Ünal Kaymakçi ist überrascht. Mit solch einer Welle der Empörung über das geplante Gemeindezentrum hat er nicht gerechnet. Nicht, dass der Vorsitzende des Vereins Hazrat Fatima gar keine Reaktion erwartet hätte. Es verblüfft ihn jedoch, dass solch ein Widerstand entstanden ist, noch bevor der Verein über sein Bauprojekt am Fischsteinkreisel öffentlich informiert hat. Ünal Kaymakçi ist ein besonnener Mann; er redet unaufgeregt und mit wohlbedachten Worten. Er spricht von den "Ängsten der Bevölkerung", die seine Gemeinde sehr ernst nehme. "Deswegen wollen wir ja über unsere Pläne ganz genau informieren, und auch darüber, was sich im Gemeindezentrum abspielen wird", sagt er.
Den Ängsten der Menschen, die aufkommen, wenn Moscheebauten bevorstehen, setzt Kaymakçi aber auch das Recht auf Religionsausübung entgegen. Mit Recht kennt sich der adrett gekleidete Mann aus. Der 35-Jährige hat Jura studiert und arbeitet als Angestellter einer Anwaltskanzlei am Dornbusch. Als Sohn türkischer Eltern, die 1968 als Gastarbeiter hierher kamen, ist er in Frankfurt geboren. Seine Eltern stammen aus der ostanatolischen Stadt Igdir, die an der armenischen Grenze liegt. Familie Kaymakçi gehört zur Volksgruppe der Azeri, die Vorfahren stammen aus Aserbeidschan. Das erklärt wohl auch, dass die Familie nicht wie der Großteil der Muslime in der Türkei der sunnitischen Rechtsschule angehören, sondern Schiiten sind. Seine Eltern kommen aus "einfachen Verhältnissen"; selbst ohne Bildung, setzen sie jedoch alles darauf, dass ihre vier Kinder hier anerkannte Berufe ausüben.
Kaymakçi beschreibt seine Familie als "moderat religiös". Vater und Mutter praktizierten die Religion so, wie sie es in ihrem Dorf kennengelernt hatten. Im Alter pilgerten sie nach Mekka; die Pilgerfahrt ist eine der fünf Säulen des Islam, jeder Moslem sollte, sofern er gesundheitlich dazu in der Lage ist, diesem Gebot folgen. Kaymakçi wuchs also in einer Familie auf, deren Verhalten bestimmt war von Günah, Sevap, Haram, Ayip - diese Kategorien lassen sich übersetzen als Sünde, Wohltätigkeit, verboten/unrechtmäßig und schädlich. Ein praktizierender Moslem wurde er aber erst mit Anfang 20. Nach dem Abitur auf dem Goethe-Gymnasium ging er für ein Jahr in die USA und kam zur Verwunderung derer, die ihn als einen Jugendlichen kannten, der gerne tanzte und feierte, "mit Bart zurück" . Der kurze Bart, wie Kaymakçi ihn trägt, ist für muslimische Männer eine Form, die Religiosität sichtbar zu machen.
Kaymakçi sieht sich als Vertreter einer neuen Generation von Muslimen in Deutschland. Anders als die Generation seiner Eltern fühlt er sich hier nicht als Gast, sondern als Teil dieser Gesellschaft und möchte sich nicht damit zufrieden geben, seine Religion im Industriegebiet oder Hinterhof zu praktizieren. Deutschland ist auch sein Land, hier will er bleiben. In Frankfurt hat er gebaut. Es ist ein Mehrgenerationenhaus, wo Kaymakçi mit seiner Frau, seinen drei Kindern (sechs, drei und eineinhalb Jahre alt), seiner Mutter - der Vater starb Anfang der 90er Jahre - und seinem Bruder wohnt.


Bookmark
Verlinken












