Es ist ein Abschied von früheren Vorstellungen. "Multikulti", das gehörte in die 80er Jahre. Dann ging es um das Nebeneinander diverser Kulturen, die sich durch ihre Herkunft unterscheiden ließen. Kultur schrieb man dann dem nationalen Ursprung des Fremden zu, von dem man erwartete, dass sich die Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft einpassen würden. Das ist für Nargess Eskandari-Grünberg eine Sicht der Dinge, die mit den Realitäten in dieser Stadt nichts mehr zu tun hat.
Betonung auf: Realitäten, sagt die Integrationsdezernentin am Donnerstag bei der Vorstellung ihres "Entwurfs für ein Integrations- und Diversitätskonzepts für Frankfurt am Main". Denn eines müsse heute ganz klar sein: "Unsere Gesellschaft ist nicht homogen", verfüge vielmehr über ganz unterschiedliche Milieus, die sich allesamt nicht durch nationale Zuschreibungen charakterisieren ließen. Und deshalb müsse man darüber nachdenken, was Integration denn eigentlich sein soll.
Vorsichtige Wegmarkierungen versuchte die Europäische Union vor ein paar Jahren mit ihrer Migrationspolitik, die Brüssel in der Charta der Vielfalt gebündelt hat. Impulse, an denen sich Frankfurt orientieren, gleichzeitig aber darüber hinausgreifen will: Chancengleichheit und Zugänge stehen im Mittelpunkt des Konzepts, das die Dezernentin in den kommenden Monaten eingehend diskutieren will. Dabei gehe es darum, "Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie wir unser Zusammenleben künftig gestalten".
Multikulturalität ist bislang der zentrale Begriff jeder integrationspolitischen Debatte gewesen. Das zielte auf das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen unter der Voraussetzung gegenseitiger Anerkennung in der Erwartung, dass sich Minderheiten allmählich der Mehrheit anpassen würden.
Mit dem neuen Konzept verabschiedet sich die Integrationsdezernentin von dieser Vorstellung, weil diese Stadtgesellschaft nunmal keine homogene sei. (ing)
Das geht Alle an
Und so richtet sich das Konzept "nicht nur an die neu ankommenden und die schon ansässigen Einwanderer, sondern an alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt", betont die Politikerin der Grünen - "von den Deutschen mit oder ohne Migrationshintergrund bis zu den Menschen mit ausländischem Pass, von den hochqualifizierten Migranten der transnationalen Ökonomie, den Bildungsmigranten bis zu den Migranten mit ungesichertem Aufenthaltstatus."
Für die Studie holte sich Eskandari-Grünberg Hilfe bei Kulturanthropologen und Sozialwissenschaftlern. Etwa bei Regina Römhild, in Frankfurt eine bekannte Wissenschaftlerin, die heute an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im Umkreis von Ulrich Beck wirkt. Die Forscher beschreiben Frankfurt als "die Global City" in Deutschland, "die internationalste Stadt" des Landes, in der gegenwärtig 175 unterschiedliche Nationen leben. Diese Charakterisierung der Metropole ergebe sich allerdings nicht allein aus der Vielzahl ethnischer Gruppen, sondern auch aus dem Standort selbst, dem Drehkreuz für die Wege der Menschen durch das alte Europa.
"Super-Vielfalt"
Diese Stadt zeichne sich durch "Super-Vielfalt" aus. Das ist ein ganz neuer Terminus in der integrationspolitischen Debatte. Der Begriff betont die große Zahl unterschiedlicher Milieus in der Kommune. So zeigten "neue Perspektiven auf die Zusammensetzung der eingewanderten Bevölkerung", dass Frankfurt neben Einwanderern aus dem Mittelmeerraum und dem Osten Europas "seit langem auch von einer hohen Zahl kleiner Gruppen aus aller Welt" angesteuert werde, berichtet Römhild. Für die Studie arbeitete sie mit Steven Vertovec zusammen, dem Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Die Forscher heben hervor, dass die Einwanderer unter sich alles andere als homogene Gruppen seien. So gebe es in Frankfurt den bleibenden Händler neben durchreisenden Geldmanagern.
Sehe man sich "die komplexe Diversität" genauer an, entdeckt man diese Vielfalt über die gesamte Stadt verteilt, also nicht "nur in den klassischen Einwanderervierteln". Ein Befund, der "der verbreiteten Befürchtung von ,Parallelgesellschaften´" widerspreche. So wie sich die Zuwanderer auf die gesamte Stadt verteilten, so unterschiedlich seien sie auch: "Es gibt vielfach differenzierte Einwanderergruppen", bilanziert Römhild: "Die Gesellschaft der Einwanderer ist so vielfältig wie die Gesellschaft der Deutschen."
"Ein großer Tag"
Nargess Eskandari-Grünberg zieht daraus ihre Schlüsse, vorläufige Schlüsse, wie sie betont, um den Charakter des "Entwurfs" der Integrationsstudie zu akzentuieren. Von jetzt an kann bis zur Entscheidung des Stadtparlaments jeder mitreden. Jeder, sagt die Stadträtin, vor allem die Migranten sollten sich in dieser Angelegenheit unbedingt angesprochen fühlen. Schließlich gehe es um das künftige Zusammenleben aller Menschen in dieser Stadtgesellschaft. Und das sei nun wirklich keine Kleinigkeit.
"Integration fördern, aber mit Diversität umgehen", fasst Eskandaris Referent Armin von Ungern-Sternberg den Grundgedanken des Konzepts zusammen. Dabei solle es nicht darum gehen, neue integrationspolitische Projekte auszuprobieren. Daran mangele es in dieser Stadt sicherlich nicht. Allein, setzt Eskandari-Grünberg hinzu, es gehe darum, das Spektrum des Angebots zu entfalten, um Vernetzungen möglich zu machen. Schließlich habe sie sich integrationspolitisch das Ziel gesetzt, "soziale Schranken, die auf Uninformiertheit und mangelndes Vertrauen zurückzuführen sind, zu überwinden." In diesem Sinne sei die Präsentation der Studie für sie auch "ein großer Tag".