn das manchen nicht passt. Um die Freiheit der Kunst, um deren Recht, zu provozieren und anzuecken. Nach dem gestrigen Knall jedenfalls ist der Frankfurter Elch angeschossen. Aber ein Blattschuss war es nicht.


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Dokument erstellt am 16.10.2008 um 00:04:02 Uhr
Erscheinungsdatum 16.10.2008 | Ausgabe: R2NO
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