Der Schriftsteller konnte es kaum glauben. So was. In Deutschland. Hatte Navid Kermani nicht erwartet, was sich da in Köln in seiner Gegenwart vollzog. Eine Versammlung der Bürger, in der die Menschen der Stadt am Rhein ohne jede Hetze miteinander stritten. Über ein Thema, das in den Wochen zuvor die Gefühle ebendieser Menschen gewaltig in Wallung gebracht hatte. Die Bürger stritten um den Neubau einer riesigen Moschee. Und das taten sie ohne Verbitterung, fiese Anwürfe, gegenseitige Unterstellungen, zivilisiert eben und ganz so, wie es für Kermani nicht zu erwarten gewesen ist: "Das war", bilanzierte der Schriftsteller vor ein paar Wochen schließlich, ohne aus seinem Respekt einen Hehl zu machen, "das war Demokratie in Reinform".
Sollte man so etwas auch über die jetzt anhebende Debatte über den geplanten Bau einer neuen Moschee in Hausen sagen, wäre etwas gewonnen - für den Zusammenhalt in dieser Stadtgesellschaft. Und für das Verständnis der Toleranz.
Denn was immer das sein sollte, was man mit den Aufklärern oder auch unter bewusstem Bezug zur Tradition der Frankfurter Schule unter diesem Begriff verstand - mehr als eine mitunter indifferente Vorstellung über ein Zusammenleben, das vor allem ein Nebeneinander sein sollte, ließ sich mit diesem Terminus nicht in Verbindung bringen. Zum Nebeneinander gehörte das Unausgesprochene, sich nebeneinander auch gegenseitig in Ruhe lassen zu wollen.
Das öffnete den Neokonservativen die Türen. Mit ihrem Spot, Toleranz sei nur ein anderes Wort für Selbstverliebtheit und radikales Desinteresse für Eigenheiten des Anderen, fanden sie durchaus Resonanz. Denn entgegenzusetzen haben diejenigen, die im Namen der Toleranz die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen suchen, nahezu nichts, was gemeinhin resonanzfähig wäre und so etwas wie ein einigendes Band in einer Gesellschaft der Aufgeschlossenen wie Toleranten hätte sein können.
Politik hinterlässt heute freie Räume. Weil sich Orientierung mit Verbindlichkeit kaum mehr einsichtig machen lässt. So entstehen Plätze, auf denen sich keine gesellschaftlichen Bindekräfte entfalten, weil sich niemand mehr für den jeweils anderen interessiert. Das sind die Orte der Beliebigkeit. Und Beliebigkeit ist die hässliche Schwester des Laissez-faire. Man kann darüber jammern. Doch das bringt Frankfurt nicht weiter. Jetzt geht es darum, zivilisiert zu streiten - über den Bau einer weiteren Moschee. Ein Projekt, dessen Bauherren Transparenz versprechen. Dafür können sie Toleranz erwarten - auch von jenen, die jenseits der Beliebigkeit ihre Vorstellungen von Toleranz hätten bestimmen sollen. Vielleicht sagt man ja über die Debatte am Ende, sie sei ein Disput in demokratischer Reinform gewesen.

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